Bei den Weltspielen für humanoide Roboter, die Ende August in der Pekinger Eisschnelllaufhalle stattfanden, sprangen, boxten und tanzten die Maschinen. Der schnellste von ihnen bewältigte die 100 Meter schneller als Usain Bolt. Das Publikum jubelte ihnen sowohl bei gelungenen Kunststücken als auch bei Stürzen zu, die anschließend die sozialen Netzwerke füllten. Zwei Tage nach dem Ende der Spiele zog die Zeitung der chinesischen Armee ihre eigenen Schlüsse aus diesem Spektakel. Die Tageszeitung der Volksbefreiungsarmee forderte Wissenschaftler auf, den Transfer modernster Technologien aus den Laboren auf die Übungsplätze zu beschleunigen, und sprach dabei von robotischen „Kämpfern“.
Die Nachrichtenagentur Reuters sichtete mehr als hundert chinesische Militäraufträge, akademische Studien, Patente, amtliche Publikationen, staatliche Aufzeichnungen und Unterlagen von Rüstungsunternehmen. Die Dokumente zeigen, dass der dortige Verteidigungsapparat die Erforschung der militärischen Nutzung von Humanoiden beschleunigt und sich auf ihren Einsatz im Krieg vorbereitet.
Militärische Einrichtungen testen, was Roboter aushalten
Bislang unveröffentlichten Dokumenten zufolge testen militärische Einrichtungen, ob Humanoide den Anforderungen des Schlachtfelds entsprechen. Sie fragen sowohl die Roboter selbst als auch Technologien für deren Training nach und untersuchen, wie sie an der Seite von Soldaten eingesetzt werden könnten. Die Arbeiten nahmen in den Jahren 2025 und 2026 an Fahrt auf und konzentrieren sich darauf, wie die Maschinen ihre Umgebung wahrnehmen, Gegenstände handhaben und woher sie ihre Lerndaten beziehen. China hat dafür günstige Voraussetzungen im eigenen Land geschaffen. Laut BofA Global Research stammten im Jahr 2025 etwa 95 Prozent der weltweiten Lieferungen humanoider Roboter von dortigen Herstellern. Dem Militär steht somit eine schnell wachsende Industrie zur Verfügung, während es zugleich eigene militärische Einsatzmöglichkeiten entwickelt.
Eine Waffe in den Händen eines Humanoiden bleibt bislang jedoch reine Vorstellung. Die Nachrichtenagentur Reuters fand keine Beweise dafür, dass China einen bewaffneten Roboter in eine einsatzfähige Militäreinheit integriert hätte. Die Maschinen verbrauchen viel Energie und sind außerhalb sorgfältig vorbereiteter Vorführungen nicht zuverlässig. Das Gefechtsumfeld bringt so viele Variablen mit sich, dass die Fähigkeiten der Roboter darin auf unvorhersehbare Weise versagen, warnt Aaron Johnson, Professor für Maschinenbau an der Carnegie Mellon University.
Roboter an der Frontlinie
Eine konkrete Vorstellung vom Häuserkampf hielten chinesische Militärwissenschaftler bereits im vergangenen Jahr schriftlich fest. Die im August veröffentlichte Studie, die von Mitarbeitern des Testzentrums der Nationalen Universität für Verteidigungstechnologie in Xi’an stammt, beschreibt sechs Kampfroboter, darunter Humanoide, Roboterhunde und unbemannte Fahrzeuge. Die Maschinen würden in zwei Angriffsgruppen aufgeteilt und gemeinsam mit Infanteristen ein vom Gegner besetztes Gebäude Stockwerk für Stockwerk und Raum für Raum durchsuchen. Die Autoren gingen von einer Technik aus, die ihrer Einschätzung nach in fünf bis zehn Jahren verfügbar sein könnte. Sie gaben jedoch nicht an, welche Regeln für die Anwendung von Gewalt für die Roboter gelten, welche Bewaffnung sie tragen oder wie sie bei Begegnungen mit Zivilisten vorgehen sollten.
Bereiche, in denen zweibeinige Maschinen nützlich sein könnten, beschreibt Juo-Min Chou vom taiwanischen Institut für Verteidigungs- und Sicherheitsforschung. Fortschritte bei Gleichgewicht, Umgebungswahrnehmung und Ausdauer könnten sie zu Helfern in Gebäuden, Tunneln oder Innenräumen von Schiffen machen. Zwei Arme und zwei Beine ermöglichen theoretisch nämlich das Gehen, Klettern und den Umgang mit Gegenständen. Bei einfacheren Aufgaben wie Aufklärung oder Materialtransport bleiben vierbeinige, kettengetriebene oder auf Rädern fahrende Roboter eine leichter einsetzbare und günstigere Alternative.
Ein im Juli 2025 in der chinesischen Armeezeitung veröffentlichter Text behauptete, dass sich die Aufgaben von Humanoiden schrittweise von der Unterstützung der Truppen hin zum eigentlichen Kampf verlagern könnten. Er erörterte auch, wie ein Roboter die Erlaubnis erhalten könnte, auf ein lebendes Ziel zu schießen, das zuvor von einem Menschen bestätigt wurde. Im Dezember veröffentlichte das Östliche Kriegsschauplatzkommando dann eine mit künstlicher Intelligenz erstellte Montage, in der Militärroboter, darunter Humanoide und Vierbeiner, die taiwanische Verteidigung in einem hypothetischen zukünftigen Konflikt zerschlagen.
Vorstoß hinter die feindlichen Linien
Das militärische Interesse an Humanoiden begann in China im Jahr 2024 zu wachsen. Die Nationale Universität für Verteidigungstechnologie und die chinesische Akademie der Militärwissenschaften veranstalteten damals ein Forum für Verteidigungstechnologie, bei dem sich ein Teil des Programms ausdrücklich mit der militärischen Nutzung humanoider Systeme befasste. Ein Jahr später sprach die Universität bereits von Robotern als Werkzeugen für das Schlachtfeld. Ihr Wettbewerb vom Juni 2025 umfasste eine Disziplin, die einen Vorstoß hinter die feindlichen Linien simulierte. Die Maschinen mussten in ein Gebiet eindringen, es kartieren und Ziele aufspüren. Eine andere Aufgabe sah vor, dass Roboter auf Militärstützpunkten Identitäten überprüfen, die Einhaltung der Ordnung überwachen und Patrouillen durchführen. Die Universität selbst bezeichnete den Wettbewerb als Testumgebung für Humanoide, die später auf dem Schlachtfeld eingesetzt werden sollen.
Im Mai 2025 schrieb das Militär einen Auftrag für einen humanoiden Roboter einschließlich Installation und technischer Schulung aus. Vier Monate später erschien eine Ausschreibung für ein humanoides Robotersystem mit fortschrittlicher Wahrnehmung und geschickter Manipulation, wobei als Kontakt eine E-Mail-Adresse der Universität angegeben war. Die Dokumente enthielten nur wenige Einzelheiten, und Reuters konnte nicht feststellen, ob die Aufträge überhaupt umgesetzt wurden, welche Unternehmen sie erhielten und welche Modelle gegebenenfalls geliefert wurden.
Das Militär bezahlt auch für Daten
Im Juni dieses Jahres stellte das Militär rund 300.000 Dollar für ein System bereit, das Daten von Kameras, Radar und Bewegungsaufzeichnungen sammeln und kennzeichnen soll, einschließlich Informationen über das Gelände, das ein Roboter durchqueren kann.
Die Ausschreibung zeigt, dass sich das Interesse des chinesischen Militärs vom eigentlichen Bau der Roboter hin zu ihrer Wahrnehmung, Manipulation und ihren Trainingssystemen verlagert. Gerade diese halten Verteidigungsexperten für entscheidend, damit Humanoide über Vorführungen unter kontrollierten Bedingungen hinauskommen.
Rüstungskonzern bietet Roboter für Patrouillen an
Im Laufe dieses Jahres verlagerte sich die Entwicklung von Humanoiden von den Militärhochschulen in die chinesische Rüstungsindustrie. Das zeigt der Roboter Fuxi des staatlichen Konzerns Norinco. Im August veröffentlichte Unternehmensunterlagen beschreiben die lebensgroße Maschine als geeignet für Patrouillen, Aufklärung bei jedem Wetter und Arbeiten an gefährlichen Orten. Fuxi kann mit einem System verbunden werden, über das ihn ein Mensch aus der Ferne steuert. Dadurch wird das umgangen, was viele Robotikexperten als größte Schwäche von Humanoiden bezeichnen: die Notwendigkeit, völlig selbstständig Entscheidungen zu treffen.
Die Amerikaner versuchen dasselbe, liegen aber zurück
Auch die US-Armee schrieb im vergangenen Jahr einen Wettbewerb zur Entwicklung militärischer humanoider Technologien aus, die künftig an der Seite von Soldaten eingesetzt werden könnten. Als mögliche Aufgaben nannte sie Aufklärung, Bewachung, Beseitigung von Hindernissen, Umgang mit gefährlichen Stoffen sowie offensive und defensive Operationen in städtischen Gebieten. Bis zu zehn Finalisten sollten ihre Systeme in diesem Jahr gemeinsam mit US-Militärexperten testen, wobei für Folgeaufträge mehr als eine Million Dollar vorgesehen ist.
Bei der Herstellung zwei- und vierbeiniger Maschinen liegt die US-amerikanische Robotik jedoch deutlich hinter der chinesischen zurück. Reuters berichtete im vergangenen Monat, dass das chinesische Unternehmen Unitree, einer der weltweit größten Hersteller von Humanoiden und Roboterhunden, den Entwurf seines meistverkauften Modells auf einer Entwicklung aufbaute, die ursprünglich von der US-Armee finanziert worden war. Weder das Pentagon noch die US-Armee äußerten sich zu diesem Thema.
Wer erkennt, dass sich der Gegner ergibt
Auch eine ferngesteuerte Maschine stößt früher oder später auf Fragen, die sich technisch nicht lösen lassen. Das Kriegsvölkerrecht schreibt vor, Kombattanten von Zivilisten zu unterscheiden und weder Verletzte noch Personen anzugreifen, die sich ergeben. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz warnte, dass autonome Waffen Schwierigkeiten haben könnten, Kapitulationssignale zu erkennen, da eine solche Beurteilung vom Kontext, vom Verhalten und von der Absicht abhängt.
Die US-Armee verlangt für autonome Waffen eine rechtliche Prüfung, Tests unter realistischen Bedingungen und dass sowohl Befehlshaber als auch Bedienpersonal eine angemessene Kontrolle über die Anwendung von Gewalt behalten. Das chinesische Verteidigungsministerium erklärte im März, dass durch künstliche Intelligenz gesteuerte Waffen unter menschlicher Kontrolle bleiben müssten. Chinas Interesse an militärischen Humanoiden hat dies jedoch keineswegs gebremst.
Wang Jung-chua von der Akademie der Militärwissenschaften schrieb in einem Kommentar vom November, dass Humanoide weiterhin ungelöste Probleme bei Bewegung, Wahrnehmung und Intelligenz hätten. Damit sie zu gängigen militärischen Systemen werden, seien ein technologischer Durchbruch, niedrigere Produktionskosten und eine Serienfertigung erforderlich. Sollte dies gelingen, würden humanoide Roboter seiner Einschätzung nach bald die Schlachtfelder füllen.
Quelle: dailysignal.com



