Cursor, ein mit 29 Milliarden Dollar bewertetes US-amerikanisches Startup, hat sein neues eigenes Modell zum Schreiben von Code veröffentlicht. Es heißt Composer 2 und sieht auf dem Papier großartig aus. Bessere Ergebnisse in Benchmarks, ein drastisch niedrigerer Preis, schnellere Reaktionszeiten. Doch dann erschien ein Tweet, der alles komplizierter machte.
Fähigkeiten des neuen Composer 2
Beginnen wir mit dem Positiven. Cursor veröffentlichte Ergebnisse aus drei verschiedenen Tests, und die Zahlen sind überzeugend. Beim CursorBench erreichte Composer 2 einen Wert von 61,3 gegenüber 44,2 bei der Vorgängerversion. Beim SWE-bench Multilingual waren es 73,7 gegenüber 65,9. Noch interessanter ist der Preis. Composer 1.5 kostete 3,50 Dollar pro Million Eingabe-Token. Composer 2 kostet 0,50 Dollar. Eine Preissenkung um 86 % ist eine Zahl, die Entwicklern sofort auffallen wird. Die schnellere Variante Composer 2 Fast kostet 1,50 Dollar pro Million Eingabe-Token und wurde von Cursor direkt als Standardoption festgelegt.
Das Modell arbeitet mit einem Kontextfenster von 200.000 Token und wurde auf sogenannte langfristige Aufgaben trainiert. Das bedeutet, dass es nicht nur auf Anfrage eine Funktion schreiben kann, sondern in der Lage ist, ein gesamtes Repository zu durchsuchen, zu entscheiden, was geändert werden muss, mehrere Dateien gleichzeitig zu bearbeiten und auf Fehler zu reagieren. Cursor nennt dies „Long-Horizon Coding“, und es ist genau das, was Entwickler von KI-Assistenten erwarten.
Kimi K2.5: Die chinesische Grundlage, über die Cursor schwieg
Und hier kommt die Wendung. Kurz nach der Ankündigung erschien auf X ein Tweet, in dem behauptet wurde, dass Composer 2 in Wirklichkeit das chinesische Open-Source-Modell Kimi K2.5 des Unternehmens Moonshot AI sei, das mithilfe von Reinforcement Learning speziell für die Anforderungen von Cursor nachtrainiert wurde. Cursor selbst hatte dies nirgendwo ausdrücklich erwähnt.
Da die Leute wirklich wollen, dass ich es sage: „KIMI K2.5“ ‼️
— Lee Robinson (@leerob) 20. März 2026
Ja, das ist die Grundlage, von der wir ausgegangen sind. Und wir halten uns über die Bedingungen unserer Inferenzpartner (z. B. Fireworks) an die Lizenz.
Ich persönlich bin dankbar für OSS-Modelle, sie sind gut für das Ökosystem.
Auf Hacker News entbrannte sofort eine Debatte. Einer der Kommentatoren brachte es unverblümt auf den Punkt: „Composer 1 war Qwen, das hier ist Kimi. Das ganze Unternehmen basiert darauf, Open Source zu verpacken und weiterzuverkaufen.“ Andere wandten ein, dass dies nichts Ungewöhnliches sei, da viele Technologieprodukte ähnlich funktionieren. Jemand bemerkte sogar, dass ein Entwickler von Kimi die Übereinstimmung des Tokenizers bestätigt habe, was darauf hindeutet, dass es um mehr als nur ein Nachtraining geht.
Dabei hostet Cursor das Modell selbst auf seiner eigenen Infrastruktur, sodass die Daten der Nutzer nicht nach China abfließen. Doch die Frage der Transparenz bleibt. Warum hat das Unternehmen dies nicht von Anfang an offengelegt?
Benchmarks: Besser als Claude, schlechter als GPT-5.4
Die Ergebnisse sind gut, aber nicht makellos. Beim Terminal-Bench 2.0, der die Fähigkeit einer KI zur Arbeit in der Kommandozeile testet, erreichte Composer 2 einen Wert von 61,7. Das ist besser als Claude Opus 4.6 mit einem Wert von 58,0. Allerdings führt GPT-5.4 mit 75,1, und das ist ein gewaltiger Unterschied.
Cursor stellt dies jedoch nicht als Kampf um den ersten Platz dar. Das Argument des Unternehmens ist ein anderes: Wir bieten ein Modell, das gut genug, deutlich günstiger als die Konkurrenz und perfekt in unsere Umgebung integriert ist. Für Entwickler, die Cursor täglich nutzen, könnte diese Kombination überzeugender sein als reine Leistung.
Cursor unter Druck: Verlieren Entwickler ihren Grund zu zahlen?
Damit kommen wir zu dem, worum es bei dieser Veröffentlichung tatsächlich geht. Cursor ist nicht nur ein Editor mit KI. Es ist eine Plattform, die zwischen Entwicklern und den Modellen von OpenAI, Anthropic und Google sitzt. Und genau diese Unternehmen forcieren nun ihre eigenen Werkzeuge zum Schreiben von Code, etwa Claude Code oder Codex.
In den sozialen Netzwerken gibt es immer mehr Entwickler, die von Cursor zu Claude Code wechseln. Sie werden von terminalbasierten Arbeitsabläufen, einer direkteren Bedienung und dem Gefühl angezogen, unmittelbar mit der Quelle statt über einen Vermittler zu arbeiten. Cursor muss das wahrnehmen.
Composer 2 ist daher ein strategischer Schachzug. Das Unternehmen sagt: Wir haben ein eigenes Modell, es ist günstig, schnell und exakt auf unsere Umgebung abgestimmt. Es reicht uns nicht, lediglich fremde Modelle weiterzuverkaufen. Doch wenn die Grundlage ein chinesisches Open-Source-Modell ist, das jeder herunterladen und selbst nachtrainieren kann, wie stark ist dann tatsächlich der Vorteil ihres Produkts?



