Anfang September lief der erste humanoide Roboter Iron des chinesischen Automobilherstellers XPeng vom Band der neu in Betrieb genommenen Produktionslinie. Das Unternehmen bezeichnete sie als die weltweit erste automatisierte Produktionslinie für fortschrittliche humanoide Roboter und als Übergang von Laborprototypen zur echten industriellen Fertigung. Die Serienproduktion soll bis Ende dieses Jahres beginnen. Den offiziellen Verkauf und die Auslieferung an Kunden in China und im Ausland plant XPeng für das kommende Jahr.
Der Automobilhersteller XPeng und die neue Produktion
Die meisten humanoiden Roboter, die heute auf Konferenzen und in Videos zu sehen sind, werden in kleinen Serien von Hand gefertigt, praktisch Stück für Stück. Gerade deshalb ist es bei ihnen schwierig zu gewährleisten, dass sich zwei produzierte Maschinen gleich verhalten. XPeng geht anders vor. Das Unternehmen hat die Produktionslinie nach den Standards der Automobilfertigung gebaut, und mehr als achtzig Prozent der wichtigsten Produktionsschritte werden dort von Maschinen ausgeführt. Firmenchef und Gründer He Xiaopeng erklärte dazu, man habe die Linie von Grund auf neu entwickeln müssen, weil es niemanden gegeben habe, den man hätte nachahmen können. Der heutige Schritt sei ihm zufolge zwar klein, doch der Automobilhersteller baue eine Produktion für eine völlig neue Produktkategorie auf und wolle ein höheres Tempo sowie größere Stückzahlen erreichen. Den symbolischen Schlusspunkt setzte er, als er Iron persönlich einen Mitarbeiterausweis ansteckte. Damit wurde der Roboter formell zu einem Mitglied des Teams.
XPeng ist vor allem als Hersteller von Elektroautos bekannt. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Guangzhou, ist an den Börsen in New York und Hongkong notiert und bietet Modelle wie den X9, G6, G9, P7 oder den neuen L03 an. Nach eigener Aussage bezeichnet sich das Unternehmen inzwischen nicht mehr als Automobilhersteller. Es spricht von physischer künstlicher Intelligenz, also dem Bestreben, KI von den Bildschirmen in die reale Welt zu bringen, wo sie Objekte greifen, Hindernisse umgehen und sich mit Menschen verständigen muss.
Das Unternehmen entwickelt eigene Turing-Chips, Modelle, die die physische Welt verstehen, Elektroautos, Robotaxis und fliegende Fahrzeuge. Das Management spricht seit Langem von drei Wachstumsfeldern: Autos, Robotik und Expansion ins Ausland. Die Robotik ist als zweiter großer Geschäftsbereich hinzugekommen. Schätzungen zufolge soll die Marge pro verkaufter Maschine deutlich höher sein als bei Elektroautos, da das Gebiet technisch sehr anspruchsvoll ist und es nur wenige hochwertige Zulieferer gibt.
Iron sieht aus wie ein Mensch
Iron soll in einer Umgebung funktionieren, die Menschen für sich selbst geschaffen haben, also in Geschäften, auf Fluren, zwischen Tischen und auf Treppen. Zwei Beine und zwei Hände mit Fingern sind in einer solchen Umgebung praktischer als Räder und ein einzelner Greifarm, weil die Maschine weder eine speziell angepasste Halle noch Führungsstreifen auf dem Boden benötigt.
Die Konstruktion besteht aus einer vollständig geschlossenen, flexiblen Gitterstruktur, die Optik und Sicherheit miteinander verbindet. Einfacher gesagt ist die harte Mechanik unter einer nachgiebigen Oberfläche verborgen, sodass ein Zusammenstoß mit einem Menschen nicht mit einem Schlag durch eine Metallkante endet. Bei der neuen Generation erwähnt XPeng außerdem eine bionische Wirbelsäule, elektronische Haut und einen natürlichen Gang. All das soll es den Menschen erleichtern, die Maschine in ihrer Nähe zu akzeptieren. Der Roboter soll auch natürliche Gespräche führen und sein Erscheinungsbild an die jeweilige Rolle anpassen können, die er gerade übernimmt.
Hier ist zu erwähnen, dass Iron mehrere Versionen durchlaufen hat und die Angaben je nach Quelle voneinander abweichen. Materialien für den australischen Markt nennen 82 Freiheitsgrade, während der Bericht über die Produktionslinie 76 Freiheitsgrade im Körper und 21 in jeder Hand erwähnt. Der Fachkatalog Humanoid.guide gibt für eine frühere Version des Roboters etwa sechzig Gelenke, insgesamt rund zweihundert Bewegungsfreiheitsgrade und Hände mit 22 Freiheitsgraden an. Dieselbe Quelle beschreibt eine 173 Zentimeter große und etwa siebzig Kilogramm schwere Maschine, die sich mit rund vier Kilometern pro Stunde fortbewegt, maximal sieben erreicht, zwanzig Kilogramm tragen kann und mit einer Akkuladung etwa vier Stunden durchhält. Zur Ausstattung gehören eine Rundumsicht, die als Adlerauge bezeichnet wird, sowie eine nach dem Vorbild von Knochen, Muskeln und Haut aufgebaute Struktur mit flexibler Wirbelsäule.
Den Rechenkomponenten misst XPeng die größte Bedeutung bei. In Iron arbeiten drei firmeneigene Turing-Chips, deren gemeinsame Leistung das Unternehmen mit 2.250 TOPS angibt. Diese Einheit wird bei Chips für künstliche Intelligenz verwendet und bezeichnet die Anzahl einfacher Operationen, die eine Maschine pro Sekunde ausführen kann. Ein TOPS entspricht einer Billion solcher Vorgänge, sodass Iron laut Hersteller etwa zweitausend Billionen Berechnungen pro Sekunde durchführt. Der Grund für diese hohe Leistung liegt darin, dass das Bild der Kameras mehrere Dutzend Mal pro Sekunde verarbeitet, Objekte vor dem Roboter erkannt, die Stabilität seiner Schritte berechnet und die Bewegung seiner Finger beim Umgang mit zerbrechlichen Gegenständen kontrolliert werden muss. Jede einzelne Operation ist trivial, doch es müssen enorm viele davon und vor allem sofort ausgeführt werden. Diese Rechenleistung benötigt das Unternehmen auch, damit das physische KI-Modell direkt im Roboter und nicht auf einem entfernten Server läuft. So kann die Maschine ohne Verzögerung reagieren. Zudem müssen die Umgebungsdaten das Gerät nicht verlassen, was das Unternehmen als Vorteil für den Datenschutz darstellt.
XPeng zufolge kann Iron dadurch komplexere Aufgaben bewältigen, ohne dass ihn jemand aus der Ferne anleiten muss. Die Software basiert auf der firmeneigenen Plattform Tianji AIOS, die Umgebungswahrnehmung, Bewegungssteuerung und Sprachkommunikation miteinander verbindet. Das Modell soll Bild, Sprache und Bewegung zu einer Einheit verknüpfen. Die meisten Vorführungen fanden bislang unter Laborbedingungen oder sorgfältig vorbereiteten Bedingungen statt, sodass sich das Verhalten im realen Betrieb erst noch zeigen muss.
Wo Iron arbeiten wird
Die ersten Einsätze werden in den Räumlichkeiten des Unternehmens stattfinden. Die Roboter werden in den eigenen Verkaufsräumen und Betriebseinrichtungen eingesetzt, also in einer Umgebung, die das Unternehmen kontrolliert und in der es mögliche Fehler sicher beheben kann. Genannt werden Aufgaben wie das Begrüßen und Begleiten von Besuchern im Showroom, der Empfangsdienst oder unterstützende Tätigkeiten in der Produktion.
Neben der kommerziellen Nutzung ist Iron auch für die Forschung interessant. Die Hände mit jeweils einundzwanzig Freiheitsgraden gehören zu den geschicktesten, die bei einem in Serie gefertigten humanoiden Roboter erhältlich sind. Universitäten und Labore sehen darin eine ideale Grundlage für die Erprobung verkörperter künstlicher Intelligenz. Zum Angebot gehören Fernaktualisierungen und eine Cloud-Anbindung, durch die sich die Maschine schrittweise verbessern soll.
He Xiaopeng spricht wiederholt von einem Roboter, der Teil des Alltags werden, den Menschen die tägliche Haushaltsführung erleichtern und schließlich als Begleiter dienen soll. Materialien für ausländische Märkte zeigen Iron deshalb bei manuellen Tätigkeiten in einer häuslichen Umgebung.



