Das Pariser Startup Genesis AI hat vergangene Woche etwas enthüllt, wonach Robotiker seit Jahrzehnten streben. Eine Maschine, die ihre Finger wie ein echter Mensch bewegt.
Das Unternehmen stellte das Modell GENE-26.5 und eine dazugehörige Roboterhand vor, die so konzipiert ist, dass sie die menschliche Anatomie nahezu Knochen für Knochen nachbildet. In einem Werbevideo schneidet der Roboter Tomaten, schlägt mit einer Hand Eier auf, löst einen Zauberwürfel in der Luft und spielt Klavier. Eine weitere Aufnahme zeigt die beidhändige Zubereitung eines Smoothies, das Pipettieren in einem Labor und das Sortieren von vier unterschiedlich großen Gegenständen in Behälter.
Genesis AI wurde Anfang 2025 gegründet. Mitbegründet wurde das Unternehmen von Zhou Xian, einem promovierten Robotiker der Carnegie Mellon University, und Théophile Gervet, einem ehemaligen Forscher des französischen KI-Labors Mistral AI. Das Startup hat seinen Sitz in Paris, ein Teil des Teams arbeitet jedoch im Silicon Valley. Zu den Investoren gehören unter anderem der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt, der französische Telekommunikationsmilliardär Xavier Niel, die MIT-Robotikerin Daniela Rus und der Experte für Computer Vision Vladlen Koltun.
Das Unternehmen sammelte in seiner ersten Finanzierungsrunde 105 Millionen Dollar ein. Den gleichen Betrag hatte seinerzeit auch Mistral AI eingesammelt – damals die größte französische Erstfinanzierungsrunde.
Was GENE-26.5 alles kann
Das Modell ist nicht an eine bestimmte Hardware gebunden. Genesis erklärt, dass GENE-26.5 eine ganze Reihe von Robotern steuern kann, darunter auch Maschinen anderer Hersteller. Genesis will nicht nur einen einzelnen Roboter verkaufen, sondern zum Gehirn der gesamten Branche werden.
Was stand der Robotik jahrelang im Weg? Forscher nennen es „Embodiment Gap“, also die Kluft zwischen dem menschlichen und dem robotischen Körper. Die Übertragung menschlicher Bewegungen auf eine Maschine war stets mit Verlusten verbunden. Genesis behauptet, diese Kluft durch die Konstruktion der Hand und einen speziellen Datenhandschuh überwunden zu haben.
Der Handschuh ist mit taktiler elektronischer Haut ausgestattet und bildet die Bewegungen im Verhältnis 1:1:1 zwischen der Hand des Bedieners, dem Handschuh und dem Roboter ab. Nach Angaben des Unternehmens kostet er hundertmal weniger als herkömmliche Fernsteuerungssysteme und erfasste bei internen Tests bis zu fünfmal mehr verwertbare Trainingsdaten in höherer Qualität. Geplant ist, diese Handschuhe direkt in Industriebetrieben einzusetzen, wo reguläre Arbeitsschichten zugleich als Trainingseinheiten für das Modell dienen sollen.
Ergänzt werden die Daten durch Videoaufnahmen von Kameras, die an den Köpfen der Beschäftigten angebracht sind, sowie durch eine große Menge menschlicher Aufnahmen aus dem frei zugänglichen Internet.
Ein Simulator, der Roboter 430.000-mal schneller trainiert als die reale Umgebung
Genesis hat einen eigenen Simulator entwickelt, der eine physikalisch realistische Umgebung mit fotorealistischem Rendering kombiniert. Dieser kann synthetische Daten bis zu 430.000-mal schneller erzeugen, als die Zeit in der realen Welt vergeht. So absolvieren Roboter Tausende Trainingsstunden in der virtuellen Welt, bevor sie zum ersten Mal einen realen Gegenstand berühren.
Das Ergebnis ist nach Angaben des Unternehmens ein Kreislauf, in dem die künstliche Intelligenz sich selbst trainiert. Die Ingenieure testen und verbessern die Modelle mit einer Geschwindigkeit, die ein physisches Labor niemals bieten kann. „Um in der Robotik zu gewinnen, muss man auf jeder Ebene führend sein“, sagte Gervet. „Deshalb sind wir von Innovationen über den gesamten Stack hinweg besessen, von der künstlichen Intelligenz bis zur Hardware.“
Warum Europa und auf welche Branchen Genesis zunächst abzielt
Gervet erklärte in einem Gespräch mit Reuters, warum sich das Unternehmen ausgerechnet in Frankreich niedergelassen hat. „Es gab zwei wesentliche Gründe. Der erste war das Talent. Der zweite war die industrielle Basis hier für uns.“
Genesis befindet sich in fortgeschrittenen Gesprächen mit potenziellen Kunden in Frankreich, Deutschland und Italien. Das Unternehmen zielt auf die Automobilindustrie, die Elektronikbranche, die Pharmaindustrie und die Logistik. Gerade dort stoßen herkömmliche Robotergreifer an ihre Grenzen. Ein typisches Beispiel ist das Bündeln von Kabelbäumen – eine Präzisionsarbeit, bei der konventionelle Maschinen scheitern.
Vivian Sun, Vizepräsidentin für Vertrieb und Strategie, erklärte, dass die Aufträge je nach den Anforderungen des jeweiligen Kunden typischerweise drei bis fünf Jahre laufen werden. Das Unternehmen hat bereits Verträge mit Kunden unterzeichnet, deren Namen bislang jedoch nicht veröffentlicht wurden.
Der deutsche Lagerhersteller Schaeffler gab diese Woche bekannt, dass seine Robotikaufträge bis 2030 ein Volumen von Hunderten Millionen Euro erreichen könnten. Europa sucht nach Möglichkeiten, seine eigene Produktionsbasis zu stärken und die Abhängigkeit von asiatischen Fabriken zu verringern.
Konkurrenz vs. weitere Pläne von Genesis
Das chinesische Unternehmen Linkerbot entwickelt ähnliche Hardware und strebt laut Reuters eine Bewertung von sechs Milliarden Dollar an. Beide Unternehmen liefern sich ein Rennen darum, wer als Erster Maschinen mit menschenähnlichen Manipulationsfähigkeiten direkt an die Produktionslinien bringen kann.
„Genesis bewirkt einen Paradigmenwechsel in der Robotik. Dies ist ein wichtiger Meilenstein für das Team und die gesamte Branche.“ Das sagte Eric Schmidt, und Vinod Khosla von Khosla Ventures fügte hinzu, dass Genesis einer künstlichen Intelligenz näher komme, die in der realen Welt funktionieren könne.
Das Unternehmen plant eine weitere Finanzierungsrunde, will einen Börsengang jedoch nicht überstürzen. Geplant ist außerdem der erste universelle Roboter, der das Endprodukt all dessen sein soll, was bislang vorgestellt wurde: Gehirn, Hand, Handschuh und Simulator in einem Gesamtsystem.
Quelle: technology.org



