Der Rechtsstreit zwischen Apple und OpenAI hat eine unerwartete Wendung genommen. Bislang verteidigte sich vor allem OpenAI, dem Apple vorwirft, über ehemalige Apple-Mitarbeiter an Geschäftsgeheimnisse gelangt zu sein. Nun haben die Entwickler von ChatGPT jedoch eigene Anschuldigungen erhoben. Laut einem neuen Gerichtsdokument schickte ein ehemaliger Mitarbeiter nach seinem Wechsel zu Apple mehr als hundert Dateien über ein bislang unveröffentlichtes Produkt an sein privates Konto und hielt später vor der Apple-Führung einen Vortrag über dieses Produkt.
Apple, OpenAI und schließlich wieder Apple
OpenAI nennt den Namen des Mannes in dem Dokument nicht, sein beruflicher Werdegang ist jedoch von Bedeutung. Zunächst arbeitete er bei Apple, wechselte dann zu OpenAI, wo er ein halbes Jahr blieb, und kehrte schließlich zum iPhone-Hersteller zurück.
OpenAI kam ihm durch Ermittlungen im Zusammenhang mit der Klage von Apple auf die Spur. Eine laufende forensische Untersuchung ergab dem Dokument zufolge, dass der Betroffene Dateien an seine persönlichen Konten geschickt hatte. Dabei handelte es sich um äußerst sensibles Material. Zu den Dateien gehörten detaillierte Aufnahmen des Geräts, technische und produktionsbezogene Daten, Informationen über Lieferanten, Projektdokumente sowie Standards für Oberflächenbehandlung und Abdichtung. Ein Teil der Dateien wurde OpenAI zufolge am 2. Juni 2026 kurz nach Mitternacht Singapurer Zeit verschickt, also an seinem letzten Arbeitstag.
Präsentation für die Apple-Führung
Allein das Herunterladen der Dokumente wiegt schwer, doch OpenAI behauptet, dass der Vorfall damit nicht beendet war. Der ehemalige Mitarbeiter soll die Produktionspläne führenden Apple-Managern präsentiert haben, darunter dem für das operative Geschäft in Asien zuständigen Vizepräsidenten. Dies soll bereits vor mehreren Monaten geschehen sein.
OpenAI bringt dies mit den jüngsten Schritten des Konkurrenten in Verbindung. In dem Dokument heißt es, Apple treibe mit diesen Informationen nun die Entwicklung von Produkten mit künstlicher Intelligenz voran. Dabei verweist OpenAI auf die Präsentation der Reihe intelligenter Heimgeräte Home Collection im Oktober und auf Artikel über das Gerät HomeView. OpenAI hat jedoch nicht belegt, dass Apple seine Informationen tatsächlich bei der Entwicklung verwendet hat.
OpenAI äußert sich besorgt darüber, dass seine Geschäftsgeheimnisse innerhalb von Apple kursieren und Ingenieure darauf aufbauend künftige Produkte entwickeln könnten. Das Unternehmen habe sich direkt an Apple gewandt, doch Apple habe bislang nicht versichert, dass es diese Informationen weder besitze noch verwendet habe.
Apple weist alles zurück
Der iPhone-Hersteller wies die Anschuldigungen entschieden zurück. Apple erklärte, es habe strenge Regeln eingeführt, die sicherstellen, dass neue Mitarbeiter keine vertraulichen Informationen früherer Arbeitgeber verwenden. Beweise, die die Behauptungen von OpenAI stützen, habe man nicht gefunden. Apple zufolge versucht OpenAI lediglich, von den gegen das Unternehmen selbst erhobenen Vorwürfen des Geheimnisdiebstahls abzulenken, und habe zudem auf die Bitte um Einzelheiten für die Untersuchung nicht reagiert.
Was den Streit entfachte
Um zu verstehen, warum sich beide Unternehmen gegenseitig dasselbe vorwerfen, müssen wir in den Sommer zurückblicken. Apple reichte am 10. Juli bei einem Bundesgericht Klage gegen OpenAI, das Unternehmen io Products und zwei ehemalige Apple-Mitarbeiter, Tang Tan und Chang Liu, ein.
Tang Tan war 24 Jahre lang bei Apple tätig, zuletzt als Vizepräsident für das Design des iPhone und der Apple Watch. Anschließend gründete er io Products mit, das OpenAI im Jahr 2025 für rund 6,5 Milliarden Dollar übernahm. Hinter diesem Unternehmen steht auch Jony Ive, der berühmte ehemalige Designchef von Apple. Der zweite Beklagte, Chang Liu, arbeitete acht Jahre lang als Elektroingenieur bei Apple, bevor er im Januar zu OpenAI wechselte.
Apple behauptet, diese Personen hätten alles Mögliche unternommen, um an seine Geheimnisse zu gelangen. Tan soll sich Informationen über Lieferanten per E-Mail geschickt und Bewerber von Apple aufgefordert haben, Bauteile zu Vorstellungsgesprächen bei OpenAI mitzubringen. Liu wiederum soll vertrauliche Dateien aus dem Unternehmensnetzwerk heruntergeladen und einem anderen Mitarbeiter erklärt haben, wie er sie kopieren könne. Der Klage zufolge verwendete Tan bei Bewerbungsgesprächen geheime Projektnamen, um Bewerbern Informationen über noch nicht veröffentlichte Produkte zu entlocken.
Laut der Klage arbeiten bei OpenAI rund 400 ehemalige Apple-Mitarbeiter. Das Gerät, an dem OpenAI arbeitet, könnte zudem eines Tages direkt mit Apples Produkten konkurrieren. Apple legte dem Gericht einen Artikel der Website TechCrunch vor, der durchgesickerte Details zur ersten Hardware von OpenAI beschreibt. Dabei handelt es sich um einen intelligenten Lautsprecher ohne Display, an dem das Unternehmen gemeinsam mit Jony Ives Studio LoveFrom arbeitet. OpenAI hat diese Leaks nie bestätigt.
OpenAI setzt sich von Anfang an sehr entschieden gegen die Klage zur Wehr. In einer öffentlichen Erklärung bezeichnete das Unternehmen Apples Vorgehen als fahrlässig, aggressiv und merkwürdig persönlich. Es veröffentlichte zudem interne Nachrichten und E-Mails, welche die Anschuldigungen widerlegen sollen. Seine Anwälte gingen noch einen Schritt weiter. Ihnen zufolge missbraucht Apple eine unbegründete Klage, um zu verschleiern, dass das Unternehmen talentierte Mitarbeiter nicht halten könne und nicht in der Lage sei, künstliche Intelligenz in seine Produkte zu integrieren.
Dabei waren beide Unternehmen noch vor Kurzem Partner. Im Jahr 2024 vereinbarten sie, ChatGPT in das Apple-Ökosystem zu integrieren. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete im Mai, dass OpenAI selbst eine Klage erwogen habe, weil Apple diese Zusammenarbeit nach Ansicht des Unternehmens nicht ausreichend beworben habe.
Quellen: foxnews.com, thestar.com, theguardian.com und nypost.com



