Apple hat OpenAI verklagt. Nach Angaben des Unternehmens sammelte OpenAI systematisch geheime Informationen über kommende Apple-Produkte und entwickelte auf dieser Grundlage eigene Hardware. Der iPhone-Hersteller richtet seine Klage gegen zwei ehemalige Mitarbeiter und das Unternehmen io Products, das OpenAI im vergangenen Jahr übernommen hat. Noch vor zwei Jahren hatten beide Unternehmen ihre Kräfte gebündelt, und der Chatbot ChatGPT wurde direkt in die iPhones integriert. Nun sind aus Partnern Konkurrenten geworden, und der Streit ist vor Gericht gelandet.
Apple behauptet in der Klage, der Diebstahl habe sich durch die gesamte Struktur von OpenAI gezogen. „Auf jeder Ebene, von Mitgliedern des Technikteams bis hin zum Hardwarechef und im Zusammenwirken mit Geschäftspartnern, hat OpenAI Geschäftsgeheimnisse und vertrauliche Informationen von Apple gestohlen“, heißt es in der Klage. Der iPhone-Hersteller fordert das Gericht auf, OpenAI die Nutzung oder Verbreitung seiner Geheimnisse zu untersagen, das Unternehmen zur Rückgabe sämtlicher vertraulicher Materialien zu verpflichten und Beweise zu sichern.
Apple zufolge ging es um Produktentwürfe, Fertigungsverfahren und Strategien für die Lieferkette. Zugleich erklärt das Unternehmen, dies sei nur die Spitze des Eisbergs. Apple habe keinen Einblick in die internen Vorgänge bei OpenAI und gehe davon aus, nur einen Teil dessen aufgedeckt zu haben, was dort geschehen sei.
Zwei ehemalige Mitarbeiter
In der Klage werden zwei Schlüsselfiguren genannt. Der erste ist Tang Tan, der heutige Hardwarechef von OpenAI. Er war 24 Jahre lang bei Apple tätig und stieg dort bis zum Vice President für das Design von iPhones und Apple Watches auf. Er verließ das Unternehmen im Februar 2024, um gemeinsam mit Apples ehemaligem Chefdesigner Jony Ive ein neues Projekt zu starten.
Apple wirft ihm vor, bei der Anwerbung neuer Mitarbeiter geheime Projektcodenamen missbraucht und den Bewerbern so weitere sensible Informationen entlockt zu haben. Kandidaten, die noch bei Apple beschäftigt waren, soll er aufgefordert haben, zu Bewerbungsgesprächen „echte Bauteile“ von Apple zu einer Art „Demonstrationssitzung“ mitzubringen, bei der er und sein Team ihnen weitere Geheimnisse entlockten. Dabei ging es um Batterien, Hauptplatinen und System-in-Package-Module aus noch nicht vorgestellten Produkten. Einer der Bewerber soll von dieser Praxis so überrascht gewesen sein, dass er anmerkte, wie sehr es ihn erstaune, dass Menschen unveröffentlichte Hardware zu Bewerbungsgesprächen mitbrächten.
Apple behauptet außerdem, Tan habe ein internes Dokument mit dem Titel „Was Sie wissen müssen“ erstellt und unter neuen Mitarbeitern verbreitet, das Apples Sicherheitsverfahren beim Ausscheiden von Beschäftigten beschrieb. Neue Mitarbeiter sollten daraus lernen, wie sie Kontrollen umgehen und Daten mitnehmen konnten, noch bevor sie bei Apple kündigten.
Der zweite Genannte ist Chang Liu, der acht Jahre lang als leitender Elektroingenieur für Systemtechnik bei Apple arbeitete. Im Januar 2026 wechselte er zu OpenAI und nahm laut Klage mehr als nur seine Erfahrung mit.
Liu soll sein dienstliches MacBook nicht zurückgegeben und nach seinem Ausscheiden einen Authentifizierungsfehler entdeckt haben, durch den er weiterhin auf Apples Unternehmensdateiserver zugreifen konnte. Statt den Fehler zu melden, machte er sich darüber lustig. „LOL, ich habe herausgefunden, dass ich auf den [Netzwerkspeicher] zugreifen kann, so lustig“, schrieb er der Klage zufolge an seine ehemalige Kollegin Alyssa Peng, die bei Apple blieb. Sie soll ihm mit „Ich bin bereit“ geantwortet und ihm über ihren eigenen Computer geholfen haben, weitere Informationen zu beschaffen, berichtete Fortune.
Durch diese Sicherheitslücke lud Liu Apple zufolge Dutzende vertrauliche Dateien herunter. Dabei handelte es sich um technische Spezifikationen, Präsentationen aus dem Entwicklungsbereich, Fertigungsdetails und Testverfahren für unveröffentlichte Produkte. Laut Klage umfassten die technischen Unterlagen mehr als tausend Seiten. Apple behauptet zudem, Liu habe einem weiteren Mitarbeiter erklärt, wie sich Dateien so kopieren ließen, dass das Sicherheitsteam nichts davon bemerkte.
Aus Partnern werden Konkurrenten
Noch 2024 stand Sam Altman auf der Bühne am Apple-Hauptsitz, und die Allianz der beiden Unternehmen wurde gefeiert. ChatGPT wurde damals direkt in das Betriebssystem der iPhones integriert, und Nutzer konnten auch über Siri auf seine Antworten zugreifen. Seitdem hat sich das Verhältnis jedoch spürbar abgekühlt.
Der Wendepunkt kam im vergangenen Jahr, als OpenAI seinen Einstieg in die Geräteproduktion ankündigte und für rund 6,5 Milliarden Dollar das von Jony Ive mitgegründete Startup io Products übernahm. Ive leitet nun die Geräteentwicklung bei OpenAI. Die Spannungen nahmen auf beiden Seiten zu. OpenAI war unzufrieden damit, wie Apple ChatGPT in seinen Produkten darstellte, und im Mai kamen Berichte auf, wonach das Unternehmen wegen eines mutmaßlichen Vertragsbruchs selbst rechtliche Schritte erwäge. Apple wiederum kündigte im Juni an, dass die überarbeitete Siri, die in diesem Herbst erscheinen soll, auf Googles Gemini-Modellen und nicht auf der Technologie von OpenAI basieren werde.
Interessant ist, wer in der Klage fehlt. Jony Ive gehört nicht zu den Beklagten, obwohl er io Products mitgegründet hat und heute die Hardwareaktivitäten von OpenAI leitet. Die Klage richtet sich gegen OpenAI, io Products sowie Tan und Liu.
OpenAI weist alles zurück
Das Unternehmen will in diesem Jahr seine ersten Geräte vorstellen und bereitet sich zugleich auf den erwarteten Börsengang vor. Apple beantragt unterdessen eine einstweilige Verfügung, die den Beklagten die weitere Nutzung seiner Technologien untersagen, sie zur Sicherung von Beweisen verpflichten und die Rückgabe sämtlicher Geschäftsgeheimnisse anordnen würde. Sollte das Gericht dem Antrag stattgeben, könnte dies den Aufbau der Hardware-Sparte von OpenAI bremsen.
OpenAI weist die Vorwürfe zurück. „Wir haben kein Interesse an den Geschäftsgeheimnissen anderer Unternehmen. Wir konzentrieren uns auf die Entwicklung innovativer Technologien, die Menschen auf der ganzen Welt mehr Möglichkeiten eröffnen“, erklärte Sprecher Drew Pusateri.
Der Streit zwischen den beiden Unternehmen zeigt, wie hart der Kampf um talentierte Mitarbeiter und Technologien in einer Zeit ist, in der über die Gestalt der nächsten Gerätegeneration entschieden wird. Apple zufolge arbeiten heute mehr als 400 ehemalige Apple-Mitarbeiter bei OpenAI. Das Abwerben von Mitarbeitern an sich ist in Kalifornien legal, da Wettbewerbsverbotsklauseln nach den dortigen Gesetzen nicht durchgesetzt werden. Der Schutz von Geschäftsgeheimnissen bleibt damit eines der wenigen Instrumente, die Apple gegen die Abwanderung eigener Mitarbeiter zur Verfügung stehen.



