Assuan ist ein Ort, an dem man sich innerhalb eines einzigen Tages von mehreren Tausend Jahre alten ägyptischen Tempeln über einen riesigen unvollendeten Obelisken bis zu einem Hotel bewegen kann, in dem Winston Churchill zu Gast war und Agatha Christie nach Inspiration suchte.
Genau so sah auch unser Tag aus. Zunächst fuhren wir mit dem Boot zum Tempelkomplex von Philae, danach besuchten wir den berühmten Unvollendeten Obelisken und schließlich machten wir im legendären Hotel Old Cataract Halt. Jeder dieser Orte war völlig anders, doch alle hatten eines gemeinsam – eine wirklich interessante Geschichte.
Mit dem Boot zum Tempelkomplex von Philae
Zum Tempelkomplex von Philae gelangt man weder mit dem Auto noch zu Fuß. Er befindet sich nämlich auf einer Insel, daher stiegen wir zunächst in ein kleineres Motorboot und fuhren über das Wasser.
Bereits während der Fahrt tauchten vor uns nach und nach mächtige Sandsteinbauten auf. Aus der Ferne wirkte der gesamte Komplex ein wenig wie eine Ruinenstätte, doch je näher wir kamen, desto besser ließ sich erkennen, wie weitläufig und gut erhalten er tatsächlich ist.
Nach der Ankunft gingen wir direkt zum Haupteingang. Vor uns erhoben sich gewaltige, mit Reliefs ägyptischer Herrscher und Götter bedeckte Tempelpylone. Was ich ursprünglich für Obelisken gehalten hatte, waren in Wirklichkeit vor allem hohe Pylone, mächtige Säulen und verschiedene Teile der Tempelbauten. Zu einem echten Obelisken gelangten wir erst später am Tag.
Sobald wir das Innere betraten, waren wir praktisch von allen Seiten von Hieroglyphen umgeben. Sie befanden sich an Wänden, Säulen, Türstürzen und auch in kleineren Räumen. Einige Reliefs waren sehr gut erhalten, andere beschädigt oder absichtlich entfernt worden.
Sehr interessant waren auch die Säulen mit Kapitellen in Form von Lotus- und Papyrusblüten. Jede von ihnen sah ein wenig anders aus, und beim Blick nach oben war gut zu erkennen, wie viel Arbeit ihre Erschaffung gekostet haben musste.
Der gesamte Komplex ist außerdem von Wasser und felsigen Inselchen umgeben. Natürlich handelt es sich nicht um das Meer, wie einige Fotos vermuten lassen könnten, sondern um einen Stausee des Nils. In Kombination mit dem blauen Himmel, den Sandsteinbauten und der nahezu ausgedörrten Landschaft wirkte der Ort jedoch wirklich wunderschön.



Philae liegt heute nicht mehr auf der ursprünglichen Insel
Interessant ist, dass der Komplex zwar weiterhin als Philae bezeichnet wird, heute aber nicht mehr auf der ursprünglichen Insel Philae steht. Er befindet sich auf der nahe gelegenen, höher gelegenen Insel Agilkia.
Nach dem Bau des älteren Assuan-Staudamms wurde die ursprüngliche Insel regelmäßig überflutet. Einen Teil des Jahres standen die Tempel so weit unter Wasser, dass Besucher mit Booten direkt zwischen den Tempelsäulen hindurchfahren konnten. Nach Beginn des Baus des neuen Assuan-Hochdamms drohte zudem, dass der gesamte Komplex dauerhaft überflutet werden würde.
Ägypten startete daher gemeinsam mit der UNESCO eine umfangreiche Rettungsaktion. Die einzelnen Bauwerke wurden exakt vermessen, in rund 40.000 Steinblöcke zerlegt und anschließend auf der Insel Agilkia wieder zusammengesetzt. Zuvor war die Insel so umgestaltet worden, dass ihre Form der ursprünglichen Insel Philae möglichst ähnlich war. (UNESCO-Welterbezentrum)
Wenn man heute zwischen den Tempeln umhergeht, betrachtet man also die originalen antiken Bauwerke, jedoch an einem anderen Ort als jenem, an dem sie vor mehr als zweitausend Jahren errichtet wurden. Ehrlich gesagt wäre mir bei der Besichtigung überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass praktisch der gesamte Komplex zerlegt und wieder zusammengesetzt worden war, wenn ich davon nichts gewusst hätte.
So ungefähr könnte der Tempelkomplex von Philae zur Zeit seiner größten Blüte ausgesehen haben:

Der Tempel der Göttin Isis und seine Geschichte
Der wichtigste Teil des gesamten Komplexes ist der Große Tempel der Göttin Isis. Isis gehörte zu den bedeutendsten ägyptischen Göttinnen. Sie war die Gemahlin des Gottes Osiris, die Mutter des Horus und wurde mit Mutterschaft, Heilung, Schutz sowie königlicher Macht in Verbindung gebracht.
Der ägyptischen Mythologie zufolge wurde Osiris von seinem Bruder Seth ermordet und sein Körper in Stücke geteilt. Isis suchte die einzelnen Teile, setzte sie wieder zusammen und erweckte Osiris für kurze Zeit zum Leben. Anschließend wurde ihr Sohn Horus geboren, der später mit Seth um die Herrschaft über Ägypten kämpfte.
Gerade die Geschichten von Isis, Osiris und Horus sind auf zahlreichen Reliefs des Tempelkomplexes dargestellt.
Das älteste erhaltene Bauwerk ist der Kiosk des Pharaos Nektanebos I., der im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung herrschte. Der größte Teil des Komplexes stammt jedoch aus der Zeit der Ptolemäer, also der griechischen Dynastie, die nach der Eroberung des Landes durch Alexander den Großen über Ägypten herrschte. Mit dem Bau des Haupttempels der Göttin Isis begann Ptolemaios II. Philadelphos, der von 285 bis 246 vor unserer Zeitrechnung regierte. (Ägyptens Denkmäler)
Der Komplex wurde schrittweise von weiteren ptolemäischen Herrschern und später auch von römischen Kaisern erweitert. Ptolemaios VI. ließ hier einen Tempel der Göttin Hathor errichten, und auch die Kaiser Augustus, Hadrian und Trajan hinterließen hier Bauwerke oder Verzierungen. (Ägyptens Denkmäler)
Aus der römischen Zeit stammt der fotogene Trajans-Kiosk, der unweit des Wassers steht. Er besteht aus vierzehn mächtigen Säulen mit reich verzierten Kapitellen. Das Bauwerk wurde nie vollständig fertiggestellt und besitzt heute kein Dach, dennoch gehört es zu den bekanntesten Teilen von Philae.
















Die letzte bekannte Hieroglyphe der Welt
Philae war nicht nur einer von vielen ägyptischen Tempeln. Der Kult der Göttin Isis bestand hier ungewöhnlich lange fort, selbst zu einer Zeit, als Ägypten Teil des Römischen Reiches geworden war und allmählich das Christentum annahm.
Genau hier befindet sich die letzte bekannte, exakt datierte Inschrift in ägyptischen Hieroglyphen. Sie wurde im Jahr 394 unserer Zeitrechnung von einem Priester namens Esmet-Akhom eingemeißelt. Zu dieser Zeit waren die Hieroglyphen bereits eine fast vergessene Schrift, die nur noch eine kleine Gruppe von Priestern verstand. (Ägyptens Denkmäler)
Der Tempel der Göttin Isis blieb bis zur Zeit des byzantinischen Kaisers Justinian I. in Betrieb. Im 6. Jahrhundert wurde der heidnische Kult endgültig beendet und ein Teil des Tempels in eine christliche Kirche umgewandelt. An einigen Stellen kann man daher christliche Kreuze sehen, während die Gesichter und Gestalten der ursprünglichen ägyptischen Götter absichtlich beschädigt wurden. (Ägyptens Denkmäler)
Dadurch vereint Philae mehrere unterschiedliche historische Epochen zugleich – das Alte Ägypten, die Herrschaft der griechischen Ptolemäer, das Römische Reich und den Aufstieg des Christentums.
Ein Spaziergang zwischen Säulen und Hieroglyphen
Im Inneren gingen wir umher, fotografierten und sahen uns die einzelnen Räume an. Einige waren ziemlich dunkel, und das Licht drang nur durch schmale Türen hinein. Gerade in diesen Bereichen traten die Reliefs an den Wänden besonders deutlich hervor.
Auf den offenen Höfen hingegen schien die grelle ägyptische Sonne, und zwischen den hohen Säulen entstanden starke Kontraste aus Licht und Schatten. Der gesamte Komplex war wesentlich größer, als es vom Boot aus zunächst den Anschein gehabt hatte.
Natürlich waren hier ziemlich viele Touristen, doch das Gelände ist weitläufig genug, sodass wir auch ruhigere Orte finden konnten. Am besten gefiel mir die Kombination aus monumentalen Tempeln, Hieroglyphen und dem Blick auf das Wasser rund um die Insel.





Der Unvollendete Obelisk: der größte Obelisk, der nie entstand
Nach dem Besuch von Philae fuhren wir weiter zum Unvollendeten Obelisken, der direkt in einem der antiken Granitsteinbrüche von Assuan liegt.
Auf den ersten Blick wirkt der Ort nicht so monumental wie der Tempelkomplex. Der Obelisk steht nämlich nicht aufrecht, sondern liegt noch immer im Granituntergrund, aus dem ihn die Arbeiter der Antike herauszumeißeln begannen.
Erst wenn man über ihm steht und seine gesamte Länge betrachtet, wird einem bewusst, wie gewaltig er werden sollte. Wäre er fertiggestellt worden, hätte er etwa 42 Meter gemessen und rund 1.168 Tonnen gewogen. Damit wäre er der größte bekannte Obelisk gewesen, den die alten Ägypter jemals geschaffen hatten. (Ägyptens Denkmäler)
Es wird angenommen, dass Königin Hatschepsut seine Herstellung im 15. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung anordnete. Vermutlich sollte er zum Tempelkomplex von Karnak in der Nähe des heutigen Luxor transportiert werden. (Ägyptens Denkmäler)








Warum stellten die Ägypter ihn nicht fertig?
Obelisken wurden aus einem einzigen Steinblock gefertigt. Die Arbeiter hoben daher zunächst tiefe Rinnen rund um den künftigen Obelisken aus und bearbeiteten nach und nach seine Seiten. Erst in der letzten Phase sollte er auch vom felsigen Untergrund getrennt werden.
Während der Arbeiten entstanden jedoch Risse im Granit. Bei einem so großen steinernen Monolithen war dies ein grundlegendes Problem. Beim Ablösen, Transportieren oder Aufrichten hätte der gesamte Obelisk zerbrechen können, weshalb die Arbeiten eingestellt wurden. So blieb der Obelisk genau an der Stelle liegen, an der die Arbeiter ihn vor Tausenden von Jahren bearbeitet hatten. (Ägyptens Denkmäler)
Paradoxerweise ist der Ort gerade wegen dieses Fehlschlags für Archäologen außerordentlich wertvoll. Auf der Oberfläche und rund um den Obelisken sind noch immer Werkzeugspuren und Arbeitsrinnen zu sehen. Hier kann man sich wesentlich besser vorstellen, wie die Ägypter die gewaltigen Steinmonumente herstellten, als wenn man lediglich einen bereits vollendeten Obelisken vor einem Tempel betrachtet.
Ehrlich gesagt war der Besuch vor allem wegen der Vorstellung interessant, was als Nächstes geschehen wäre, wenn der Stein keinen Riss bekommen hätte. Schon das Herausmeißeln eines mehr als tausend Tonnen schweren Monolithen war unglaublich, doch die Ägypter planten darüber hinaus, ihn zum Nil zu transportieren, auf ein Schiff zu verladen, Hunderte Kilometer weit zu befördern und anschließend senkrecht aufzustellen.
Das Hotel Old Cataract und Winston Churchill
Der letzte Halt vor unserer Rückkehr zum Schiff war das berühmte Hotel Old Cataract, das auf einer Anhöhe direkt über dem Nil steht.
Das Hotel entstand um die Jahreswende 1899/1900 auf Initiative des Reiseunternehmens Thomas Cook & Son. Es sollte wohlhabenden europäischen Reisenden, die damals kamen, um die Sehenswürdigkeiten Ägyptens und Nubiens zu entdecken, luxuriöse Unterkünfte bieten. Sein Name verweist auf den ersten Nilkatarakt, also das Gebiet mit Granitfelsen und ehemaligen Stromschnellen rund um Assuan. (insightvacations.com)
Schon das Interieur wirkt sehr historisch. Hier findet man dunkles geschnitztes Holz, orientalische Ornamente, hohe Decken und eine Kombination aus viktorianischer und maurischer Architektur. Das Hotel war von Anfang an für bedeutende und wohlhabende Gäste bestimmt, was sich auch in seiner Ausstattung widerspiegelt.
Zu den berühmten Gästen gehörten unter anderem Winston Churchill, der russische Zar Nikolaus II., der ägyptische König Faruk, Prinzessin Diana und der Archäologe Howard Carter. Nach Winston Churchill ist bis heute eine der luxuriösesten Suiten benannt. Wir besichtigten die reich verzierten Türen dieser Suite. (insightvacations.com)
Auch die Schriftstellerin Agatha Christie ist eng mit dem Hotel verbunden. Traditionell heißt es, dass sie hier Inspiration für ihren berühmten Roman Der Tod auf dem Nil fand und einen Teil des Buches auf der Hotelterrasse mit Blick auf den Fluss schrieb. Im Hotel ist eine weitere Suite nach ihr benannt, und die Verfilmung des Buches aus dem Jahr 1978 wurde teilweise hier gedreht. (insightvacations.com)












Zurück zum Schiff und weiter auf dem Nil
Mit dem Besuch des Hotels Old Cataract beendeten wir unser Programm in Assuan. Danach kehrten wir zum Schiff zurück, von wo aus wir unsere Fahrt auf dem Nil fortsetzten.
So sahen wir innerhalb eines einzigen Tages einen Tempelkomplex, der vor dem Wasser gerettet und auf eine andere Insel versetzt werden musste, einen Obelisken, der wegen eines Risses seinen Steinbruch nie verließ, und ein Hotel, durch dessen Zimmer Politiker, Schriftsteller, Archäologen und Mitglieder von Königsfamilien gegangen sind.
Gerade diese Kombination aus antiker Geschichte, technischen Besonderheiten und den Geschichten berühmter Persönlichkeiten macht Assuan zu einem der interessantesten Orte, die wir während unserer Reise durch Ägypten besucht haben.









