Der 27. März war für Anthropic vermutlich ein ziemlich seltsamer Tag. Am Morgen erfuhr die Welt, dass das Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude ernsthaft über einen Börsengang nachdenkt. Am Nachmittag folgte eine Nachricht, die diese Feier etwas überschattete: Das Unternehmen veröffentlichte versehentlich Tausende interne Dokumente, darunter Einzelheiten zu seinem bislang unangekündigten und leistungsstärksten KI-Modell überhaupt. Es heißt Claude Mythos.
Informationsleck
Der Fehler war banal. Die für das Content-Management-System zuständige Person hatte vergessen, die Materialien als privat zu kennzeichnen. Und plötzlich waren über 3.000 unveröffentlichte Dateien im öffentlichen Internet zugänglich. Entwürfe für Blogbeiträge, interne Dokumente und Details zu einer geplanten geschlossenen Veranstaltung für europäische Unternehmenschefs, bei der CEO Dario Amodei persönlich auftreten sollte.
Doch die größte Bombe war eine andere Datei. Der Entwurf eines Blogbeitrags beschrieb ein Modell, das Anthropic in seinen internen Materialien auch als „Capybara“ bezeichnete, eine neue Kategorie oberhalb der bestehenden Modelle der Opus-Reihe. Beide Namen, Mythos und Capybara, beziehen sich offenbar auf dasselbe Modell.
Anthropic räumte den Fehler anschließend ein. Ein Unternehmenssprecher bestätigte, dass das Modell tatsächlich existiert und getestet wird. „Wir entwickeln ein Modell für den allgemeinen Einsatz mit deutlichen Fortschritten in den Bereichen logisches Denken, Programmierung und Cybersicherheit“, erklärte ein Vertreter des Unternehmens.
Was wissen wir über das Modell Mythos?
Die geleakten Dokumente beschreiben Mythos als „das mit Abstand leistungsstärkste KI-Modell, das wir je entwickelt haben“. Im Vergleich zu Claude Opus 4.6 soll es bei Tests zu Programmierung, akademischem Denken und Cybersicherheit dramatisch höhere Werte erzielen. Und gerade die Cybersicherheit ist der Bereich, der die Märkte regelrecht beunruhigte. Der geleakte Entwurf behauptet nämlich, das Modell sei „jedem anderen KI-Modell bei den Cyberfähigkeiten weit voraus“ und könne möglicherweise Schwachstellen in Software schneller ausnutzen, als Unternehmen sie schließen können.
Es ist daher kein Wunder, dass die Aktien von Unternehmen wie Palo Alto Networks, CrowdStrike oder Fortinet am Freitag um 5 bis 9 Prozent fielen. Der Markt rechnete sich aus, was es bedeuten könnte, wenn ein solches Werkzeug in die falschen Hände geriete. Anthropic reagierte darauf mit der Ankündigung, dass Mythos nicht für die breite Öffentlichkeit verfügbar sein wird. Zumindest vorerst nicht. Zugang erhalten nur ausgewählte Kunden mit Schwerpunkt auf Cyberabwehr, also Unternehmen, die das Modell zum Schutz von Systemen und nicht für Angriffe auf sie einsetzen werden.
Geplanter Börsengang
Dabei hätte es an diesem Tag eigentlich um eine andere Nachricht gehen sollen. Bloomberg und The Information berichteten nämlich, dass Anthropic bereits im vierten Quartal 2026, konkret im Oktober, einen Börsengang erwägt. Das Unternehmen soll vorläufige Gespräche mit den Banken Goldman Sachs, JPMorgan und Morgan Stanley geführt haben.
Es handelt sich um eine gewaltige Wette. Anthropic wurde im Februar 2026 mit rund 380 Milliarden Dollar bewertet, und ein Börsengang könnte mehr als 60 Milliarden einbringen. Zum Vergleich: Das Unternehmen wurde erst 2021 gegründet, als die Mitgründer Dario und Daniela Amodei es mit 2,5 Milliarden auf den Weg brachten. Ein solcher Sprung innerhalb von fünf Jahren ist alles andere als gewöhnlich.
Doch ein Börsengang ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die Affäre um die geleakten Dokumente Fahrt aufnimmt? Hinzu kommt ein Rechtsstreit mit dem US-Verteidigungsministerium, das Anthropic als „Risiko für die Lieferkette“ einstufte, nachdem das Unternehmen eine uneingeschränkte militärische Nutzung seiner Modelle abgelehnt hatte. Bundesrichterin Rita Lin gewährte dem Unternehmen zwar vorläufigen Schutz und bezeichnete das Vorgehen der Regierung als „orwellsch“, doch der Fall geht weiter.
Technologieaktien hatten in dieser Woche schwere Zeiten, auch ohne Anthropic. Meta und YouTube wurden von einem Gericht in Los Angeles wegen Schäden mit einer Geldstrafe belegt, die jungen Nutzern durch das suchterzeugende Design der Plattformen entstanden waren. Die Meta-Aktie fiel um mehr als 7 Prozent. Reddit und Snap verloren jeweils mehr als 10 Prozent.
Zu all dem kam der Druck durch fallende Aktienkurse von Speicherchip-Herstellern, nachdem Google den neuen Kompressionsalgorithmus TurboQuant vorgestellt hatte, der den Speicherbedarf von KI-Modellen reduziert. Micron, SanDisk und SK Hynix mussten allesamt kräftig einstecken. Und dann noch Anthropic mit dem geleakten Modell und den Börsenplänen.
Weitere Quellen: ca.finance.yahoo.com und thenews.com



