Der Mann, der der Welt den Roboterstaubsauger Roomba schenkte, kommt mit einer neuen Idee. Colin Angle hat ein vierbeiniges Roboterhaustier namens Familiar vorgestellt und möchte, dass Sie es eines Tages gerne streicheln, umarmen und mit ihm spazieren gehen. Genau wie mit einem echten Tier. Die Maschine von der Größe einer Bulldogge mit sanften Augen und Pfötchen wie ein Bärenjunges streckt sich bei einer Begegnung zur Begrüßung und lädt Sie dazu ein, sie zu streicheln. Ihr Fell ist künstlich, aber Berührungen nimmt sie wahr.
Angle steht hinter dem Startup Familiar Machines & Magic mit Sitz in Woburn im US-Bundesstaat Massachusetts. Zuvor leitete er ein Vierteljahrhundert lang das Unternehmen iRobot, das den Roomba herstellte. Und er räumt selbst ein: „Das hätte ich vor sechs Monaten noch nicht geschafft.“
Familiar funktioniert nämlich dank der neuesten generativen künstlichen Intelligenz. Derselben Technologie, die Chatbots wie ChatGPT antreibt. Der Roboter verfügt über „Ohren“ zur Aufnahme von Geräuschen und ein System künstlicher Intelligenz, das versteht, was Sie ihm sagen. Nach und nach passt er sich den Menschen in seiner Umgebung an, lernt ihre Gewohnheiten kennen und verändert sein Verhalten. Er spricht nicht, sondern gibt Laute wie ein Tier von sich. Aber er versteht.
Angle vermied es bewusst, existierende Lebewesen nachzuahmen. „Wir haben eine Form gewählt, die weder Mensch noch Hund noch Katze ist, weil wir all diese Vorurteile umgehen wollten“, erklärte er in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Das Wort „Familiar“ stammt aus der Folklore. Es bezeichnet tierische Begleiter von Hexen und Zauberern, etwa Katzen oder Eulen, oder Wesen aus Philip Pullmans Fantasy-Romanen der Reihe „His Dark Materials“. „Es ist ein archaisches, uraltes Wort“, sagt Angle. Und zu seiner Überraschung ließ es sich sogar als Marke eintragen.
Es ist nicht der erste Versuch, ein Roboterhaustier zu entwickeln. Das japanische Unternehmen Sony brachte in den 1990er-Jahren den Roboterhund Aibo aus Kunststoff auf den Markt und ließ ihn 2018 wiederaufleben. Doch Angle glaubt, dass Familiar etwas erreicht, „das es so einfach noch nie gegeben hat“.
Für Menschen, die Verpflichtungen scheuen
Wann wird Familiar erhältlich sein? Auf eine direkte Antwort müssen wir noch warten. Angle hat den Verkauf bislang nicht gestartet. Eine der Zielgruppen sind Senioren, die das Alter überschritten haben, in dem sie sich üblicherweise Haustiere anschaffen. „Nicht, weil sie keinen Spaß mehr an ihnen hätten, sondern weil die Sorge und die Verpflichtung, sich um sie zu kümmern, so groß sind, dass sich im höheren Alter kaum jemand an ein neues Tier heranwagt“, sagt Angle.
Der Roboter könnte auch in Seniorenheimen oder als emotionale Unterstützung bei der psychischen Gesundheitsversorgung zum Einsatz kommen. Darauf weist Maja Matarić hin, Professorin für Informatik an der University of Southern California. Vor 25 Jahren begründete sie das Fachgebiet der sozial assistiven Robotik mit, mit dem Ziel, Maschinen zu entwickeln, die Menschen emotionale Unterstützung bieten können. Als sie Angles Prototyp zum ersten Mal sah, legte sie sich sofort auf den Boden, begann ihn zu streicheln und zu untersuchen. „Jahrzehntelange Forschung zu Mensch-Roboter-Interaktionen zeigt, dass ein Roboter, der niedlich, individuell angepasst und verletzlich ist, für Menschen viel attraktiver und sympathischer ist als die Alternative“, sagt Matarić.
Das MIT-Team stellt sich gegen den Humanoiden-Trend
Angle arbeitet mit bekannten Pionieren der Robotik zusammen. Marc Raibert, Gründer von Boston Dynamics und Pionier der robotischen Fortbewegung, gehört zu seinen Beratern. Ebenso Cynthia Breazeal, die den Roboterkopf Kismet und später den sprechenden Tischroboter Jibo erschuf. Dabei handelt es sich um frühe Versuche, Robotern sozialen Ausdruck zu verleihen.
Viele von ihnen arbeiteten am Massachusetts Institute of Technology zusammen. Und sie teilen die Skepsis gegenüber dem aktuellen Trend zu eleganten humanoiden Robotern, die zwar wie Menschen gehen, körperlich aber praktisch nichts Nützliches leisten können. Matarić fügt hinzu: „Vor der generativen künstlichen Intelligenz konnten Roboter nicht ohne Weiteres verstehen, was Menschen ihnen sagten.“ Das hat sich nun geändert und Robotern wie Familiar die Tür geöffnet.
Vom Roomba über den Absturz bis zum Neustart
Angles Weg zu Familiar verlief nicht ohne Schwierigkeiten. iRobot machte den Roomba zum ersten weitverbreiteten Haushaltsroboter. Dann kam harte Konkurrenz, insbesondere aus China, mit der das Unternehmen zu kämpfen begann. Amazon plante zwar, iRobot zu übernehmen, zog sich letztlich jedoch von der Transaktion zurück. Angle trat 2024 als Unternehmenschef und Vorsitzender des Verwaltungsrats zurück.
Familiar Machines entstand kurz darauf und arbeitete im Verborgenen, bis Angle im Mai 2026 einen Prototyp zur Konferenz The Wall Street Journal Future of Everything nach New York brachte. Die Roboter Winston und Daphne, wie die beiden Vorführmodelle heißen, streckten sich vor dem Publikum, wedelten mit dem Schwanz und zeigten, was generative künstliche Intelligenz leisten kann, wenn sie einen Körper aus Kunstfell und vier Pfoten erhält.
Quelle: abcnews.com



