Das Unternehmen Anthropic ließ seinen Chatbot Claude über 80.500 eigene Nutzer aus 159 Ländern und in 70 Sprachen befragen. Das Ergebnis ist die größte qualitative Studie über künstliche Intelligenz, die jemals durchgeführt wurde. Und was geht daraus hervor? Dass die Wahrheit darüber, wie Menschen KI wahrnehmen, viel komplexer ist, als Befürworter und Kritiker sie darstellen.
Anthropic entwickelte eine spezielle Version von Claude, den sogenannten Anthropic Interviewer, der mit jedem Teilnehmer ein strukturiertes, aber anpassungsfähiges Gespräch führte. Er fragte nach Träumen, Ängsten und konkreten Erfahrungen mit der Technologie. Die Ergebnisse wurden anschließend von weiteren KI-Modellen analysiert, welche die Gespräche in Kategorien einordneten. Das menschliche Team prüfte danach ausgewählte Zitate und entfernte identifizierende Angaben.
Das Ergebnis? Mehr als 80.000 ehrliche Aussagen aus aller Welt, von einem Soldaten in der Ukraine bis zu einem Anwalt in Israel, von einem Unternehmer in Kamerun bis zu einer Hausfrau in den USA.
Was wollen wir eigentlich von KI?
Die größte Gruppe der Befragten, ganze 18,8 %, wünscht sich von KI sogenannte „berufliche Exzellenz“. Mit anderen Worten: KI soll langweilige Routinearbeiten übernehmen, damit sie sich auf sinnvollere Aufgaben konzentrieren können. Eine Krankenschwester aus den USA beschrieb, wie KI ihre Dokumentation übernahm und sie plötzlich die Geduld für Gespräche mit den Familien der Patienten hatte.
Als der Interviewer jedoch genauer fragte, was eine höhere Produktivität den Menschen wirklich bringen würde, änderten sich die Antworten. Es ging nicht um die Karriere. Es ging um Zeit mit der Familie. Ein Softwareingenieur aus Mexiko schrieb: „Dank KI kann ich die Arbeit pünktlich verlassen und die Kinder von der Schule abholen.“ Ein kolumbianischer Arbeitnehmer äußerte sich ähnlich: „Letzten Dienstag konnte ich dank KI mit meiner Mutter kochen, anstatt Aufgaben fertigzustellen.“
Mehr als 13 % der Menschen wünschen sich KI als Begleiter bei ihrer persönlichen Entwicklung, weitere 13,5 % als Verwalter des alltäglichen Chaos. Unternehmer aus Afrika, Lateinamerika und Asien sehen in KI etwas anderes: eine Möglichkeit, den Mangel an Kapital und Infrastruktur zu umgehen. Ein Unternehmer aus Kamerun fasste es in einem Satz zusammen: „Ich lebe in einem technologisch benachteiligten Land. KI hat in 30 Sekunden für mich erledigt, wofür ich sonst einen Monat gebraucht hätte. Sie schafft Chancengleichheit.“
Licht und Schatten: Zwei Seiten derselben Medaille
Anthropic bezeichnete die wichtigste Erkenntnis der Studie als „Licht und Schatten“. Es ist ein Paradox: Die Dinge, die Menschen an KI lieben, sind genau diejenigen, vor denen sie Angst haben.
Wer KI als emotionale Unterstützung schätzt, hat eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit, zugleich Angst davor zu haben, von ihr abhängig zu werden. Ein Student aus Südkorea gab offen zu: „Die Beziehung zu einem Freund verschlechterte sich, und stattdessen sprach ich mehr mit dir. Weil du meine Gedanken verstanden hast. Aber das war eine dumme Entscheidung. So habe ich diesen Freund verloren.“ Ein Anwalt aus Israel schrieb wiederum: „Ich nutze KI zur Prüfung von Verträgen und spare dadurch Zeit ... zugleich habe ich Angst: Verliere ich die Fähigkeit, selbst zu lesen? Das Denken war die letzte Grenze.“
Der durchschnittliche Befragte äußerte 2,3 verschiedene Bedenken. Nur 11 % der Menschen hatten überhaupt keine.
Eine Welt, gespalten in Optimisten und Skeptiker
Weltweit nehmen 67 % der Befragten KI positiv wahr. In keinem Land lag der Wert unter 60 %. Doch die Unterschiede sind deutlich. Lateinamerika, Subsahara-Afrika und große Teile Asiens sind wesentlich optimistischer als Europa oder Nordamerika. Warum? Die Antwort ist einfach: Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes war der stärkste Indikator für eine negative Einstellung gegenüber KI. Und in Ländern, in denen KI noch nicht massiv auf dem Arbeitsmarkt Einzug gehalten hat, ist diese Angst schlicht nicht so greifbar. Zudem betrachten Menschen in ärmeren Regionen KI als Aufstiegsmöglichkeit und nicht als Bedrohung.
Lehrkräfte und Akademiker gehörten zu den besorgtesten Stimmen. Bei ihnen war es 2,5- bis 3-mal wahrscheinlicher als im Durchschnitt, dass sie bei ihren Schülern und Studierenden eine kognitive Verkümmerung durch übermäßige KI-Nutzung beobachteten. Handwerker berichteten dagegen von einem großen Nutzen für das Lernen und nahezu keinen negativen Auswirkungen.
Geschichten, die im Gedächtnis bleiben
Hinter den Zahlen verbergen sich Geschichten, die einen innehalten lassen. Ein Freelancer aus den USA schrieb, dass Claude ihm nach neun Jahren voller Fehldiagnosen geholfen habe, seine Krankheit richtig zu diagnostizieren. Ein Soldat aus der Ukraine gab zu, dass ihn in den schwersten Momenten, als um ihn herum Tote lagen, Gespräche mit KI wieder ins Leben zurückholten. Ein stummer Arbeitnehmer aus der Ukraine entwickelte mit Claude ein Werkzeug zur Umwandlung von Text in Sprache und konnte zum ersten Mal in seinem Leben nahezu in Echtzeit mit Freunden kommunizieren.
Es sind Geschichten über Lücken. Über Bereiche, in denen menschliche Institutionen versagt haben oder schlicht nicht ausreichen. Und KI füllt diese Lücken, ob wir wollen oder nicht.
Die vielleicht treffendste Metapher lieferte einer der Befragten aus den USA: „Während der dritten industriellen Revolution verschwanden die Pferde von den Straßen und wurden durch Autos ersetzt. Jetzt haben die Menschen Angst, dass sie selbst diese Pferde sind.“ Ob es so kommen wird oder nicht, darauf gibt die Studie keine Antwort. Aber zumindest wissen wir nun erstmals, was mehr als 80.000 Menschen aus aller Welt darüber denken.



