Auf einem geheimen Militärstützpunkt in Zentralkalifornien ertönt ein einfacher Befehl: "Schicke ein Bodenfahrzeug zum Kontrollpunkt ALFA. Führe mit zwei Drohnen einen kinetischen Angriff durch. Zerstöre den blauen Lastwagen 500 Meter östlich des Flugplatzes und bestätige." Danach drückte kein Mensch den Abzug. Kein Pilot steuerte eine Drohne. Die KI schaffte es allein.
Scout AI
Scout AI ist ein Startup aus Sunnyvale in Kalifornien, das beschlossen hat, dorthin zu gehen, wo OpenAI oder Anthropic keinen Fuß hinzusetzen wagen. Während die Technologieführer interne Kämpfe darüber austragen, ob sie überhaupt mit dem Pentagon zusammenarbeiten sollen, geht Scout AI seinen eigenen Weg: Das Unternehmen entwickelt ein KI-Basismodell speziell für die Verteidigung. CEO Colby Adcock sagt es unverblümt: "Wir müssen die nächste Generation der KI ins Militär bringen." Das Unternehmen hat bereits vier Verträge mit dem US-Verteidigungsministerium abgeschlossen und arbeitet beispielsweise auch mit Hendrick Motorsports am Projekt NOMAD zusammen.
Das Herzstück des gesamten Systems ist eine Plattform mit dem treffenden Namen Fury Orchestrator. Dabei handelt es sich nicht um klassische Software mit vorprogrammierten Befehlen nach dem Muster "wenn A, dann B". Fury funktioniert wie ein großes Sprachmodell (LLM), das mit einer sogenannten Vision-Language-Action-Architektur, kurz VLA, kombiniert ist.
Was bedeutet das in der Praxis? Der Kommandeur erteilt einen Befehl in natürlicher Sprache, so wie er mit einem Soldaten sprechen würde. Fury versteht den Befehl, zerlegt ihn in Teilaufgaben und koordiniert eine ganze Flotte von Drohnen verschiedener Hersteller und Plattformen. Bodenfahrzeuge, Drohnen sowie maritime und luftgestützte Systeme – all das kann von einem Ort aus gesteuert werden.
Bei der Demonstration im Februar sah das folgendermaßen aus: Ein großes Modell mit mehr als 100 Milliarden Parametern nahm den Befehl entgegen und begann wie ein Orchesterdirigent, kleineren Modellen mit etwa 10 Milliarden Parametern Anweisungen zu erteilen, die direkt auf den Drohnen und dem Bodenfahrzeug ausgeführt wurden. Diese steuerten anschließend die Bewegung, die Navigation und schließlich auch den Angriff. Die gesamte Abfolge dauerte nur wenige Minuten. Der Lastwagen wurde zerstört.
Ein bedeutender Durchbruch
Bisherige autonome Systeme funktionierten nach dem Prinzip fest programmierter Szenarien. Trafen sie auf eine Situation, die nicht im Code vorgesehen war? Dann hielten sie an oder versagten. Fury kann sich anpassen. Wenn eine Drohne das Ziel nicht sieht, kann sie zunächst eine Aufklärungsdrohne vorausschicken. Wenn sie auf ein Hindernis trifft, sucht sie nach einem Umweg. Sie verhält sich wie ein Soldat.
Darüber hinaus funktioniert Fury ohne Abhängigkeit von GPS oder einer Cloud-Verbindung, kommt mit einer einzigen Kamera aus und arbeitet in Echtzeit. Das sind Eigenschaften, die das Militär auf dem modernen Schlachtfeld dringend benötigt. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie kostengünstige kommerzielle Drohnen den Verlauf eines Konflikts verändern können. Scout AI greift diese Erkenntnis auf und hebt sie auf die nächste Stufe: Drohnen, die nicht nur fliegen, sondern selbstständig denken und sich untereinander koordinieren.
Und hier kommt der unangenehme Teil. Professor Michael Horowitz von der University of Pennsylvania warnt davor, dass große Sprachmodelle von Natur aus unvorhersehbar sind. Wenn ein KI-Agent bei der Online-Bestellung einer Pizza versagt, ist das lustig. Wenn er auf dem Schlachtfeld versagt, sind die Folgen tödlich.
Experten für Rüstungskontrolle schlagen Alarm. Die Grenze zwischen einer Waffe unter menschlicher Kontrolle und einem vollständig autonomen System verschwimmt schneller, als internationale Normen geschaffen werden können. Das Pentagon besteht offiziell darauf, dass der Mensch Teil der Entscheidungskette bleibt. Doch wie lange wird diese Regel Bestand haben, wenn die KI schneller entscheidet als das menschliche Gehirn?
Scout AI behauptet, Fury "halte den Menschen im Mittelpunkt". Doch bei der Demonstration im Februar drückte kein Mensch den Abzug. Es wurde lediglich ein mündlicher Befehl erteilt. Den Rest erledigte die KI allein.
Eine neue Ära der Kriegsführung, auf die die Welt nicht vorbereitet ist
Große Technologieunternehmen winden sich in ethischen Dilemmata. Mitarbeiter von Anthropic protestieren gegen die Zusammenarbeit mit dem Pentagon. OpenAI stößt intern auf Widerstand. Scout AI führt derweil seelenruhig Live-Sprengungen vor und sammelt Regierungsaufträge. Das ist die neue Realität: Kommerzielle KI-Technologie, dieselbe, die Chatbots und E-Mail-Assistenten antreibt, verwandelt sich in Waffen. Und das geschieht schneller, als den meisten von uns bewusst ist.
Darf eine Maschine selbst entscheiden, ein Ziel zu zerstören? Und wenn ja, wer trägt die Verantwortung, wenn sie sich irrt? Die Welt sucht noch nach Antworten auf diese Fragen. Scout AI ist jedoch überzeugt, dass die Zukunft des Krieges nicht warten wird.
Quellen: wired.com und newatlas.com



