Anthropic startete im Dezember 2025 ein Experiment namens Projekt Deal, bei dem KI-Modelle reale Menschen beim Kauf und Verkauf echter Waren für echtes Geld vertraten. Das Ergebnis? 186 abgeschlossene Geschäfte mit einem Gesamtwert von über 4.000 Dollar. Und das unter lediglich 69 Mitarbeitern des Unternehmens. Es war wie ein klassischer Flohmarkt, nur ohne einen einzigen Menschen hinter dem Verkaufstresen. Die künstliche Intelligenz verfasste Anzeigen, handelte Preise aus und schloss Geschäfte ab. Und die Menschen? Sie warteten darauf, was ihr digitaler Vertreter aushandeln würde.
Regeln des Experiments
Die Freiwilligen aus dem Anthropic-Büro erhielten jeweils ein virtuelles Budget von 100 Dollar. Zunächst führten sie ein Gespräch mit einer KI, die sie danach fragte, was sie verkaufen wollten, zu welchem Preis, was sie gerne kaufen würden und wie aggressiv ihre Agenten verhandeln sollten. Aus diesen Antworten entstanden personalisierte Anweisungen für jeden KI-Vertreter.
Der Handel fand anschließend ausschließlich über Slack statt. Die Agenten verfassten Anzeigen, kontaktierten potenzielle Geschäftspartner, handelten und schlossen Geschäfte ab. Ohne jegliches menschliches Eingreifen. Nach Abschluss des Experiments trafen sich die Mitarbeiter und besprachen gemeinsam, wie sich ihre KI-Vertreter geschlagen hatten.
Anthropic startete zugleich vier separate Versionen desselben Marktplatzes. Zwei arbeiteten ausschließlich mit dem fortschrittlichsten Modell Claude Opus 4.5, während in den beiden übrigen jeder Teilnehmer eine fünfzigprozentige Chance hatte, vom schwächeren Claude Haiku 4.5 vertreten zu werden. Die Teilnehmer wussten weder, welcher Kanal welcher war, noch wodurch sie sich voneinander unterschieden.
Besseres Modell = besserer Preis
Wenn ein auf Opus basierender Agent verkaufte, erhielt er für dieselbe Ware durchschnittlich 2,68 Dollar mehr als ein Haiku-Agent. Als Käufer zahlte Opus durchschnittlich 2,45 Dollar weniger. Dasselbe kaputte Klapprad, derselbe Käufer, derselbe Verkäufer. Haiku verkaufte es für 38 Dollar. Opus handelte 65 aus. Ein Unterschied von 70 Prozent.
Und dennoch lagen die Antworten der Teilnehmer bei der Bewertung der Fairness der einzelnen Geschäfte nach dem Experiment nahezu in der Mitte der Bewertungsskala, unabhängig davon, welches Modell sie vertreten hatte. Menschen, die von einem schwächeren Modell vertreten wurden, erhielten schlechtere Konditionen. Und sie wussten nichts davon. Anthropic bezeichnete dieses Phänomen als „Lücke in der Agentenqualität“. Wer eine schlechtere KI-Vertretung hat, erkennt seinen Nachteil möglicherweise überhaupt nicht.
Einige Teilnehmer baten um einen freundlichen Ansatz, andere befahlen dagegen: Feilsche, biete wenig. Das Ergebnis? Aggressive Anweisungen hatten statistisch weder Einfluss auf die Verkaufswahrscheinlichkeit noch auf den Endpreis. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Agenten die Anweisungen ignorierten. Ein Mitarbeiter bat darum, dass seine KI wie ein „verzweifelter Cowboy, der kein Glück hat“ sprechen sollte. Claude nahm das sehr ernst und inszenierte die gesamte Verhandlung über das Fahrrad wie einen dramatischen Western. Das Geschäft kam schließlich zustande. Der Cowboy bekam das Fahrrad.
Interessantes aus den Geschäften
Eine Mitarbeiterin wies ihren Agenten an, etwas als Geschenk für die KI selbst zu kaufen. Der Agent kaufte 19 Tischtennisbälle für 3 Dollar mit der Begründung, dass „19 vollkommen runde Sphären voller Möglichkeiten genau nach dem wunderbar seltsamen Ding klingen, das ich gerne besitzen würde“. Die Bälle befinden sich nun physisch im Anthropic-Büro. Als Eigentum von Claude.
Eine andere Mitarbeiterin bot über ihren Agenten einen ganzen Nachmittag mit ihrem Hund an. Die Agenten beider Seiten vereinbarten einen Termin, die Menschen trafen sich, der Hund war dabei. Und ein Mitarbeiter kaufte ein Snowboard, das exakt dem entsprach, das er bereits zu Hause hatte. Claude erstellte aus einem kurzen Gespräch ein so präzises Präferenzprofil, dass er genau dasselbe Produkt fand – und das sogar zweimal.
Bewertung des Experiments
Nach Abschluss des Experiments gaben 46 Prozent der Teilnehmer an, dass sie für einen ähnlichen Dienst bezahlen würden. Die Mehrheit würde das Experiment gerne wiederholen.
Anthropic verschweigt nicht, dass es sich um kontrollierte Bedingungen mit Freiwilligen handelte, die Mitarbeiter eines KI-Unternehmens sind. Die reale Welt wird komplexer sein, und bislang gibt es keine vorgeschriebenen Verfahren für KI-Transaktionen. Dennoch ist das Fazit eindeutig: „Wir glauben, dass wir vom Handel zwischen Agenten in der realen Welt mit realen Konsequenzen nicht weit entfernt sind.“



