Denken Sie an das letzte RPG zurück, das Sie gespielt haben. Der Dorfbewohner am Tor sagte immer wieder dasselbe, und der Bösewicht hielt einen vorab geschriebenen Monolog. Und die Entscheidungen? Die waren meist nur eine Illusion. Ganz gleich, wofür Sie sich entschieden, die Geschichte endete immer gleich. Und genau das möchte Voyage vom Startup Latitude ändern.
Was ist die Plattform Voyage und wer steckt dahinter?
Die neue Spieleplattform Voyage stammt aus der Feder des US-amerikanischen Startups Latitude, das in der Spielewelt bereits ein alter Hase ist. Schon 2019 brachte es das Spiel AI Dungeon heraus, ein Spiel ohne festes Drehbuch, bei dem die Geschichte von künstlicher Intelligenz generiert wurde. Dieses Spieleprojekt entwickelte sich zu einem regelrechten Phänomen und zog Millionen von Spielern an, die erstmals erleben konnten, wie es ist, ohne Grenzen zu spielen.
Voyage soll jedoch deutlich ambitionierter sein. Die Plattform ermöglicht es nämlich, ohne vorab geschriebenes Drehbuch zu spielen, wobei die einzelnen Interaktionen mit Nebenfiguren (NPCs) mithilfe von KI und in Echtzeit generiert werden. Und das ist noch nicht alles! Die Plattform ermöglicht es Spielern außerdem, mithilfe von KI eigene Welten zu erschaffen. So kann ein Spieler alles selbst gestalten, von Regionen und Städten über Sehenswürdigkeiten bis hin zu Nebenquests. Man muss sich lediglich eine Welt ausdenken und sie beschreiben, und die KI generiert den erforderlichen Code sowie die Inhalte. Die fertige Welt kann anschließend sogar mit anderen geteilt werden.
Kein Drehbuch, keine vorab geschriebenen Dialogzeilen
Der größte Reiz von Voyage liegt im Verhalten der Figuren. In den meisten RPGs haben NPCs vorab geschriebene Dialogzeilen, die sich ständig wiederholen. Doch Voyage bricht mit diesem Prinzip.
Jede Interaktion mit Nebenfiguren findet ohne vorgegebenes Drehbuch statt. Die Figuren erinnern sich an frühere Ereignisse, besitzen eine eigene Persönlichkeit und Hintergrundgeschichte und reagieren auf eine Weise, die authentisch wirkt. Die Website TechCrunch berichtet beispielsweise, dass sich bei einem Test sogar ein Troll, der die Hauptfigur gefangen hielt, plötzlich über Eheprobleme beklagte. Auch wenn das absurd klingen mag, ist es genau diese Spontaneität, zu der traditionelle Spiele nicht fähig sind.

Fünf Jahre Entwicklungszeit
Hinter all dem steht die Technologie Latitude’s World Engine, an der das Unternehmen fünf Jahre lang gearbeitet hat. Dabei handelt es sich nicht um ein einzelnes KI-Modell, sondern um ein Gefüge aus mehreren Systemen, die zusammenarbeiten. Eines erzählt die Geschichte, ein zweites überwacht die Spielmechaniken, ein drittes merkt sich die Beziehungen zwischen den Figuren und verfolgt, was sich wo befindet. Wenn Sie also im Spiel Verrat begehen, sollten Sie der betreffenden Figur beim nächsten Mal besser aus dem Weg gehen. Denn in der Welt von Voyage wird sie sich daran erinnern.
Die Plattform ist bereits in einer Beta-Testversion verfügbar und verzeichnet schon jetzt mehr als 160 000 einzigartige KI-Figuren, wobei ein durchschnittlicher Spieler fast 3 000 Spielentscheidungen getroffen hat. Das verdeutlicht, dass diese authentischen Szenarien bei den Menschen tatsächlich gut ankommen.
Voyage ist vorerst kostenlos und textbasiert. Die Spieler lesen die Geschichte und schreiben, wie sie reagieren möchten. Bald sollen kostenpflichtige Tarife von 15 bis 50 Dollar pro Monat für erweiterte Funktionen hinzukommen. Die offene Beta ist für Ende 2026 geplant.
Welches Potenzial hat KI in Spielen?
Voyage ist nur der erste Vorbote eines weitaus größeren Trends. Die Spielebranche stößt seit Jahrzehnten immer wieder an dieselbe Grenze. Je reichhaltiger die Spielwelt sein soll, die Entwickler erschaffen möchten, desto mehr Drehbuchautoren, Schauspieler und Programmierer benötigen sie. Und genau diese Grenze reißt KI vollständig ein.
Nun können Städte existieren, in denen jeder Einwohner eine eigene Lebensgeschichte hat, in denen sich die Handlung entsprechend Ihren Entscheidungen verändert und in denen zwei Durchläufe desselben Spiels völlig unterschiedlich aussehen. Das ist längst nicht mehr nur ein Traum, sondern die Richtung, in die sich die Branche bewegt.
Wenn Sie Spiele lediglich für Unterhaltung für Teenager halten, ist es vielleicht an der Zeit, diese Ansicht zu überdenken. KI in Spielen verändert die Regeln nämlich grundlegend. Dabei geht es nicht nur um bessere Grafik, sondern darum, dass virtuelle Welten tatsächlich zum Leben erwachen.



