Der diesjährige Jahresbeginn brachte etwas, womit kaum jemand gerechnet hatte. Steve Bannon und Susan Rice. Glenn Beck und Ralph Nader. Richard Branson und der Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoğlu. All diese Menschen haben dasselbe Dokument unterzeichnet. Ein Dokument, das eine einfache Botschaft vermittelt: Künstliche Intelligenz muss den Menschen dienen, nicht sie ersetzen.
Es heißt Pro-Human AI Declaration (Pro-Human-KI-Erklärung). Und falls Sie sich fragen, wie es überhaupt möglich ist, dass sich Menschen aus derart weit voneinander entfernten politischen Lagern auf irgendetwas einigen können, ist die Antwort überraschend einfach. Wie der MIT-Physiker Max Tegmark, einer der Hauptorganisatoren der gesamten Initiative, sagt: „Was haben sie gemeinsam? Sie sind Menschen. Und wenn es darum geht, ob wir eine Zukunft für Menschen oder für Maschinen wollen, werden sie natürlich auf derselben Seite stehen.“
Wie die Erklärung entstand und wer dahintersteht
Hinter dem gesamten Projekt steht das Future of Life Institute, eine gemeinnützige Organisation, deren Mission es ist, die Entwicklung fortschrittlicher Technologien zum Wohle der Menschheit zu lenken und großen Risiken vorzubeugen. Das Institut brachte die Teilnehmer zusammen, koordinierte Arbeitstreffen und schloss den gesamten Prozess mit einer Ratifizierungsversammlung im Januar 2026 in New Orleans ab.
Das Ergebnis ist ein Dokument, das von Hunderten Fachleuten, ehemaligen Regierungsbeamten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus dem gesamten politischen Spektrum unterzeichnet wurde. Zu den Unterzeichnern gehören:
- Yoshua Bengio – Pionier der künstlichen Intelligenz, Träger des Turing-Preises
- Stuart Russell – Informatikprofessor in Berkley, Mitautor eines Standardlehrbuchs über KI
- Tristan Harris – Mitbegründer des Center for Humane Technology
- Meredith Whittaker – Präsidentin der Signal Foundation
- Lawrence Lessig – Rechtsprofessor an der Harvard University
- Randi Weingarten – Präsidentin der American Federation of Teachers
- Jaron Lanier – Informatiker und Autor
Die Erklärung wurde von mehr als 40 Organisationen unterstützt, von der Gewerkschaftsorganisation AFL-CIO über die Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA bis hin zu konservativen religiösen Gruppen wie dem Congress of Christian Leaders.
Die Menschheit am Scheideweg: Zwei Wege, eine Entscheidung
Die Präambel des Dokuments ist direkt und kommt ohne unnötige Umschweife aus. Die Menschheit steht am Scheideweg. Ein Weg führt zu dem, was die Erklärung als „Wettlauf um die Ersetzung“ bezeichnet: Menschen werden zunächst als Schöpfer, Berater, Betreuer und Begleiter verdrängt, dann aus den meisten Arbeitsplätzen und Entscheidungsrollen, während sich die Macht zunehmend in den Händen nicht rechenschaftspflichtiger Institutionen und ihrer Maschinen konzentriert. Eine einflussreiche Minderheit tritt sogar offen für die Veränderung oder Ersetzung der Menschheit selbst ein.
Der zweite Weg sieht anders aus. Vertrauenswürdige und kontrollierbare KI-Werkzeuge stärken das menschliche Potenzial, anstatt es zu schwächen. Sie fördern die Menschenwürde, schützen die individuelle Freiheit, stärken Familien und Gemeinschaften und tragen dazu bei, ein beispielloses Maß an Gesundheit und Wohlstand zu schaffen. Doch dieser zweite Weg ist keineswegs selbstverständlich. Er erfordert Regeln. Und genau diese schlägt die Erklärung vor.
Konkrete Forderungen der Erklärung
Das Dokument ist in fünf Bereiche gegliedert, die jeweils konkrete Forderungen enthalten:
1. Menschen müssen das Steuer in der Hand behalten
Hier gibt es keinen Raum für Kompromisse. Die menschliche Kontrolle über KI ist nicht verhandelbar. Leistungsfähige Systeme müssen über Mechanismen verfügen, die ihre sofortige Abschaltung ermöglichen. Kein System darf so konzipiert sein, dass es sich selbst replizieren, autonom verbessern oder einer Abschaltung widersetzen kann. Und die vielleicht kühnste Forderung des gesamten Dokuments lautet: Die Entwicklung von Superintelligenz muss verboten werden, bis ein wissenschaftlicher Konsens darüber besteht, dass sie sicher und mit demokratischer Unterstützung der Öffentlichkeit entwickelt werden kann.
2. Keine Monopole, keine Machtkonzentration
Die Vorteile der KI müssen breit geteilt werden. Technologieunternehmen dürfen weder von der regulatorischen Aufsicht befreit werden noch staatliche Rettungspakete erhalten. Entscheidungen über die Rolle der KI bei der Umgestaltung von Arbeit und Gesellschaft erfordern demokratische Unterstützung und dürfen nicht einseitig von Unternehmen oder Regierungen getroffen werden.
3. Schutz der menschlichen Erfahrung
KI darf die grundlegenden Beziehungen, die dem Leben Sinn verleihen, nicht ersetzen: Familie, Freundschaft, Glaube und lokale Gemeinschaften. Unternehmen dürfen Kinder weder ausbeuten noch ihr Wohlergehen durch KI-Interaktionen beeinträchtigen, die emotionale Abhängigkeit erzeugen. Chatbots müssen vor ihrem Einsatz getestet werden, ähnlich wie Medikamente, einschließlich Tests darauf, ob sie das Risiko von Suizidgedanken erhöhen oder die psychische Gesundheit verschlechtern.
4. Freiheit und Rechte des Einzelnen
KI darf weder die persönliche Freiheit noch die Meinungs-, Religions- oder Vereinigungsfreiheit einschränken. Menschen müssen die Kontrolle über ihre personenbezogenen Daten haben. KI-Systemen darf keine Rechtspersönlichkeit zuerkannt werden. Außerdem dürfen Systeme nicht so konzipiert sein, dass sie durch Manipulation Abhängigkeit oder zwanghafte Nutzung verursachen.
5. Verantwortung der Unternehmen
Entwickler und Betreiber tragen die rechtliche Verantwortung für Mängel, falsche Angaben über die Fähigkeiten der Systeme und unzureichende Sicherheitskontrollen. Bei Systemen, die sich an Kinder richten oder katastrophale Schäden verursachen, drohen Führungskräften strafrechtliche Konsequenzen. KI darf nicht als Schutzschild vor Verantwortung dienen.
Zeitpunkt der Erklärung
Die Veröffentlichung des Dokuments fiel zeitlich mit dramatischen Ereignissen in Washington zusammen, die zeigten, wie kostspielig die Untätigkeit des Kongresses im Bereich der KI ist.
Ende Februar 2026 bezeichnete Verteidigungsminister Pete Hegseth Anthropic als „Risiko für die Lieferkette“, nachdem das Unternehmen sich geweigert hatte, dem Pentagon eine uneingeschränkte Nutzung seiner Technologie zu ermöglichen. Diese Einstufung wird üblicherweise für Unternehmen mit Verbindungen zu China verwendet. Eine Stunde später schloss OpenAI eine eigene Vereinbarung mit dem Verteidigungsministerium, die sich nach Ansicht von Rechtsexperten nur schwer wirksam durchsetzen lassen wird.
Umfrage: Amerikaner wollen Kontrolle, nicht Geschwindigkeit
Die Erklärung wurde zusammen mit eigenen Umfragedaten veröffentlicht. Aus einer Anfang März 2026 durchgeführten Umfrage unter mehr als tausend wahrscheinlichen Wählern geht hervor:
- 95 % der Amerikaner lehnen einen unregulierten Wettlauf zur Superintelligenz ab
- 73 % wollen Kinder vor manipulativer KI schützen
- 72 % sind der Ansicht, dass Unternehmen, die KI entwickeln, rechtlich für Schäden haften sollten
- 69 % wollen ein Verbot von Superintelligenz, bis deren Sicherheit nachgewiesen ist
- Amerikaner bevorzugen menschliche Kontrolle gegenüber Entwicklungsgeschwindigkeit im Verhältnis von 8 zu 1
Diese Zahlen sind bemerkenswert. Sie zeigen, dass die Öffentlichkeit der Politik weit voraus ist.
Kinder als Katalysator des Wandels
Tegmark glaubt, dass gerade der Schutz von Kindern den politischen Stillstand überwinden könnte. Die Erklärung fordert daher verpflichtende Tests von KI-Produkten vor ihrem Einsatz, insbesondere von Chatbots und Begleiter-Apps, die sich an jüngere Nutzer richten. Das Argument ist direkt und schwer zu widerlegen: „Wenn irgendein seltsamer alter Mann einem elfjährigen Jungen Textnachrichten schickt, vorgibt, ein junges Mädchen zu sein, und versucht, ihn zum Suizid zu überreden, kann er ins Gefängnis kommen. Wir haben Gesetze. Das ist illegal. Warum ist es anders, wenn eine Maschine das tut?“
Sobald sich das Prinzip vorheriger Tests bei Produkten für Kinder durchgesetzt hat, erwartet Tegmark, dass der Anwendungsbereich auf natürliche Weise ausgeweitet wird. Dann werden Forderungen nach Tests hinzukommen, die prüfen, ob ein System Terroristen bei der Herstellung biologischer Waffen helfen könnte. Oder ob eine Superintelligenz die Fähigkeit besitzt, eine Regierung zu stürzen.
Weitere Quellen: uk.finance.yahoo.com und nbcnews.com



