Am frühen Morgen des 31. Juli 1981 traf der Abgeordnete Mike Martin in der Wohnanlage im Osten Austins ein, in der er während der Sitzungsperiode der texanischen Legislative wohnte. Er stieg aus dem Auto und wurde von einem Schuss aus einer Schrotflinte des Kalibers 12 getroffen. Kurz darauf fand ihn einer seiner Mitarbeiter blutend auf. Martin sagte ihm, er solle seinen Pressesprecher anrufen. Die Polizei tappte im Dunkeln, doch schließlich löste Martin den Fall selbst. Bei den Tätern handelte es sich ihm zufolge um Mitglieder eines satanistischen Kults namens Schutzengel der Unterwelt. Das klang unwahrscheinlich, und immer mehr Beobachter begannen, die Schießerei damit in Verbindung zu bringen, dass Martin für den frei gewordenen Sitz im Staatssenat kandidieren wollte. Angesichts der wachsenden Zahl unbeantworteter Fragen begann die Polizei nach ihm zu suchen und fand ihn im Haus seiner Mutter in Longview in einem Stereoschrank versteckt. Kurz darauf gestand sein Cousin: Er war es gewesen, der den Abzug betätigt hatte, und die ganze Sache war inszeniert worden, um Martin beim Aufstieg in ein höheres Amt zu helfen.
In irgendeinem weniger bedeutenden Bundesstaat, in einem jener Winkel der Union, die Gott ein wenig weniger liebt, würde die Geschichte eines Abgeordneten, der seinen eigenen Überfall inszenierte und Satanisten dafür verantwortlich machte, im Geschichtsunterricht an den Schulen gelehrt. Sein Gesicht würde in jeder Redaktion an der Wand hängen. Eine Gedenktafel, vielleicht sogar eine Statue in seiner Heimatstadt, würde an die Schießerei erinnern. Dass sich in Texas fast niemand an Martins Namen erinnert, dass seine Geschichte unter Tausenden anderen Anekdoten über Exzentrik, Verwirrtheit, Ehrgeiz und chronische Unfähigkeit verschüttet wurde, zeugt von einer politischen Kultur auf außergewöhnlichem Niveau.
Texanische Politiker unterscheiden sich von Politikern anderswo und gehören neben Wind und Sonne zu den wichtigsten erneuerbaren Ressourcen des Bundesstaates. Politiker in Sacramento, Albany oder Baton Rouge sind natürlich nicht weniger verwirrt oder korrupt, doch die Art, wie sich diese Eigenschaften äußern, unterscheidet sich von Ort zu Ort, und die Männer, die Texas regiert oder schlecht regiert haben (meist waren es Männer), besitzen eine ganz eigene Würze. Über die Gründe wird viel debattiert. Insgeheim habe ich immer vermutet, dass etwas im Wasser sein muss. Es ist jedoch nicht schwer, Faktoren zu finden, die alles noch verschlimmern.
Texaner haben im Allgemeinen eine Schwäche für großmäulige Redner, Aufschneider, Scharlatane und Intriganten. Die Wähler belohnen hier Männer und Frauen, die eine gute Show bieten können und eine starke Persönlichkeit besitzen, und die Hauptstadt des Bundesstaates hat eine scheinbar endlose Reihe von Verrückten und Betrügern beherbergt. Das Schlimmste, was man über einen Politiker von hier wohl sagen kann, ist, dass er langweilig sei.
Erwähnenswert ist außerdem, dass Texas in den vergangenen hundertfünfzig Jahren nur etwa fünfzehn Jahre lang ein funktionierendes Zweiparteiensystem hatte und dass über die meisten Dinge innerhalb der Parteien entschieden wird, was ideologische Unversöhnlichkeit belohnt. Auch gibt es hier keine wirklichen Ethikgesetze, die der Rede wert wären. Manche bestehen nur zum Schein und sind kaum das Papier wert, auf dem sie stehen. Früher konnten Schecks direkt im texanischen Senat verteilt werden, und über mehrere Häuserblocks gleich neben der Congress Avenue in Austin reihten sich Bordelle und Hotels aneinander, in denen Lobbyisten die Rechnung übernehmen konnten. Unsere knarrende Verfassung aus dem neunzehnten Jahrhundert weist die Abgeordneten praktisch an, sich im Amt zu bereichern, und oft gelingt ihnen das auch. Dazu passt hervorragend, dass im Bundesstaat enorme Geldsummen verfügbar sind, von denen sich ein großer Teil in den Händen von Millionären und Milliardären befindet, die genauso exzentrisch sind wie die Politiker, die sie kaufen.
Aus diesem Kessel gingen einige große und viele weniger bedeutende Führungspersönlichkeiten hervor. Die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts brachte bemerkenswerte Gestalten hervor wie „Ma“ und „Pa“ Ferguson, ein Gouverneursehepaar, das außergewöhnliche Korruption mit populistischer Wirtschaftspolitik verband, oder „Pappy“ O'Daniel, einen Unternehmer, der dank seiner mittäglichen Radiosendung und der Western-Swing-Band Hillbilly Boys Gouverneur wurde. Aus diesen Reihen kämpfte sich auch Lyndon Baines Johnson empor, einer der seltsamsten Männer, die je auf Erden wandelten; auf einem Weg, der am Southwest Texas State Teachers College wenig verheißungsvoll begann, formte er schließlich die Vereinigten Staaten nach seinem eigenen Bild um.
Während die oberen Etagen der texanischen Politik in den vergangenen sechzig Jahren drei Präsidenten und eine Reihe weiterer Männer hervorgebracht haben, die Präsident werden wollten, sind die unteren, in der Legislative angesiedelten Etagen von Menschen bevölkert, die eine andere Art von Staunen hervorrufen. Das texanische Kapitol war im Laufe der Jahrzehnte ebenso sehr ein Ort exzessiven Trinkens, von Drogen und sexuellen Eskapaden wie ein Ort der Politik. Im texanischen Repräsentantenhaus kam es im vergangenen Jahrhundert zu so vielen Faustkämpfen und Handgemengen, dass sie sich kaum zählen lassen. 1961 zog sich eine Schlägerei so lange hin, dass vier Abgeordnete am Rednerpult ein improvisiertes Barbershop-Quartett bildeten und den Beteiligten musikalische Begleitung lieferten. 1969 würgte der Land Commissioner Jerry Sadler vor den Augen eines Radioreporters, der das Ganze auf Tonband aufnahm, einen Abgeordneten. Und Bob Bullock, ein Vierteljahrhundert lang einer der führenden Staatsbeamten, drohte einmal, er werde am Wochenende einen Reporter erschießen und ungestraft davonkommen.



