Ein Unternehmen aus Oregon, dessen zweibeinige Roboter Transportbehälter durch Lagerhallen tragen, will an die Wall Street. Agility Robotics hat den Zusammenschluss mit einer Investmentgesellschaft angekündigt, durch den es mit 2,5 Milliarden Dollar bewertet wird. Damit wird es das erste börsennotierte Unternehmen sein, das sich vollständig der Herstellung und dem Verkauf humanoider Roboter widmet.
Flaggschiff-Roboter Digit
Das Flaggschiff des Unternehmens ist ein Roboter namens Digit. Er ist etwa 175 Zentimeter groß, läuft auf zwei Beinen und hat einen Kopf mit leuchtenden Augen. Er wurde so konstruiert, dass er sich in für Menschen gestalteten Räumen bewegen kann. Er kann Lasten von knapp sechzehn Kilogramm heben und sich wiederholende Aufgaben bewältigen. Er trägt Transportbehälter, bedient Maschinen und lädt Waren von Förderbändern um. Und das problemlos zwanzig Stunden am Tag.
Michael Klein, Mitbegründer und Vorsitzender der Churchill Capital Group, bezeichnete ihn als den allerersten humanoiden Roboter, der in Lagerhallen und Industriebetrieben beschäftigt und kommerziell eingesetzt wird. Digit hat bereits mehr als 65.000 Stunden an neun Kundenstandorten gearbeitet. Dazu gehören Amazon, Toyota, der Industriezulieferer Schaeffler und der lateinamerikanische E-Commerce-Gigant Mercado Libre.
Jede einzelne dieser Arbeitsstunden bringt etwas. Die Roboter sammeln Daten aus dem realen Betrieb, die anschließend dazu beitragen, sowohl ihr Verhalten als auch die künstliche Intelligenz selbst zu verbessern. Solche Daten sind schwer zu gewinnen, darin sind sich alle Wettbewerber einig.
Die Anfänge von Agility Robotics
Die Anfänge reichen bis ins Jahr 2015 zurück. Damals gründeten Jonathan Hurst, Damion Shelton und Mikhail Jones Agility Robotics als Ausgründung des Labors für dynamische Robotik an der Oregon State University. Hurst, Ingenieur und Universitätsprofessor, ist bis heute unter dem Titel „Chief Robot Officer“, also oberster Roboterbeauftragter, im Unternehmen tätig.
Bevor Digit entwickelt wurde, entstand die zweibeinige Forschungsplattform Cassie. Von ihr ausgehend arbeitete sich das Unternehmen schrittweise zu dem Humanoiden vor, der heute direkt bei Kunden eingesetzt wird. Mehr als zehn Jahre Entwicklung haben Agility zu einem der wenigen Unternehmen gemacht, die über jahrelange praktische Erfahrung mit Humanoiden im realen Betrieb verfügen.
Hier kommt etwas ins Spiel, das nur wenige nachahmen können. Im Jahr 2024 eröffnete Agility RoboFab, nach eigenen Angaben die weltweit erste vollwertige Fabrik für die Serienproduktion kommerzieller humanoider Roboter. Die Halle hat eine Fläche von rund 70.000 Quadratfuß und befindet sich in Salem im US-Bundesstaat Oregon, nur wenige Dutzend Kilometer vom Entwicklungszentrum des Unternehmens entfernt.
Ihre Kapazität liegt bei bis zu 10.000 Robotern pro Jahr. Und es gibt noch eine weitere Besonderheit. Rund 75 Prozent der fast 6.000 Bauteile, aus denen Digit besteht, stammen aus US-amerikanischen Quellen. Damit will das Unternehmen Lieferausfälle vermeiden und seine Kunden pünktlich beliefern. Digit arbeitet sogar in der Fabrik selbst. Er hilft bei der Herstellung seiner eigenen Nachfolger und lädt und trägt Transportbehälter genauso wie bei den Kunden.
Digit v5 und Roboter ohne Schutzzaun
Die bisherigen Generationen von Industrierobotern waren so groß und schnell, dass sie durch Zäune und Käfige von Menschen getrennt werden mussten. Das soll sich nun ändern. Die kommende fünfte Generation, Digit v5, ist so konzipiert, dass sie direkt zwischen Menschen in Lagerhallen und Produktionsstätten arbeiten kann.
Die neue Version kann noch mehr. Sie trägt mehr als 22 Kilogramm, reicht höher und kann bis zu 22 Stunden am Tag arbeiten. Hinzugekommen sind austauschbare Hände und vor allem Sicherheitssysteme, die eine barrierefreie Arbeit an der Seite von Beschäftigten ermöglichen sollen. Agility beschreibt sie als den allerersten Humanoiden, der sicher mit Menschen zusammenarbeiten kann.
Laut Hurst sind Sicherheit und Zusammenarbeit am Arbeitsplatz die entscheidenden Faktoren, die den Weg für den massenhaften Einsatz von Humanoiden ebnen werden. Und in Zukunft? Hurst schließt nicht aus, dass ähnliche Roboter eines Tages auch im Gastgewerbe, bei häuslichen Dienstleistungen oder in der Seniorenbetreuung zum Einsatz kommen.
Das Unternehmen strebt an die Börse
Das Unternehmen wird sich mit einer SPAC, der von dem Finanzier Michael Klein geführten Churchill Capital Corp XI, zusammenschließen. Dieser Weg ermöglicht einen schnelleren Börsengang und weniger strenge Offenlegungspflichten. Das fusionierte Unternehmen soll unter dem Kürzel AGLT an der Börse gehandelt werden, und die Transaktion soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Durch die Transaktion soll Agility mehr als 620 Millionen Dollar erhalten. Rund 420 Millionen davon stammen aus Mitteln, die Churchill von Investoren eingesammelt hat, weitere etwa 200 Millionen steuert eine vom taiwanischen Elektronikhersteller Foxconn angeführte Gruppe bei.
Vorsicht ist angebracht, denn die ersten Transaktionsunterlagen nennen keine Umsätze des Unternehmens und deuten darauf hin, dass Agility bislang nicht profitabel ist. Die Betriebskosten stiegen im Jahr 2025 von zuvor 71 Millionen auf rund 111 Millionen Dollar. Das Unternehmen verbrannte im Laufe des Jahres rund 100 Millionen Dollar an Barmitteln. Es selbst bezeichnet diese Zahlen als vorläufig und ungeprüft.
Auch eine verlockende Kennzahl verdient Aufmerksamkeit. Agility wirbt mit Aufträgen für Digit v5 im Wert von mehr als 300 Millionen Dollar. Wer jedoch das Kleingedruckte liest, stellt fest, dass es sich dabei nicht um Umsätze handelt. Die Summe hängt von der Erfüllung bestimmter Vertragsbedingungen ab und stammt aus einem einzigen Dreijahresvertrag über tausend Roboter mit einem Kunden, dessen Namen das Unternehmen nicht bekannt gegeben hat. Es handelt sich um eine reale Nachfrage; bislang hat kein Unternehmen der Branche ein Auftragsvolumen in dieser Größenordnung veröffentlicht. Investoren sollten jedoch wissen, was diese Zahl bedeutet.
Zu den bekannten Investoren von Agility gehören neben Foxconn auch Amazon, Nvidia und SoftBank. Das Unternehmen will die eingenommenen Mittel dazu verwenden, bestehende Aufträge zu erfüllen, den Einsatz bei Kunden auszuweiten und vor allem die Serienproduktion des Modells Digit v5 hochzufahren.
Quellen: usnews.com, apnews.com und abcnews.com



