Gegen neun Uhr abends ging eine siebzigjährige Frau durch eine Straße in Macau und schaute dabei auf ihr Handy. Nichts Ungewöhnliches. Doch hinter ihr ging leise jemand, der dort definitiv nicht hingehörte. Oder besser gesagt etwas. Als die Frau stehen blieb, blieb auch er stehen. Er wartete. Schweigend. Und als sie sich schließlich umdrehte, sah sie direkt vor sich einen humanoiden Roboter vom Typ Unitree G1. Das Ergebnis? Panik, Schreie, die herbeigerufene Polizei und schließlich ein Krankenwagen.
"Du bringst mich noch um!" Wie alles begann
Aufnahmen vom Ort des Geschehens, die sich blitzschnell in den sozialen Netzwerken verbreiteten, zeigen eine Frau in einem blauen T-Shirt und einer weißen Hose, die den Roboter anschreit und mit dem Finger auf ihn zeigt. Passanten sehen mit offenem Mund zu. "Deinetwegen bekomme ich noch einen Herzinfarkt!", schrie sie die Maschine auf Kantonesisch an. "Hast du nicht genug zu tun? Warum machst du hier solchen Unsinn? Bist du verrückt?" Der Roboter reagierte auf seine Weise. Zweimal hob er die Arme. Mehr nicht.
Towin Mak, ein Vertreter des Bildungszentrums, dem der Roboter gehört, erklärte dem lokalen Fernsehsender TDM die Situation recht einfach: Der Roboter verließ das Gebiet, die Frau blieb stehen, um auf ihr Handy zu schauen, und da er nicht an ihr vorbeigehen konnte, wartete er einfach hinter ihr. Keine böse Absicht. Kein Angriff. Nur eine unglückliche Verkettung von Umständen in einer engen Straße bei Nacht. Für die Seniorin war es jedoch ein echter Schock.
Die Polizei kam, "verhaftete" den Roboter und führte ihn ab
Die herbeigerufenen Polizisten trafen ein und fanden eine Szene vor, auf die sie in ihrer Ausbildung wohl nicht vorbereitet worden waren. Einer von ihnen legte dem Roboter die Hand auf die Schulter und führte ihn gemeinsam mit einem Kollegen weg. Genauso, wie sie es mit einem verdächtigen Menschen getan hätten. Die Aufnahmen dieses Moments sind geradezu absurd. Ein Polizist mit der Hand auf der Schulter des Roboters, beide gehen die Straße entlang. Menschlich. Fast schon rührend. Das Internet taufte den Vorfall sofort in die "erste Verhaftung eines Roboters in der Geschichte" um, und die Witze liefen auf Hochtouren.
Die Frau landete unterdessen im Krankenhaus. Körperlich war sie nicht verletzt, doch sie hatte starken Stress erlitten. Nach der Behandlung wurde sie entlassen, und sie bestätigte selbst, dass sie keine Beschwerde einreichen werde. Die Polizei bestätigte, dass es zwischen ihr und dem Roboter zu körperlichem Kontakt gekommen war, wenn auch offenbar nur flüchtig. Der Roboter wurde seinem fünfzigjährigen Besitzer zurückgegeben, der von den Behörden eine eindringliche Verwarnung erhielt und sich anschließend öffentlich entschuldigte. Er räumte ein, dass die Frau sich vermutlich erschrocken hatte, als sie sich umdrehte und die Maschine direkt hinter sich sah.
Der Roboter des Unternehmens Unitree Robotics
Der Unitree G1 ist keine Science-Fiction-Erfindung. Es handelt sich um einen echten humanoiden Roboter des chinesischen Unternehmens Unitree Robotics mit Sitz in Hangzhou, der im Mai 2024 vorgestellt wurde. Er kostet etwa 13.500 Dollar, also ungefähr 300.000 Kronen. Für die Robotik ist das ein relativ erschwinglicher Preis.
Er ist 130 Zentimeter groß, wiegt etwa 35 Kilogramm und bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu zwei Metern pro Sekunde. Im Gesicht verfügt er über eine 360-Grad-Erkennungskamera, auf der Brust über einen Lautsprecher. Dank 23 bis 43 Gelenkmotoren von Kopf bis Fuß soll er beweglicher sein als ein durchschnittlicher Mensch. Die Akkulaufzeit? Rund zwei Stunden.
Das Bildungszentrum setzte ihn zu Werbezwecken ein. Genau das geschieht in Macau immer häufiger. Roboter werden Teil des Marketings, des Unterrichts und des öffentlichen Raums.
China und die Roboter
Der Vorfall in Macau ist keine zufällige Kuriosität. China testet systematisch humanoide Roboter im öffentlichen Raum und geht dabei weiter als jedes andere Land.
Seit November 2025 patrouilliert im Touristenviertel "Window of the World" in Shenzhen der humanoide Roboter T800 des Unternehmens EngineAI an der Seite von Polizisten. In Shanghai wiederum regelt ein Roboter namens "Xiao Hu" den Verkehr im Bezirk Huangpu. Roboter auf den Straßen sind zunehmend keine Ausnahme mehr. Sie werden Teil des Alltags.
Und genau an diesem Punkt wird es kompliziert. Die Technologie schreitet schnell voran. Aber die menschliche Psyche? Sie verändert sich nicht so leicht. Die siebzigjährige Frau in Macau hat das am eigenen Leib erfahren.
Roboter werden Realität
Der Fall aus Macau ist amüsant. Ich gebe zu, dass auch ich über die Aufnahmen lachen musste, auf denen der Polizist den Roboter an der Schulter abführt. Doch hinter diesem Humor verbirgt sich eine ernste Frage. Die Gesellschaft verfügt bislang über keine klaren Regeln für die Bewegung humanoider Roboter im öffentlichen Raum. Wer haftet für Schäden? Der Besitzer? Der Hersteller? Das Bildungszentrum? Und wie sieht es mit psychischen Beeinträchtigungen aus, wie in diesem Fall?
Der Besitzer des Roboters erhielt eine Verwarnung und entschuldigte sich. Der Roboter wurde zurückgegeben. Die Frau erholte sich. Diesmal ging es gut aus. Doch wie wird sich die Situation entwickeln, wenn Roboter auf den Straßen zum selbstverständlichen Teil des Stadtbilds werden? Darauf hat bislang niemand eine Antwort.
Eines ist sicher: Das Zusammenleben von Menschen und Maschinen im öffentlichen Raum beginnt genau jetzt. Und Macau wird als der Ort in die Lehrbücher der Robotik eingehen, an dem die erste "Verhaftung" eines Roboters in der Geschichte stattfand. So absurd sie auch gewesen sein mag.
Quellen: thesun.co.uk und scmp.com



