Frühe Abfahrt aus Assuan und Sonnenaufgang mitten in der Wüste
Von Assuan aus fuhren wir mit einem organisierten Transfer nach Abu Simbel. Wir brachen noch in der Nacht beziehungsweise sehr früh am Morgen auf, und die Fahrt dauerte ungefähr dreieinhalb Stunden.
Meine Mutter sagte mir kürzlich, dass sie bei einem weiteren ähnlichen Ausflug auf jeden Fall das Flugzeug nehmen würde. Dadurch würden wir ziemlich viel Zeit sparen und müssten nicht mehrere Stunden in einem Kleinbus sitzen. Vielleicht beim nächsten Mal.
Andererseits hatte die Fahrt durch die Wüste einen großen Vorteil. Währenddessen begann es zu dämmern, und es war wirklich wunderschön zu beobachten, wie die orangefarbene Sonne langsam über der endlosen Ebene erschien. Rundherum gab es nur Wüste, Sand und einen beinahe vollkommen geraden Horizont.
Schon die Fahrt selbst hatte dadurch eine besondere Atmosphäre und bereitete uns allmählich auf das vor, was uns an ihrem Ende erwartete.


Ein Ort, an den ich mich seit mehr als fünfzehn Jahren erinnere
Ich war nicht zum ersten Mal in Abu Simbel. Zum ersten Mal kam ich vor mehr als fünfzehn Jahren hierher, als ich noch deutlich jünger war. Dennoch ist mir gerade dieser Ort von allen ägyptischen Sehenswürdigkeiten vielleicht am stärksten in Erinnerung geblieben.
Natürlich abgesehen von den Pyramiden.
Wenn mich jemand nach meinen liebsten Sehenswürdigkeiten in Ägypten fragt, stehen die Pyramiden und Abu Simbel bei mir an erster Stelle. Gleich danach würde ich das Tal der Könige und das Tal der Königinnen, Karnak und den Tempel der Königin Hatschepsut nennen.
Abu Simbel ist jedoch anders. Vielleicht liegt es an seiner Lage mitten in der Wüste, vielleicht an den riesigen Statuen oder daran, wie früh am Morgen die Sonne auf den Tempel fällt. Wenn die ersten Strahlen auf den Sandsteinfelsen treffen und die Gesichter des Pharaos beleuchten, wirkt der gesamte Ort beinahe wie eine Filmkulisse.
Für mich handelt es sich zweifellos um einen der schönsten und eindrucksvollsten Tempelkomplexe in ganz Ägypten.
Vier riesige Statuen, aber dennoch nur ein Pharao
Wenn man sich dem Großen Tempel nähert, öffnet sich vor einem eine Felswand mit einer der berühmtesten Fassaden des alten Ägypten. Der Eingang wird von vier etwa zwanzig Meter hohen sitzenden Statuen bewacht.
Interessant ist, dass alle vier dieselbe Person darstellen – den Pharao Ramses II.
Es handelt sich also nicht um vier verschiedene Götter oder Herrscher. Ramses ließ sich gleich viermal und in monumentaler Größe darstellen. Schon bei der Ankunft sollte so jeder Besucher verstehen, mit wem er es zu tun hatte.
Eine der kolossalen Statuen wurde in ferner Vergangenheit durch ein Erdbeben beschädigt. Ihr Kopf und ein Teil des Rumpfes stürzten zu Boden, wo sie bis heute liegen. Bei der modernen Verlegung des Tempels wurde die Statue absichtlich nicht restauriert; ihre Teile wurden vielmehr ungefähr so angeordnet, wie man sie vorgefunden hatte. (Ägyptens Monumente)
Zu Füßen der riesigen Figuren kann man deutlich kleinere Statuen von Mitgliedern der Herrscherfamilie erkennen. Der Größenunterschied war kein Zufall – er sollte die beinahe übermenschliche Stellung des Pharaos hervorheben.




Warum Abu Simbel überhaupt errichtet wurde
Die Tempel von Abu Simbel ließ Ramses II., einer der mächtigsten und am längsten regierenden Pharaonen der ägyptischen Geschichte, im 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in den Fels schlagen. Der Große Tempel entstand ungefähr um 1264 v. Chr. und war den Göttern Amun-Re, Re-Harachte und Ptah, aber auch dem vergöttlichten Ramses II. selbst geweiht. (Ägyptens Monumente)
Der Tempel war nicht nur ein religiöser Ort. Er stand in Nubien, unweit der südlichen Grenze des ägyptischen Reiches, und verkörperte zugleich eine klare politische Botschaft. Jeder, der auf dem Nil aus dem Süden kam, sollte die monumentale Gestalt des Pharaos sehen und verstehen, dass er ein von Ägypten beherrschtes Gebiet betrat.
Im Grunde war es eine mehr als dreitausend Jahre alte Machtdemonstration.
Ramses II. ließ sich im Inneren des Tempels zudem unter die Götter selbst einreihen. So verewigte er nicht nur seine Herrschaft, sondern auch die Vorstellung, dass seine Autorität göttlichen Ursprungs sei. (Ägypten erleben)
Im Inneren des Tempels: Schlachten, Götter und die Propaganda des alten Ägypten
Nach dem Betreten des Tempels befindet man sich in einer weitläufigen Halle, die von acht riesigen Figuren Ramses’ II. gesäumt wird. Sie haben die Gestalt des Gottes Osiris, und der Pharao wird hier erneut als Herrscher präsentiert, der die Grenze zwischen Mensch und Gottheit überschritten hat.
Die Wände sind mit Hieroglyphen und Reliefs bedeckt. Dabei handelt es sich nicht um ein einziges zusammenhängendes „Bilderbuch“, sondern um verschiedene religiöse Zeremonien, Opfergaben an die Götter, Szenen aus dem königlichen Leben und vor allem militärische Feldzüge.
Der bekannteste Teil stellt die Schlacht bei Kadesch dar, in der Ramses II. gegen die Hethiter kämpfte. Auf den Reliefs wird er als furchtloser Krieger gezeigt, der beinahe allein gegen die feindliche Armee antritt, von seinem Streitwagen aus mit dem Bogen schießt und das ägyptische Heer rettet.
Der tatsächliche Ausgang der Schlacht war jedoch nicht so eindeutig, wie es die steinerne Propaganda des Pharaos darzustellen versucht. Die Ägypter besiegten die Hethiter nicht endgültig, und der gegenseitige Konflikt wurde später diplomatisch und durch einen Friedensvertrag beigelegt. (Smarthistory)
In dieser Hinsicht hat sich gegenüber der heutigen Propaganda nicht viel verändert. Der Herrscher ließ an den Tempelwänden vor allem jene Version der Geschichte festhalten, in der er wie ein unbesiegbarer Sieger erschien.

















Symbolischer Weg vom Licht in die Dunkelheit
Während des Besuchs erzählte uns der Reiseführer auch vom Weg des Lebens und des Todes, den die einzelnen Räume und Reliefs symbolisieren sollten.
Der Tempel wird nach innen hin allmählich schmaler, die Decken werden niedriger und das Tageslicht nimmt ab. Vom offenen Bereich vor der Fassade geht man durch monumentale Hallen immer tiefer in den Fels hinein, bis man ein kleines und beinahe völlig dunkles Heiligtum erreicht.
Dies lässt sich als symbolischer Übergang von der gewöhnlichen menschlichen Welt in den heiligen Raum der Götter verstehen. An den Wänden wechseln sich Kriegsszenen mit Darstellungen ab, auf denen Ramses den Göttern Opfer darbringt, ihren Schutz empfängt und allmählich als einer von ihnen dargestellt wird.
Es handelt sich also nicht unmittelbar um die klassische Geschichte eines Totengerichts, wie wir sie etwa aus dem Totenbuch kennen. Vielmehr geht es um den Weg des Pharaos vom irdischen Herrscher zum ewigen und vergöttlichten König.
Vier Figuren im tiefsten Teil des Tempels
Ganz am Ende des Großen Tempels befindet sich ein Heiligtum mit vier sitzenden Figuren, die direkt aus der Rückwand gemeißelt wurden.
Von links betrachtet sind es:
Ptah, Amun-Re, der vergöttlichte Ramses II. und Re-Harachte.
Genau diese vier Statuen sind auf dem Foto unten zu sehen. Ihre identischen Abmessungen sind kein Zufall. Ramses II. sitzt hier in derselben Reihe und in derselben Größe wie die bedeutendsten Götter des damaligen Ägypten. Dies ist einer der deutlichsten Belege dafür, auf welche Weise er seinen eigenen Kult aufbauen ließ. (Digitale UNESCO-Bibliothek)
Und gerade mit diesen Statuen hängt die berühmteste Besonderheit des gesamten Tempels zusammen.


Die Sonne, die Dutzende Meter tief in den Fels eindringt
Der Tempel wurde mit unglaublicher Präzision ausgerichtet. Jedes Jahr am 22. Februar und am 22. Oktober dringen die Strahlen der aufgehenden Sonne durch den Eingang ein und folgen der etwa sechzig Meter langen Achse des Tempels bis zum hintersten Heiligtum.
Die Sonne beleuchtet nacheinander die Gesichter von Re-Harachte, dem vergöttlichten Ramses II. und Amun-Re.
Die Statue des Gottes Ptah bleibt jedoch im Schatten. Ptah wurde auch mit der Dunkelheit und der Unterwelt in Verbindung gebracht, weshalb gerade sein Gesicht von den Sonnenstrahlen nicht getroffen wird. (Ägypten erleben)
Heute reisen Tausende Besucher an, um diesen Augenblick mitzuerleben. Doch auch außerhalb dieser beiden besonderen Tage ist ein Besuch am Morgen sehr eindrucksvoll. Die Sonne, die die riesigen Statuen an der Fassade beleuchtet, ist genau jenes Bild, das mir seit meinem ersten Besuch vor mehr als fünfzehn Jahren im Gedächtnis geblieben ist.
Illustration davon, wie der Tempel zur Zeit seiner Errichtung aussah.

Der Kleine Tempel für Königin Nefertari
Neben dem Großen Tempel steht ein zweiter, kleinerer Tempel, der der Göttin Hathor und Ramses’ Gemahlin, Königin Nefertari, geweiht ist.
Seine Fassade ist mit sechs etwa zehn Meter hohen Figuren geschmückt – vier stellen Ramses II. und zwei Nefertari dar. Außergewöhnlich ist vor allem, dass die Königin beinahe ebenso groß dargestellt wird wie ihr Gemahl.
Im alten Ägypten wurde die Bedeutung einer Figur häufig durch ihre Größe ausgedrückt, und die Gemahlinnen oder Kinder des Herrschers wurden gewöhnlich wesentlich kleiner dargestellt. Die gleich hohen Statuen Nefertaris sind daher eine sehr seltene Ehrung und zeigen, welch außergewöhnliche Stellung sie bei Ramses innehatte. (Ägyptens Monumente)
Im Inneren sind die Säulen mit dem Gesicht der Göttin Hathor geschmückt, die mit Liebe, Musik, Freude und Mutterschaft in Verbindung gebracht wurde. Zugleich verband der Tempel Nefertari symbolisch mit eben dieser Göttin.









Der Tempel, der beinahe unter Wasser verschwunden wäre
Heute sieht Abu Simbel so aus, als stünde es seit seiner Entstehung an demselben Ort. Tatsächlich befindet sich der gesamte Komplex jedoch an einem anderen Ort als noch vor einigen Jahrzehnten.
In den 1960er-Jahren begann der Bau des Assuan-Hochdamms. Er sollte Ägypten die Erzeugung von Strom, die Kontrolle von Überschwemmungen und ausreichend Wasser für die Landwirtschaft sichern. Gleichzeitig entstand jedoch der riesige Nassersee, dessen steigender Wasserspiegel Abu Simbel und viele weitere nubische Denkmäler vollständig überflutet hätte.
Ein ähnliches Schicksal drohte auch den Tempeln auf der Insel Philae.
Ägypten und der Sudan baten deshalb die UNESCO um Hilfe. Im Jahr 1960 wurde eine umfangreiche internationale Rettungskampagne gestartet, an der sich Dutzende Länder beteiligten. Die Fachleute entschieden schließlich, die Tempel zu zerlegen, zu verlegen und an einem sicheren Ort wieder zusammenzusetzen. (UNESCO-Welterbezentrum)
Mehr als tausend Steinblöcke
Ab 1963 begannen Arbeiter, den Tempel mithilfe spezieller Sägen nach und nach zu zerschneiden. Der gesamte Komplex wurde in mehr als tausend nummerierte Blöcke zerlegt, von denen viele rund dreißig Tonnen wogen.
Jedes einzelne Stück musste genau dokumentiert, angehoben, transportiert und anschließend wieder an der richtigen Stelle platziert werden.
Die Tempel wurden etwa 65 Meter über dem ursprünglichen Niveau und fast 200 Meter weiter landeinwärts wiederaufgebaut. Anstelle des ursprünglichen natürlichen Felsens entstand eine Stahlbetonkonstruktion, die mit einem künstlichen Felsmassiv bedeckt wurde, damit der neue Standort dem Zustand vor der Verlegung möglichst ähnlich sah. (UNESCO-Welterbezentrum)
Dabei bemühten sich die Ingenieure auch darum, die ursprüngliche Ausrichtung des Tempels und seine Verbindung mit der aufgehenden Sonne zu bewahren.
Die Rettungsaktion wurde 1968 abgeschlossen, und Abu Simbel wurde am neuen Standort am 22. September desselben Jahres feierlich eröffnet. Im Jahr 1979 wurden die nubischen Denkmäler von Abu Simbel bis Philae in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. (UNESCO-Welterbezentrum)
Wenn man heute im Inneren des Tempels an den Statuen und Reliefs vorbeigeht, ist kaum zu erkennen, dass das gesamte Monument zerschnitten, transportiert und wieder zusammengesetzt wurde. Gerade das erscheint mir an der ganzen Geschichte vielleicht ebenso unglaublich wie der Bau selbst vor mehr als dreitausend Jahren.
Der Tempel war jahrhundertelang unter Sand verborgen
Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass Abu Simbel europäischen Reisenden lange Zeit unbekannt war. Ein großer Teil der Fassade wurde allmählich vom Wüstensand zugeweht, und über der Oberfläche blieben nur Teile der riesigen Statuen sichtbar.
Der Schweizer Reisende Johann Ludwig Burckhardt stieß 1813 auf den Ort. Der Eingang zum Großen Tempel blieb jedoch bis 1817 verschüttet, als ihn die Expedition von Giovanni Battista Belzoni nach mehreren Wochen Arbeit freilegte.
Der Tempel wurde somit zunächst vor dem Sand und knapp 150 Jahre später ein zweites Mal vor dem Wasser gerettet. (Digitale UNESCO-Bibliothek)

Lohnt sich die Fahrt von Assuan?
Die Fahrt von Assuan ist lang, und mitten in der Nacht aufzustehen ist nicht gerade angenehm. Nach der Ankunft versteht man jedoch sehr schnell, warum jeden Tag so viele Menschen hierherkommen.
Abu Simbel ist monumental, wunderschön und zugleich unglaublich durchdacht. Hier verbinden sich die Geschichte eines Pharaos, Religion, Politik, Astronomie und eines der größten Denkmalschutz- und Ingenieurprojekte der modernen Zeit.
Meine Mutter würde sich beim nächsten Mal wahrscheinlich für das Flugzeug entscheiden, und ehrlich gesagt – nach mehreren Stunden im Kleinbus kann ich sie gut verstehen.
Den Besuch selbst würde ich jedoch auf keinen Fall auslassen.
Abu Simbel bleibt für mich neben den Pyramiden eine der eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten in ganz Ägypten. Und wenn man es früh am Morgen sieht, in dem Augenblick, in dem die Sonne beginnt, die vier riesigen Gesichter Ramses’ II. zu beleuchten, wird man sich höchstwahrscheinlich noch lange nach der Rückkehr nach Hause daran erinnern.







