Generative künstliche Intelligenz hält sehr schnell Einzug in die Anwaltschaft, sodass Regeln für ihren Einsatz nicht rechtzeitig entstehen können. US-amerikanische Gerichte beginnen jedoch allmählich, Grenzen zu setzen. Ein aktueller Fall aus Indiana ist ein Beispiel dafür. Obwohl der Anwalt KI sinnvoll einsetzte, nahm er eine gefährliche Abkürzung und erhielt dafür vom Richter eine ernste Rüge.
Mandantin meldete eine Verletzung, Anwalt griff zu KI
Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters rügte Richter Tim Baker in Indianapolis den Anwalt Mark Waterfill, weil dieser in einer bestimmten Phase des Rechtsstreits die Ausgabe einer KI kopierte und damit sein berufliches Urteilsvermögen vollständig der künstlichen Intelligenz überließ.
Konkret ging es um den Rechtsstreit White gegen Walmart, in dem die Klägerin behauptete, die Walmart-Kette habe sie ungerecht behandelt, nachdem sie einen Arbeitsunfall gemeldet hatte. Das Unternehmen wies diesen Vorwurf jedoch zurück und wurde deshalb vom Vertreter der Klägerseite aufgefordert, Beweise vorzulegen.
KI fand „Fehler“, Anwalt leitete sie direkt an das Gericht weiter
Reuters zufolge stellte der Vertreter der Klägerseite, Mark Waterfill, bei der Verhandlung die Antworten von Walmart infrage und erhob gleich mehrere Einwände. Dem Richter entging jedoch nicht, dass die Einwände nicht ganz authentisch waren und von künstlicher Intelligenz generiert worden waren.
Waterfill räumte ein, dass er die Antworten, die Walmart ihm geschickt hatte, in ein KI-Programm hochgeladen und dieses gebeten hatte, Mängel in den Beweisen zu finden. Das Ergebnis kopierte er anschließend ohne weitere Bearbeitung und schickte es per E-Mail sowohl an die Gegenpartei als auch an das Gericht selbst. Welches konkrete Programm er verwendete, gab er Reuters zufolge nirgends an.
Das Motiv war in diesem Fall durchaus menschlich: Zeitersparnis. Womit er sich stundenlang hätte beschäftigen müssen, erledigte die KI in wenigen Sekunden. Der Richter betonte jedoch nachdrücklich, dass KI als Hilfsmittel dienen könne, aber niemals die Arbeit eines Anwalts ersetzen dürfe. Ein Einzelfall ist dies keineswegs. In den USA sind bereits mehrere Fälle dokumentiert, in denen Anwälte KI einsetzten und in Gerichtsschriftsätzen nicht existierende Zitate anführten.
Keine Geldstrafe, dafür eine deutliche Rüge
Im Fall von Mark Waterfill wurde keine Geldstrafe verhängt. Richter Baker erklärte lediglich, Waterfill habe „bei seinen Pflichten als ausgebildeter Jurist eine gefährliche Abkürzung genommen", und erinnerte daran, dass KI ein nützliches Werkzeug, aber kein Ersatz für einen Anwalt ist. Seiner Ansicht nach verletzte Waterfill damit seine Pflicht, die mithilfe von KI erzielten Ergebnisse eigenständig zu prüfen, bevor er sie an die Gegenpartei weiterleitete.
Ganz ohne Konsequenzen blieb die Angelegenheit dennoch nicht. Waterfill wurde gerügt und gewann den betreffenden Rechtsstreit nicht. Die Website National Law Review berichtet, dass das Gericht vielmehr die Antworten der Klägerin für unzureichend befand und sie anwies, diese weiter zu ergänzen.
Andernorts werden wegen KI bereits Geldstrafen in fünfstelliger Höhe verhängt
Ähnliche Verstöße werden in den USA jedoch immer häufiger geahndet und nicht selten mit Geldstrafen belegt. Reuters zufolge verhängte ein US-amerikanisches Berufungsgericht im März 2026 gegen Anwälte eine Geldstrafe von 30.000 Dollar wegen einer Eingabe mit KI-generierten Fehlern. Und in einem anderen Rechtsstreit mit Walmart erhielten im Februar vergangenen Jahres drei Anwälte eine Geldstrafe von insgesamt 5.000 Dollar für das Zitieren von acht nicht existierenden Fällen, worüber unter anderem die Website Justia Legal News berichtete.
Eines ist daher sicher. Obwohl es bereits Fälle gibt, in denen KI Einzelpersonen dabei geholfen hat, einen Rechtsstreit zu gewinnen, oder in denen sie Richter unterstützen kann, ist sie nach wie vor eher eine hilfreiche Stütze als ein erfahrener Anwalt und muss mit großer Vorsicht eingesetzt werden.



