„Wir wurden wie geächtete Wölfe gehetzt“, erklärte Sam Houston in seiner Antrittsrede als erster gewählter Präsident der Republik Texas überhaupt. „Unsere kleine Schar wurde von einem Zufluchtsort zum nächsten getrieben und bis an die äußerste Grenze der Verzweiflung gedrängt; während das Blut unserer Verwandten und Freunde nach der Vergeltung eines erzürnten Gottes rief und bis zum Himmel emporstieg, stellten wir uns dem Feind und besiegten ihn.“
Das war im Oktober 1836, ein halbes Jahr nachdem Houstons Rebellenarmee in der Schlacht von San Jacinto die Streitkräfte Santa Annas besiegt und Texas vom übrigen Mexiko losgerissen hatte. Die Knochen in Houstons Knöchel, die während der Kämpfe von einer Musketenkugel zerschmettert worden waren, waren noch nicht verheilt. Die Welle der Begeisterung nach seinem unerwarteten Sieg war noch nicht abgeebbt, und das Blut der gefallenen Kameraden vom Alamo und von anderen Schlachtfeldern schien noch zu glimmen. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man Houstons von gerechter Empörung erfüllte Worte liest, und zweifellos trug er die Rede persönlich mit der ganzen theatralischen Kraft seiner Persönlichkeit vor.
Texas, „ein Stück Land, das der Geografie seiner Zeit nahezu unbekannt war“, war keine unruhige Grenzprovinz der mexikanischen Föderation mehr. Mit einem Mal war es ein eigener, unabhängiger Staat. Und wie jeder bestätigen wird, der je einem großspurig auftretenden Texaner begegnet ist, kann dieser Staat nicht aufhören, sich selbst auf diese Weise zu betrachten. Alle abgedroschenen Merkmale des texanischen Charakters – Mut, Trotz, Selbstständigkeit und Selbstverliebtheit – klingen in Houstons Rede an und gingen gerade aus dem mühsam errungenen Nationalbewusstsein von Texas hervor.
Die Republik Texas beanspruchte den mächtigen Rio Grande als ihre südliche und westliche Grenze, wodurch sie damals ein weitaus größeres Gebilde war, als sie es werden sollte, nachdem 1850 schließlich die Grenzen von Texas als Bundesstaat der Union festgelegt worden waren. Mit einer Fläche von 389 166 Quadratmeilen war dieses Land fast doppelt so groß wie Frankreich. Doch kein europäischer Palast beherbergte hier den Präsidenten oder diente als Regierungssitz. Das nationale Parlament war eine gewöhnliche Bretterbude. Die neuen Senatoren und Abgeordneten schliefen oft direkt auf dem Boden unter einer ausladenden Eiche. Außenminister, also der Mann, der Texas vor der Welt vertreten sollte, war Stephen F. Austin, der als Erster englischsprachige Siedler nach Mexikanisch-Texas gebracht hatte. Seine Regierungsunterkunft war nicht im Geringsten prächtiger. Er wohnte in einem Schuppen und starb bald an einer Lungenentzündung, nachdem ein kalter Nordwind durch die Ritzen gepfiffen war. Texas war von Anfang an eine Republik der Größe, Härte und Kampfeslust.
Auch andere Bundesstaaten waren unabhängige Länder gewesen oder sollten es noch werden, bevor sie der Union beitraten. Vermont erklärte sich 1777 zur Republik, bevor es 1791 den Vereinigten Staaten beitrat. Die kalifornische Bärenflaggenrepublik bestand 1846 nur fünfundzwanzig Tage. Und nach dem Sturz von Königin Liliuokalani, der Herrscherin des Königreichs Hawaii, verbrachte die neu entstandene Republik Hawaii vier Jahre in ungewisser Erwartung, bevor sie von den Vereinigten Staaten annektiert wurde.
Die meisten Texaner rechneten damit, ebenfalls annektiert zu werden, doch die Republik Texas erwies sich nicht nur als Übergangsgebilde, sondern als etwas, das einem echten Land gleichkam. Sie bestand fast zehn Jahre, von 1836 bis 1845. Schließlich wurde sie auch von anderen Staaten anerkannt, und zwar von den Vereinigten Staaten, Frankreich, England und den Niederlanden. Sie hatte eine eigene Flagge, ein offizielles Staatssiegel, eine Marine, einen Obersten Gerichtshof und einen Postdienst, obwohl das Land so riesig und so hoch verschuldet war, dass es seine Postboten mit Land statt mit Geld bezahlte.
Was Texas daran hinderte, sofort Teil der Vereinigten Staaten zu werden, war seine Stellung als Zufluchtsort der Sklaverei und seine Weigerung, diese aufzugeben. Sein wirtschaftlicher Wohlstand beruhte auf dem Baumwollanbau auf Plantagen, der wiederum von versklavten Arbeitskräften abhing. Baumwolle machte neunzig Prozent der Exporte aus. Ohne Sklaverei, schrieb Austin zehn Jahre vor Ausbruch der texanischen Revolution, „erwartet uns für lange Zeit, vielleicht bis an unser Lebensende, nichts als Armut“.
Das Beharren von Texas darauf, eine Sklavenhalterrepublik zu bleiben, traf jedoch auf den leidenschaftlichen und ungelösten Streit, der in den Vereinigten Staaten über die Ausweitung der Sklaverei geführt wurde. Nach den Worten des Quäkeraktivisten Benjamin Lundy, der Texas schon seit Jahren aufmerksam beobachtete, war das wahre Ziel der gesamten Revolution stets nur der Plan gewesen, der Union „einen ausgedehnten und gewinnbringenden Sklavenmarkt“ zuzuführen.
Die Zurückweisung durch das Land, dem sie so sehnsüchtig beitreten wollten, vertiefte nur das Gefühl von Kränkung und Isolation, das das englischsprachige Texas bereits erlebt hatte, als es ein vernachlässigter Teil Mexikos war. Texas war daran gewöhnt, von unbekannten Amtsträgern in fernen Hauptstädten als dauerhaftes Problem betrachtet zu werden. Und es hatte selbst eine Menge eigener Probleme zu lösen. Eine Möglichkeit, zu verstehen, warum die Texaner ein derart stolzes und kämpferisches Selbstbewusstsein entwickelten, besteht in der Erkenntnis, dass sich die Republik Texas während der gesamten zehn Jahre ihres Bestehens im Krieg befand und diesen Zustand selbst aufrechterhielt.
Santa Annas Armee war zwar bei San Jacinto besiegt worden, doch die mexikanische Regierung fand sich nie ganz mit dem Gedanken ab, dass Texas nun amerikanischen Einwanderern gehörte, die Santa Anna für Landräuber hielt. Mexiko, wie eine Zeitung aus Veracruz bekräftigte, „wusste von keinem Land namens Republik Texas, sondern nur von einer Schar Abenteurer, die sich gegen die Gesetze der republikanischen Regierung auflehnten“.
Es herrschte eine allgemeine Atmosphäre der Streitlust, die nach der Schlacht von San Jacinto kaum nachließ. Aus den Vereinigten Staaten strömten weiterhin Neuankömmlinge herbei, die darauf brannten, den Kampf wieder aufleben zu lassen, den sie verpasst hatten. Mirabeau Lamar, ein ehrgeiziger Politiker und leidenschaftlicher Dichter, traf gerade noch rechtzeitig in Texas ein, um als einfacher Soldat gegen Santa Anna zu kämpfen, und nur ein halbes Jahr später war er bereits Vizepräsident der neuen Republik. Nach dem Ende von Houstons erster zweijähriger Amtszeit wurde er Präsident, bezeichnete den Anschluss an die Union als „das Grab aller Hoffnungen und allen Glücks“ von Texas und beschloss, dass Texas durchaus aus eigener Kraft ein mächtiges Land werden könne. Seine Politik war grausam und ruinierte den Staat. Er führte Krieg gegen die Cherokee und fachte die jahrelange Feindschaft mit den Comanchen erneut an. Er entsandte eine katastrophale Expedition nach Santa Fe, um die widerspenstigen Einwohner dort zu zwingen, zu glauben, sie seien nun Texaner und nicht Mexikaner, für die sie sich selbst hielten. „Wohin auch immer ein Texaner seinen Fuß setzt“, erklärte Lamar ihnen in einer der ersten und großartigsten leeren Prahlereien der texanischen Geschichte, „verwandelt er die Wildnis in fruchtbares Land.“
Als Lamars unheilvolle Amtszeit endete und Houston ins Amt zurückkehrte, fiel Mexiko nicht nur einmal, sondern gleich zweimal in Texas ein. Die Truppen wurden zurückgeschlagen, und anschließend wurde auch Texas zurückgeschlagen, als es seinerseits versuchte, in Mexiko einzufallen. Als Texas 1845 schließlich den Vereinigten Staaten angeschlossen wurde, war es erschöpft und mittellos. Die Erzählung über seine eigene Geburt, die es während der zehn Jahre der Republik von sich selbst geschaffen hatte – die Geschichte vom Freiheitskampf gegen Mexiko, vom heiligen Opfer am Alamo und vom ruhmreichen Sieg bei San Jacinto –, war jedoch so sorgfältig gepflegt worden, dass sie schließlich nicht nur im Gedächtnis bewahrt, sondern geradezu zum Heiligtum erhoben wurde.
Der Anschluss von Texas führte zum Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko, dieser wiederum dazu, dass die Vereinigten Staaten riesige neue Gebiete erwarben, was den erbitterten Streit über die Ausweitung der Sklaverei weiter anheizte. Das Ergebnis war der Bürgerkrieg, in dem sich Texas von der Union lossagte, die es einst widerwillig aufgenommen hatte, so wie es sich zuvor von der mexikanischen Nation losgesagt hatte. In gewissem Sinne löste es sich auch vom besiegten Süden. Texas kultivierte eifrig die Vorstellung, etwas Eigenständiges zu sein. Es hatte keinen Anlass, sich Träumereien von der Verlorenen Sache hinzugeben, solange es im Westen eine Grenze gab, die es erschließen konnte, und den Widerstand der indigenen Bevölkerung, den es zu brechen galt.
Das texanische Staatslied wurde 1929 angenommen, vierundsechzig Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs. Im Gegensatz zu den wehmütigen und nostalgischen offiziellen Liedern anderer Staaten des besiegten Südens mit ihren Verweisen auf lieblich zwitschernde Vögel und „stolze Wappenbäume“ ist „Texas, unser Texas“ eine lebhafte, herrschaftsbegierige Hymne. Die Formulierung „der größte und erhabenste“ musste, nachdem Alaska 1959 der Union beigetreten war, in „der kühnste und erhabenste“ geändert werden, doch „der kühnste“ trifft das Wesen wahrscheinlich ohnehin besser. Ansonsten bleibt das Lied unverändert, ebenso wie der Nationalstolz, den es besingt. Texas war einst und möchte insgeheim noch immer „ein weites und ruhmreiches Reich“ bleiben.



