Mitarbeiter von OpenAI und Google stellen sich hinter Anthropic, das das US-Verteidigungsministerium verklagt

Mitarbeiter von OpenAI und Google stellen sich hinter Anthropic, das das US-Verteidigungsministerium verklagt

Ondřej Barták
Ondřej Barták
Unternehmer und Programmierer
11. 3. 2026
6 Minuten Lesezeit · 4 Aufrufe
Mitarbeiter von OpenAI und Google stellen sich hinter Anthropic, das das US-Verteidigungsministerium verklagt

    Anthropic, der Entwickler des Chatbots Claude, arbeitete mit dem US-Verteidigungsministerium (DOD) daran, seine KI-Modelle für militärische Zwecke einzusetzen. Doch die Verhandlungen gerieten bei zwei konkreten Punkten ins Stocken. Anthropic lehnte es ab, seine Technologie zur massenhaften Überwachung amerikanischer Bürger und für vollständig autonome Waffensysteme ohne menschliche Aufsicht über die Entscheidung zum Waffeneinsatz bereitzustellen. Pentagon-Chef Pete Hegseth bestand darauf, dass das Militär für „jeden rechtmäßigen Zweck“ Zugang zu KI haben müsse und nicht von einem privaten Unternehmen eingeschränkt werden dürfe.

    Dario Amodei, der CEO von Anthropic, gab nicht nach. Und das Pentagon reagierte auf eine Weise, die niemand erwartet hatte.

    Eine Einstufung, die normalerweise für Staatsfeinde verwendet wird

    Ende Februar stufte das Pentagon Anthropic als „Risiko für die Lieferkette“ ein (supply-chain risk). Diese Einstufung wird üblicherweise für ausländische Gegner wie China oder Russland verwendet. Noch nie zuvor war ein amerikanisches Technologieunternehmen so eingestuft worden. Die Folgen waren unmittelbar und brutal.

    Jedes Unternehmen und jede Behörde, die mit dem Pentagon zusammenarbeitet, musste bestätigen, dass sie keine Modelle von Anthropic verwendet. Die General Services Administration (GSA) kündigte den „OneGov“-Vertrag mit Anthropic, wodurch die Dienste von Claude für alle drei Zweige der Bundesregierung nicht mehr verfügbar waren. Präsident Trump wies zudem alle Bundesbehörden an, die Nutzung der Technologien von Anthropic unverzüglich einzustellen.

    Hegseth und Trump bezeichneten Amodei und sein Unternehmen wegen ihrer Haltung zur KI-Sicherheit als „woke“ und „radikal“. Amodei wies dies als politisch motivierten Angriff zurück.

    Anthropic zieht vor Gericht

    Am 1. März 2026 reichte Anthropic gleichzeitig zwei Klagen ein – eine bei einem Bundesgericht in San Francisco und eine weitere beim Berufungsgericht in D.C. Das Unternehmen bezeichnete die Maßnahmen des Verteidigungsministeriums als „beispiellos und rechtswidrig“.

    Die Klage in San Francisco beruft sich auf einen Verstoß gegen den ersten Zusatzartikel zur US-Verfassung. „Die Verfassung erlaubt es der Regierung nicht, ihre enorme Macht einzusetzen, um ein Unternehmen für seine geschützte Meinungsäußerung zu bestrafen“, heißt es in dem Dokument. Bei dieser geschützten Meinungsäußerung handelt es sich um die Überzeugungen von Anthropic zu den Grenzen seiner eigenen KI-Systeme und zu Fragen der Sicherheit künstlicher Intelligenz.

    In der Klage wird weiter behauptet, dass das DOD die gesetzlich vorgeschriebenen Verfahren nicht eingehalten habe. Das Gesetz verlangt nämlich, dass die Behörde eine Risikobewertung durchführt, das betroffene Unternehmen informiert, ihm Gelegenheit zur Stellungnahme gibt, eine schriftliche Entscheidung unter dem Gesichtspunkt der nationalen Sicherheit erlässt und den Kongress informiert – und all dies noch vor dem Ausschluss des Anbieters. Das Pentagon soll keinen dieser Schritte ordnungsgemäß durchgeführt haben.

    Die zweite Klage beim Berufungsgericht in D.C. ficht die Einstufungsentscheidung selbst als rechtswidrig, vergeltend und nach dem Bundesvergaberecht fehlerhaft zustande gekommen an. Anthropic beantragte zugleich beim Gericht, die Einstufung mit sofortiger Wirkung auszusetzen, solange das Gerichtsverfahren läuft, damit das Unternehmen weiterhin mit Militärdienstleistern zusammenarbeiten kann.

    5 Milliarden Dollar in Gefahr

    Der Finanzvorstand von Anthropic, Krishna Rao, warnte in seiner gerichtlichen Erklärung, dass allein in diesem Jahr erwartete Einnahmen in Höhe von Hunderten Millionen Dollar aus der Arbeit für das Pentagon gefährdet seien. Sollte es der Regierung gelingen, Unternehmen generell von einer Zusammenarbeit mit Anthropic abzuschrecken, könnte das Unternehmen bis zu 5 Milliarden Dollar Umsatz verlieren – das entspricht ungefähr den gesamten Einnahmen des Unternehmens seit 2023, als es mit der kommerziellen Nutzung seiner KI-Technologie begann.

    Vertriebschef Paul Smith beschrieb, wie der Druck der Regierung dazu führt, dass Geschäftspartner „tiefes Misstrauen und eine wachsende Angst vor einer Verbindung mit Anthropic“ zeigen. Einige Kunden haben Verhandlungen ausgesetzt oder verlangen Ausstiegsklauseln in den Verträgen. Andere haben Treffen vollständig abgesagt. Große Cloud-Anbieter wie Amazon und Microsoft haben bislang angekündigt, Claude weiterhin Kunden ohne Verbindung zum Pentagon anzubieten.

    Rivalen eilen zu Hilfe

    Und hier kommt der interessanteste Teil. Wenige Stunden nach Einreichung der Klagen tauchte vor Gericht ein Dokument auf, mit dem niemand gerechnet hatte. Mehr als 30 Mitarbeiter von OpenAI und Google DeepMind reichten einen Amicus-Schriftsatz ein. Aus dem Lateinischen übersetzt bezeichnet dies einen juristischen Schriftsatz von Parteien, die nicht unmittelbar am Rechtsstreit beteiligt sind, aber über einschlägige Fachkenntnisse verfügen.

    Zu den Unterzeichnern gehörte Jeff Dean, leitender Wissenschaftler bei Google DeepMind und Leiter des Gemini-Projekts. Hinzu kamen die Forscher Zhengdong Wang, Alexander Matt Turner und Noah Siegel von Google DeepMind sowie Gabriel Wu, Pamela Mishkin und Roman Novak von OpenAI. Sie alle unterzeichneten in persönlicher Eigenschaft und vertreten nicht die offiziellen Positionen ihrer Unternehmen.

    Die Mitarbeiter stellten sich in dem Dokument mit folgenden Worten vor: „Wir sind Ingenieure, Forscher, Wissenschaftler und andere Fachleute, die in führenden amerikanischen Laboren für künstliche Intelligenz beschäftigt sind. Wir entwickeln, trainieren und untersuchen groß angelegte KI-Systeme.“

    Ihr Schriftsatz enthält drei Hauptargumente. Erstens sei die Einstufung von Anthropic als Risiko für die Lieferkette ein unangemessener und willkürlicher Machtmissbrauch mit schwerwiegenden Folgen für die gesamte Branche gewesen. Zweitens seien die technischen Bedenken hinter den „roten Linien“ von Anthropic legitim und in der Wissenschaft weithin anerkannt. Drittens seien die Risiken beider strittigen Anwendungsfälle tiefgreifend.

    „Wenn dieser Versuch, eines der führenden amerikanischen KI-Unternehmen zu bestrafen, fortgesetzt wird, wird dies zweifellos Folgen für die industrielle und wissenschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten im Bereich der künstlichen Intelligenz und weit darüber hinaus haben“, heißt es in dem Dokument. „Und es wird die offene Diskussion in unserer Branche über die Risiken und Vorteile heutiger KI-Systeme beeinträchtigen.“

    Bedenken hinsichtlich autonomer Waffen und Massenüberwachung

    Die Mitarbeiter erläutern in dem Schriftsatz, warum die Bedenken von Anthropic wissenschaftlich begründet sind. Die besten verfügbaren KI-Systeme sind nicht in der Lage, eine vollständig autonome tödliche Zielerfassung sicher oder zuverlässig zu bewältigen. Autonome Waffensysteme können in ihrer heutigen Form nicht zuverlässig zwischen Kämpfern und Zivilisten unterscheiden, ihre Entscheidungen zur Zielerfassung nicht erklären und nicht in menschliche Verantwortungsstrukturen eingebunden werden.

    Was die Massenüberwachung betrifft, warnt der Schriftsatz, dass eine KI-gestützte massenhafte Überwachung im Inland die fragmentierte Datenwelt, die das amerikanische Leben bereits umgibt, in ein einheitliches Instrument zur Echtzeitüberwachung der gesamten Bevölkerung verwandeln würde. Allein das Bewusstsein, dass eine solche Fähigkeit existiert, hat eine abschreckende Wirkung auf die demokratische Teilhabe.

    OpenAI hat Anthropic ersetzt

    Die Geschichte hat noch eine weitere brisante Dimension. Das Pentagon unterzeichnete praktisch im selben Moment, in dem es Anthropic als Risiko einstufte, einen Vertrag mit OpenAI – und zwar einen Vertrag ohne Einschränkungen für „jeden rechtmäßigen Zweck“. Viele Mitarbeiter von OpenAI kritisierten diesen Schritt öffentlich als opportunistisch.

    OpenAI-CEO Sam Altman erklärte dennoch öffentlich, dass die Durchsetzung der Einstufung von Anthropic als Risiko für die Lieferkette „sehr schlecht für unsere Branche und unser Land wäre“, und bezeichnete die Entscheidung des Pentagons als „sehr schlecht“. Trotzdem unterzeichnete sein Unternehmen den Vertrag, und das ist ein Widerspruch, der im Silicon Valley niemandem entgangen ist.

    Die Mitarbeiter, die den Amicus-Schriftsatz unterzeichneten, weisen in dem Dokument darauf hin, dass das Pentagon den Vertrag mit Anthropic einfach hätte kündigen und die Dienste eines anderen führenden KI-Unternehmens erwerben können. Stattdessen habe es „rücksichtslos Befugnisse im Bereich der nationalen Sicherheit eingesetzt, die dazu bestimmt sind, das Vergabeverfahren vor Eingriffen ausländischer Gegner zu schützen“.

    Gericht entscheidet über die Zukunft der KI im Militär

    Der Fall geht nun in San Francisco in die erste Anhörung. Anthropic beantragt eine einstweilige Verfügung, die es dem Unternehmen ermöglichen würde, während des Gerichtsverfahrens weiterhin mit Militärdienstleistern zusammenzuarbeiten.

    Der Ausgang dieses Streits geht über das Schicksal eines einzelnen Unternehmens hinaus. Es geht darum, ob private KI-Unternehmen ethische Grenzen für die Nutzung ihrer Technologien festlegen dürfen oder ob die Regierung diese Grenzen gewaltsam überwinden kann. Es geht darum, ob die Einstufung als „Risiko für die Lieferkette“ als politische Waffe gegen die eigenen Unternehmen eingesetzt werden kann. Und es geht darum, wer eigentlich darüber entscheidet, wie künstliche Intelligenz in den sensibelsten Bereichen eingesetzt wird – von Schlachtfeldern bis hin zur Überwachung der eigenen Bürger.

    Ein Sprecher von Anthropic fasste es so zusammen: „Das Ersuchen um gerichtliche Überprüfung ändert nichts an unserem langfristigen Engagement, KI zum Schutz unserer nationalen Sicherheit einzusetzen, aber es ist ein notwendiger Schritt zum Schutz unseres Unternehmens, unserer Kunden und unserer Partner.“

    Quellen: wired.com und theinformation.com

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