Meta gab im Dezember bekannt, dass es das singapurische KI-Startup Manus für mehr als zwei Milliarden Dollar übernimmt. Das Unternehmen, das nur acht Monate nach seinem Start einen Jahresumsatz von über 100 Millionen Dollar erzielen konnte, sollte Mark Zuckerbergs Ambitionen im Wettlauf um künstliche Intelligenz stärken. Damals sah es nach einem guten Geschäft aus. Vier Monate später sind davon nur noch Trümmer und eine diplomatische Krise übrig.
Dabei ist Manus kein gewöhnliches Startup. Chinesische Medien bezeichneten es als „zweites DeepSeek“. Zugangscodes zu seinem KI-Agenten, der selbstständig Forschungsberichte verfassen oder Daten analysieren kann, wurden auf chinesischen Online-Marktplätzen für mehr als tausend Dollar weiterverkauft.
Warum Peking Nein sagte
Manus entstand 2022 in Peking. Die Gründer Xiao Hong, Ji Yichao und Tao Zhang gründeten damals das Unternehmen Butterfly Effect. Im Sommer 2025 verlegten sie den Hauptsitz nach Singapur, registrierten das Unternehmen neu und öffneten sich damit den Zugang zu westlichem Kapital. Die Strategie hatte einen Namen: „Singapore-Washing“. Chinesische Startups zogen formal aus der Reichweite Pekings weg, während sie tatsächlich weiterhin von China aus operierten.
Dieses Manöver war den chinesischen Behörden schon immer ein Dorn im Auge. Doch bei Manus war das Maß voll. Meta schloss die Übernahme im Dezember ab, woraufhin das chinesische Handelsministerium eine Untersuchung einleitete, ob die Transaktion gegen die Vorschriften zur Kontrolle von Technologieexporten verstoßen hatte. Im März folgte ein drastischer Schritt: Die beiden Gründer Xiao Hong und Ji Yichao erhielten ein Ausreiseverbot. Sie sitzen in China fest, während ihre Kollegen in den singapurischen Büros von Meta arbeiten.
Im April verkündete die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) ihr endgültiges Urteil. Die Übernahme wird untersagt. Beide Seiten müssen die Transaktion „im Einklang mit den Gesetzen und Vorschriften“ rückgängig machen. Meta veröffentlichte eine kurze Erklärung: „Die Transaktion entsprach vollständig den geltenden Rechtsvorschriften. Wir erwarten eine angemessene Lösung der Untersuchung.“ Was sich Zuckerbergs Team genau darunter vorstellt, teilte es nicht mit.
Die Realität ist nämlich kompliziert. Mehr als hundert Mitarbeiter von Manus sind bereits in die Räumlichkeiten von Meta in Singapur eingezogen. Xiao Hong wurde direkt Javier Olivan, dem Chief Operating Officer, unterstellt. Die ursprünglichen Investoren, darunter Tencent, ZhenFund und HongShan, haben sich ihre Anteile bereits auszahlen lassen. Und die Technologie von Manus wurde inzwischen in die Produkte von Meta integriert. Wie sich die Vereinbarung „rückgängig machen“ lässt, kann bislang niemand beantworten.
Peking spielte dieselbe Karte wie Washington
Das chinesische Verbot amerikanischer Investitionen in heimische Technologieunternehmen ist nicht nur eine Reaktion auf einen einzelnen Fall. Es ist Teil des laufenden Technologiekriegs.
Washington hat chinesische Technologieunternehmen jahrelang systematisch vom amerikanischen Markt und Kapital abgeschnitten. 2019 schloss es Huawei und ZTE aus amerikanischen Netzen aus. 2022 beschränkte es den Export von Chips nach China. 2024 stellte es Vorschriften fertig, die amerikanische Investitionen in chinesische Unternehmen aus den Bereichen künstliche Intelligenz, Halbleiter und Quantentechnologien untersagen. Im vergangenen Jahr verbot es neue Drohnen ausländischer Hersteller auf dem amerikanischen Markt.
Peking dreht diese Logik nun um: Wenn Washington ausländisches Kapital in sensiblen Technologien als Sicherheitsrisiko betrachtet, wird China dasselbe behaupten. Die NDRC und andere Behörden haben in den vergangenen Wochen führende chinesische Technologieunternehmen angewiesen, amerikanisches Kapital in ihren Finanzierungsrunden abzulehnen, sofern keine ausdrückliche Genehmigung der Regierung vorliegt.
Diese Anweisung richtet sich an den gesamten Sektor, doch drei Namen machen Schlagzeilen: Moonshot AI, ByteDance und StepFun. Moonshot AI bemüht sich derzeit um eine neue Finanzierungsrunde in Höhe von einer Milliarde Dollar bei einer Bewertung von 18 Milliarden. StepFun erwog einen Börsengang in Hongkong über eine halbe Milliarde Dollar. Und ByteDance, das wertvollste Privatunternehmen der Welt, wurde angewiesen, Verkäufe von Sekundäraktien an amerikanische Investoren ohne Zustimmung der Regierung nicht zu berücksichtigen.
Das Ende der Abkürzung über Singapur
Der Fall Manus sendete eine klare Botschaft in die Welt: Peking akzeptiert die Verlegung eines Firmensitzes nach Singapur nicht mehr als Mittel, um sich seiner Aufsicht zu entziehen. Gründer, die chinesische Staatsbürger sind und deren Technologie in China entwickelt wurde, bleiben unabhängig davon, wo sich der Stempel im Handelsregister befindet, in der Reichweite der chinesischen Behörden. „Das Singapore-Washing ist vorbei“, sagt Dylan Loh, außerordentlicher Professor an der Nanyang Technological University in Singapur. China signalisiert, dass es in strategisch prioritären Bereichen die Aufsicht verstärken wird, um die Abwanderung von Talenten sowie den Abfluss von Technologien und Daten zu verhindern.
Investoren und Startup-Gründer in ganz Asien prüfen nun neu, ob sie den globalen Weg über Singapur oder die Kaimaninseln einschlagen oder direkt auf chinesisches Kapital setzen sollen. Diese Rechnung fällt heute anders aus als noch vor einem Jahr.
Quellen: bloomberg.com und theedgesingapore.com



