OpenAI hat in den vergangenen Monaten ein Produkt nach dem anderen auf den Markt gebracht. Den Chatbot ChatGPT, das Programmierwerkzeug Codex, den eigenen Browser Atlas. Jedes für sich, jedes mit einem eigenen Team, jedes im Kampf um Aufmerksamkeit. Und nun folgt die große Kehrtwende. OpenAI plant eine Desktop-Super-App, die ChatGPT, Codex und den Browser Atlas in einer einzigen Anwendung vereint. Es handelt sich um die größte Produktänderung, die das Unternehmen seit seinem rasanten Aufstieg im Jahr 2022 plant.
Hinter diesem Vorstoß steht Fidji Simo, die Leiterin der Anwendungssparte von OpenAI, die im Mai vergangenen Jahres von Instacart kam. Sie war es, die eine interne Besprechung einberief und den Mitarbeitern Dinge sagte, die man im Silicon Valley nur selten laut ausspricht: „Wir haben erkannt, dass wir unsere Anstrengungen auf zu viele Anwendungen verteilt haben. Diese Zersplitterung hat uns ausgebremst und es erschwert, die von uns angestrebte Qualität zu erreichen.“
In einer internen Mitteilung an die Mitarbeiter formulierte Simo es noch schärfer. Sie warnte vor „Nebenprojekten“ und forderte das Team auf, sich auf das zu konzentrieren, was wirklich funktioniert. Und was funktioniert? Codex. Das Programmierwerkzeug gewann innerhalb kurzer Zeit mehr als zwei Millionen wöchentlich aktive Nutzer und wurde zum natürlichen Kern, um den herum die neue Super-App aufgebaut werden soll.

Wie wird die App aussehen?
Der Plan ist klar: Codex bildet die Grundlage, ChatGPT wird zur Konversationsebene und Atlas zum Fenster ins Web. Alles unter einem Dach, ohne zwischen Anwendungen wechseln zu müssen und ohne Kontextverlust. OpenAI will sogenannte „agentische“ Fähigkeiten in die Super-App integrieren. Vereinfacht gesagt: Die künstliche Intelligenz wird nicht nur Fragen beantworten, sondern selbstständig auf Ihrem Computer arbeiten. Code schreiben, Daten analysieren, das Web durchsuchen, Aufgaben erledigen. Ohne dass Sie jeden einzelnen Schritt manuell steuern müssen.
Der Browser Atlas ist dabei keineswegs eine Neuheit der vergangenen Woche. OpenAI brachte ihn bereits im Oktober 2025 für macOS auf den Markt und hat ihn seitdem still und leise weiterentwickelt. Die Unterstützung für Windows fehlt bislang, und das ist einer der Gründe, weshalb Fachleute davon ausgehen, dass die Einführung der Super-App keine Frage von Wochen sein wird. Prognosemärkte sehen eine Wahrscheinlichkeit von 49 %, dass dies bis zum 1. Mai 2026 gelingt.
Druck von Anthropic
Es wäre naiv zu glauben, dass OpenAI diesen Schritt nur aus eigener Initiative unternimmt. Hinter der Entscheidung steht auch eine sehr konkrete Bedrohung namens Anthropic. Dieses Unternehmen punktet in letzter Zeit insbesondere bei Entwicklern, vor allem dank des Werkzeugs Claude Code, das enorme Popularität erlangt hat. OpenAI spürt, dass es genau dort an Boden verliert, wo es keinen Boden verlieren will: bei Programmierern und Unternehmenskunden.
Simo sagte es bei der internen Besprechung deutlich. OpenAI richtet sich „aggressiv“ auf hochproduktive Einsatzmöglichkeiten künstlicher Intelligenz aus. Im Klartext: weniger Experimente, mehr Ergebnisse. Weniger Anwendungen, mehr Fokus.
Wann kommt die Super-App?
Eines ist sicher: Die mobile Version von ChatGPT bleibt unverändert. Die Super-App ist eine reine Desktop-Anwendung, die sich in erster Linie an Entwickler und Unternehmenskunden richtet. Menschen, die ChatGPT auf ihrem Smartphone für alltägliche Fragen nutzen, werden keine Veränderung bemerken.
Ein genaues Startdatum hat das Unternehmen bislang nicht bekannt gegeben. Insider sprechen von den „kommenden Monaten“. OpenAI bereitet sich unterdessen auf einen möglichen Börsengang vor, der noch in diesem Jahr erfolgen könnte.
Quellen: wsj.com, theverge.com und pcmag.com



