Ein leuchtend roter Humanoid namens Lightning sprintete durch die Straßen Pekings und flog förmlich über die Ziellinie. Er besiegte nicht nur alle menschlichen Konkurrenten. Er brach auch den Weltrekord. Im Industriepark Beijing E-Town fand die zweite Auflage des Halbmarathons für humanoide Roboter statt. Mehr als hundert Maschinen gingen an den Start. Neben ihnen liefen über 12.000 menschliche Läufer auf einer separaten Spur, um Zusammenstöße zu vermeiden. Das Ergebnis: Die Maschinen stahlen allen die Show.
50 Minuten und 26 Sekunden
Lightning, entwickelt vom chinesischen Unternehmen Honor, das ursprünglich als Smartphone-Hersteller bekannt war, absolvierte 21 Kilometer in 50 Minuten und 26 Sekunden. Der ugandische Langstreckenläufer Jacob Kiplimo hält den menschlichen Weltrekord über dieselbe Distanz: 57 Minuten, die er im März dieses Jahres in Lissabon lief. Lightning war fast sieben Minuten schneller.
Im Detail war das Ergebnis sogar noch interessanter. Das Staatsmedium Global Times berichtete, dass ein anderer, ferngesteuerter Roboter von Honor als Erster überhaupt nach 48 Minuten und 19 Sekunden die Ziellinie überquerte. Lightning navigierte während des Rennens jedoch selbstständig und erhielt deshalb gemäß den Wettbewerbsregeln den Siegertitel. Der zweite und dritte Roboter aus dem Honor-Team erreichten das Ziel nach etwa 51 beziehungsweise 53 Minuten.
Du Xiaodi, Test- und Entwicklungsingenieur bei Honor, erklärte das Geheimnis der Maschine. Der Roboter wurde nach dem Vorbild menschlicher Spitzenathleten entwickelt. Seine Beine sind etwa 95 Zentimeter lang, außerdem ist er mit einem leistungsstarken Flüssigkeitskühlsystem ausgestattet, das größtenteils selbst entwickelt wurde. „Perspektivisch könnten einige dieser Technologien auch in anderen Bereichen zum Einsatz kommen“, sagte Du. „Die Zuverlässigkeit der Konstruktion und der Flüssigkeitskühlung könnte in Industriebetrieben genutzt werden.“
Ein Schreckmoment, aber am Ende ein Triumph
Das Rennen verlief nicht ohne Sturz: Kurz vor dem Ziel prallte Lightning gegen ein Geländer. Die Techniker stellten ihn schnell wieder auf die Beine, und die Maschine lief bis ins Ziel. Ein dramatischeres Ende hätten sich die Fans kaum wünschen können.
Der schnellste menschliche Läufer, der 29-jährige Zhao Haijie, bewältigte die Strecke in 1 Stunde, 7 Minuten und 47 Sekunden. Einen Kommentar zu den Robotern ließ er sich nicht nehmen. „Ich hatte das Gefühl, dass sie ziemlich schnell liefen“, sagte er nach dem Rennen gegenüber NBC News. „Einfach wusch, und schon war er weg.“
Wer die erste Auflage im Jahr 2025 verfolgte, erinnert sich an das Chaos. Von 21 gestarteten Robotern überquerten nur sechs die Ziellinie. Der Sieger absolvierte den Halbmarathon damals in 2 Stunden, 40 Minuten und 42 Sekunden. Andere Roboter stürzten, kamen vom Kurs ab oder blieben einfach an der Startlinie liegen. In diesem Jahr war alles anders. Mindestens vier Roboter bewältigten die Strecke in unter einer Stunde. Es gab deutlich weniger Störungen. Und dennoch ... nicht alles verlief reibungslos.
Ein Roboter stürzte etwa 60 Meter nach dem Start mit dem Gesicht voran zu Boden und setzte das Rennen fort, nachdem sein Oberkörper mit Paketklebeband zusammengeklebt worden war. Ein anderer kam nach dem Überqueren der Ziellinie vom Kurs ab und landete in einem Gebüsch. Einer war so stark beschädigt, dass die Techniker ihn auf einer Trage wegbringen mussten. Und Xiao Pai, ein niedlicher 60 Zentimeter großer Begleitroboter, hüpfte fröhlich mit einer Babyflasche in der Hand über die Strecke.
Xue Qingheng, Gründer des Start-ups Intercity Technology, dessen Roboter Xiao Cheng das Rennen erfolgreich beendete, fasste es so zusammen: „Roboter haben heute den Körper von Mike Tyson, aber ihnen fehlt noch immer das Gehirn von Stephen Hawking.“
Warum veranstaltet China Roboterrennen?
Es geht nicht in erster Linie um Geschwindigkeit. Es geht um einen Test in einer realen Umgebung außerhalb der Laborbedingungen. Gleichgewicht, Ausdauer, Orientierung im Gelände und die Fähigkeit, auf Hindernisse zu reagieren. All das prüft die Rennstrecke auf eine Weise, die keine Testhalle nachbilden kann.
Das britische Technologieforschungsinstitut Omdia stufte kürzlich drei chinesische Unternehmen, konkret AGIBOT, Unitree Robotics und UBTech Robotics, in die alleinige Spitzengruppe des globalen Marktes für universell einsetzbare humanoide Roboter ein. Jedes von ihnen lieferte im vergangenen Jahr mehr als 1.000 Roboter aus, wobei die ersten beiden Unternehmen die Marke von 5.000 Stück überschritten.
In China gibt es mehr als 150 Unternehmen und Forschungslabore, die sich mit der Herstellung humanoider Roboter beschäftigen. Der Staat sorgt sowohl für Fördermittel als auch für Nachfrage. Pekings Plan für die Jahre 2026 bis 2030 nennt humanoide Roboter neben Gehirnchips und Quantencomputern ausdrücklich als nationale Priorität.
Der Sieger des Rennens erhält Aufträge im Wert von mehr als einer Million Yuan, also rund 146.500 Dollar. Und womöglich noch wertvoller: die Aufmerksamkeit Hunderter Millionen Menschen, die das Rennen live auf verschiedenen Plattformen verfolgten. Sun Zhigang, ein Zuschauer, der bereits im vergangenen Jahr angereist war, brachte dieses Mal seinen Sohn mit. „Ich spüre eine enorme Veränderung gegenüber dem Vorjahr“, sagte er. „Zum ersten Mal haben Roboter die Menschen übertroffen. Das hätte ich mir nie vorstellen können.“



