Sam Altman stand auf der Bühne des indischen KI-Gipfels in Neu-Delhi. Vor ihm saß ein freundliches Publikum, hinter ihm lag eine Woche voller Schlagzeilen. Und dann sagte er diesen Satz: „Auch einen Menschen großzuziehen kostet eine Menge Energie.“ Das klingt harmlos. Doch die Reaktion darauf war alles andere als harmlos.
Der Gipfel, die Fragen und Altmans Gegenangriff
Altman kam als Star nach Indien. OpenAI hat dort mehr als 100 Millionen wöchentlich aktive ChatGPT-Nutzer – der zweitgrößte Markt der Welt direkt nach den USA. Auf dem Gipfel erwarteten ihn Interviews, Fotos mit Premierminister Modi und Vorträge über die Zukunft der KI.
Doch die Journalisten stellten auch unbequeme Fragen. Konkret ging es darum, wie viel Energie und Wasser ChatGPT verbraucht. Altman wies zunächst die am weitesten verbreitete Behauptung – dass eine Anfrage an ChatGPT 17 Gallonen Wasser verbraucht – als „völligen Unsinn, total verrückt, ohne jeden Bezug zur Realität“ zurück. Er räumte jedoch ein, dass das Problem früher bestand, als Rechenzentren Verdunstungskühlung einsetzten. Heute sei das angeblich nicht mehr der Fall.
Dann kam das, was die größte Aufmerksamkeit auf sich zog. Altman ereiferte sich über einen Vergleich, den er für unfair hält. Kritiker würden angeblich die Energie, die zum Trainieren eines gesamten KI-Modells benötigt wird, mit der Energie für eine einzelne menschliche Anfrage vergleichen – und das sei für ihn ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen.
„Aber auch einen Menschen großzuziehen kostet eine Menge Energie“, sagte er. „Es dauert 20 Lebensjahre und erfordert all die Nahrung, die du in dieser Zeit isst, bis du intelligent bist. Und nicht nur das – es bedurfte der gesamten Evolution von Hunderten Milliarden Menschen, die jemals gelebt haben, gelernt haben, Raubtieren zu entkommen, und die Wissenschaft entwickelt haben, damit du überhaupt entstehen konntest.“
Sein Fazit? Wenn man ChatGPT eine Frage stellt, ist die KI wahrscheinlich energieeffizienter als ein Mensch – sobald das Modell einmal trainiert ist. Das Argument hat seine eigene Logik. Doch die Art, wie Altman es vorbrachte, brachte das Fass zum Überlaufen.
Die Reaktion des Internets
Die sozialen Netzwerke griffen die Gelegenheit sofort auf. Der Nutzer David Fairchild schrieb einen der meistgeteilten Kommentare: „Für mich wirkt es nicht so, als verteidige er lediglich den Energieverbrauch der KI. Er schmuggelt eine ganze Anthropologie ein, in der Menschen im Grunde ineffiziente Fleischcomputer sind, in die man Nahrung und Jahre hineinstecken muss, bevor sie nützlich werden. Und sobald man das akzeptiert, ist der nächste Schritt offensichtlich – wenn Menschen nur kostspielige biologische Trainingsprozesse sind, dann klingt es plötzlich nicht nur gleichwertig, sondern überlegen, Berge von Strom für synthetische Intelligenz zu verbrennen.“
Ein anderer Nutzer fasste sich kürzer: „Ich verstehe nicht, wie ein solcher Mensch so viel Macht haben und unsere Zukunft gestalten kann.“
Warum diese Reaktion? Transparenz als eigentliches Problem
Altmans Aussage wäre vielleicht unbemerkt geblieben, gäbe es nicht einen größeren Kontext. Technologieunternehmen sind gesetzlich nicht verpflichtet, den Energie- oder Wasserverbrauch ihrer Rechenzentren offenzulegen. Zudem sind Mitarbeiter und Partner durch Geheimhaltungsvereinbarungen gebunden. Wissenschaftler versuchen daher, den Verbrauch unabhängig zu schätzen, stoßen dabei jedoch auf eine Mauer.
Mit anderen Worten: Altman sagt, die Bedenken seien übertrieben. Doch niemand von außen kann das überprüfen. Und genau das ärgert die Menschen am meisten. Altman selbst räumte ein, dass der gesamte Energieverbrauch der KI ein echtes Problem darstellt – nicht pro Anfrage, sondern in der Summe. Seiner Ansicht nach muss die Welt rasch auf Kernenergie oder erneuerbare Energiequellen umsteigen. Das ist eine vernünftige Position. Doch der Vergleich von Menschen mit ineffizienten biologischen Prozessoren überlagerte sie.
Geniale Rhetorik oder ein falsches Signal?
Altmans Argument ist technisch vertretbar. Wenn man tatsächlich den Energieverbrauch einer einzelnen KI-Anfrage mit dem einer einzelnen menschlichen Antwort vergleicht, könnten die Zahlen zugunsten der KI ausfallen. Aber die Existenz eines Menschen mit dem Training eines Modells zu vergleichen, ist etwas anderes. Menschen sind nicht in diesem System, um Fragen zu beantworten. Sie sind darin, weil sie Menschen sind. Und genau hier lag Altman daneben. Nicht faktisch. Sondern auf der Werteebene.
Denn die Frage lautet nicht nur: „Wie viel Energie kostet das?“ – sondern auch: „Was bekommen wir dafür, und wer bezahlt dafür?“ Steigende Strompreise, überlastete Netze, durch Rechenzentren unter Druck geratene Ökosysteme – das sind reale Auswirkungen, die sich nicht mit dem Hinweis abtun lassen, dass auch Kinder essen.
Der Gipfel in Delhi ging zu Ende. Altman flog ab. Doch die Debatte, die er ausgelöst hat, bleibt – und wird wohl noch lange nicht verschwinden.



