Zwei interne OpenAI-Mitteilungen geleakt, die Microsoft und Anthropic angreifen

Zwei interne OpenAI-Mitteilungen geleakt, die Microsoft und Anthropic angreifen

Ondřej Barták
Ondřej Barták
Unternehmer und Programmierer
15. 4. 2026
4 Minuten Lesezeit
Zwei interne OpenAI-Mitteilungen geleakt, die Microsoft und Anthropic angreifen

    Selten lässt sich ein Technologieunternehmen öffentlich in die eigenen Karten schauen. OpenAI ist das in den vergangenen Wochen gleich zweimal gelungen. Zunächst wurde eine interne Mitteilung für Investoren geleakt, in der Anthropic scharf angegriffen wird. Dann wurde bekannt, dass Chief Revenue Officer Denise Dresser den Mitarbeitern einen vierseitigen Brief geschickt hatte, in dem sie auch vor einigen brutal ehrlichen Aussagen über Microsoft nicht zurückschreckte. Beide Mitteilungen wurden schließlich von der gesamten Technologiebranche und von Medien wie CNBC gelesen.

    Anthropic und Microsoft liegen ihnen schwer im Magen

    Beginnen wir von vorn. Anfang April verschickte OpenAI eine interne Mitteilung an seine Investoren. Laut CNBC bezeichnete das Unternehmen Anthropic darin als ein Unternehmen, das „auf einer deutlich niedrigeren Leistungskurve arbeitet“ und mit einem Mangel an Rechenleistung zu kämpfen hat. Auf Deutsch gesagt: Anthropic soll nicht über genügend Server verfügen, um langfristig mithalten zu können.

    OpenAI plant, bis 2030 eine Rechenleistungskapazität von 30 Gigawatt zu erreichen. Und Anthropic? Nach Schätzungen von OpenAI soll das Unternehmen bis Ende 2027 über rund 7 bis 8 Gigawatt verfügen. In den Worten von OpenAI: „Unser Vorsprung ist erheblich und wächst weiter.“

    Eine weitere geleakte Mitteilung stammt von Denise Dresser, die OpenAI erst im vergangenen Dezember von Slack für die Position des Chief Revenue Officer abgeworben hatte. Das an die Mitarbeiter verschickte Schreiben umfasste vier Seiten und enthielt den Satz: „Unsere Partnerschaft mit Microsoft war die Grundlage unseres Erfolgs. Sie hat aber auch unsere Fähigkeit eingeschränkt, Unternehmen dort zu erreichen, wo sie sind.“

    Dabei hat Microsoft seit 2019 mehr als 13 Milliarden Dollar in OpenAI investiert. Microsoft war es, das OpenAI die Recheninfrastruktur bereitstellte, als ChatGPT noch nicht einmal existierte. Und jetzt bezeichnet sein eigener Schützling das Unternehmen öffentlich, wenn auch indirekt, als Bremse. Microsoft lehnte eine Stellungnahme zu der Angelegenheit ab.

    Amazon als Retter?

    Im selben Brief stellte Dresser Amazon als wichtigen Verbündeten für die Zukunft vor. Ende Februar 2026 kündigte Amazon im Rahmen einer strategischen Partnerschaft eine Investition von bis zu 50 Milliarden Dollar in OpenAI an. Die Unternehmen wollen die Modelle von OpenAI über die Plattform Amazon Bedrock zugänglich machen, die bereits von Tausenden Unternehmen weltweit genutzt wird. „Seit wir diese Partnerschaft bekannt gegeben haben, ist das Interesse der Kunden schlicht überwältigend“, schrieb Dresser.

    Doch diese Partnerschaft hat einen Haken. Microsoft erwägt nämlich rechtliche Schritte. Im Vertrag mit OpenAI ist festgelegt, dass der Zugriff auf sämtliche Modelle über Azure, die Cloud-Plattform von Microsoft, erfolgen muss. Amazon und OpenAI haben eine technische Umgehung dieses Grundsatzes entwickelt, das sogenannte Stateful Runtime Environment.  Die Ingenieure von Microsoft behaupten jedoch, dass diese Lösung nicht mit dem Vertrag vereinbar sei.

    Denise Dresser wurde zur Chief Revenue Officer (CRO) von OpenAI ernannt.
    Denise Dresser wurde zur Chief Revenue Officer (CRO) von OpenAI ernannt.

    Dresser gegen Anthropic

    Die Mitteilung ließ auch die direkte Konkurrenz nicht unerwähnt. Anthropic gab kürzlich bekannt, dass seine hochgerechneten Einnahmen 30 Milliarden Dollar pro Jahr überschritten hätten. Dresser kommentiert dies mit einer gehörigen Portion Skepsis. Sie behauptet, dass diese Zahl aufgrund der Art und Weise, wie Einnahmen aus den Partnerschaften mit Amazon und Google verbucht werden, um rund 8 Milliarden Dollar aufgebläht sei.

    Anthropic soll auch Beträge als Einnahmen verbuchen, die über Cloud-Partner laufen, als wäre es der Hauptverkäufer. OpenAI hingegen verbucht lediglich die Nettomarge nach Abzug des Anteils von Microsoft. Dresser hält ihre Methode für richtiger, insbesondere mit Blick auf den geplanten Börsengang. Anthropic verteidigt seinen Ansatz als vollständig mit den GAAP-Rechnungslegungsvorschriften vereinbar. Das Unternehmen argumentiert, bei den betreffenden Transaktionen tatsächlich als Hauptpartei und nicht nur als Vermittler aufzutreten.

    Dresser räumt in der Mitteilung ein, dass Anthropic im Segment der Unternehmenskunden einen Vorsprung erlangt hat. Auf der HumanX-Konferenz in San Francisco, die vergangene Woche stattfand, war laut CNBC ausgerechnet Anthropics Modell Claude das meistdiskutierte Thema.

    OpenAI reagiert mit einer eigenen Strategie. Unternehmenskunden machen 40 % der Einnahmen des Unternehmens aus, und Dresser will, dass sie bis Ende 2026 das gleiche Niveau wie das Privatkundensegment erreichen. Die Strategie ist klar: OpenAI soll nicht länger wie ein Unternehmen mit getrennten Produkten agieren, sondern eine einheitliche Plattform mit mehreren Zugangspunkten anbieten. „Hören wir auf, wie ein Unternehmen mit separaten Produktlinien zu denken. Denken wir wie eine Plattform“, schrieb Dresser. Und sie fügte einen Seitenhieb gegen den Konkurrenten hinzu: „Anthropic basiert auf Angst und Einschränkung. Uns wird eine positive Vision voranbringen.“

    Hinter all dem steht auch eine rein pragmatische Frage. OpenAI wird derzeit mit mehr als 850 Milliarden Dollar bewertet, Anthropic mit 380 Milliarden. Beide Unternehmen bereiten sich auf einen Börsengang vor, wahrscheinlich noch in diesem Jahr. Und die Investoren wollen verständlicherweise wissen, welches von ihnen über das nachhaltigere Geschäftsmodell verfügt.

    OpenAI weiß, dass die Abhängigkeit von einem einzigen Partner – also Microsoft – eine Schwachstelle ist. Daher Amazon, daher der offensive Ton gegenüber Anthropic, daher vielleicht auch die „absichtlich“ geleakten internen Mitteilungen.

    Kategorie:KI
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