Nvidia befindet sich in einer prekären Lage. Die US-Regierung erlaubte dem Unternehmen im Januar 2026 offiziell, seine H200-Chips nach China zu verkaufen, Jensen Huang lobbyierte persönlich in Washington und reiste sogar nach Peking, und trotzdem? Kein einziger Chip hat die Grenze überschritten. Buchstäblich null.
Zwischen zwei Großmächten festgefahren
Bei einer Anhörung des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten des Repräsentantenhauses am 24. Februar wurde direkt gefragt: Wie viele H200-Chips hat China bislang erhalten? David Peters, stellvertretender Handelsminister für Exportkontrollen, antwortete knapp: „Soweit ich weiß, bislang keine.“ Das Handelsministerium hat keine Verkaufslizenzen genehmigt. Keine einzige Lieferung wurde auf den Weg gebracht.
Das ist bemerkenswert, denn die Trump-Regierung hatte Nvidia bereits vor zwei Monaten grünes Licht gegeben. Das Weiße Haus argumentierte damals, dass der Verkauf von Chips nach China paradoxerweise chinesische Unternehmen wie Huawei schwächen werde, denn warum sollten sie versuchen, Nvidia einzuholen, wenn sie dessen Produkte einfach kaufen können? Die Logik ist interessant, doch die Realität sieht anders aus.
Die Verkäufe wurden von beiden Seiten gestoppt. Washington führte Sicherheitsüberprüfungen der Lieferungen ein, Peking hat die Einfuhr bislang nicht formell genehmigt. Nvidia räumte bei der Bilanzkonferenz am 26. Februar ein, zwar eine Lizenz für eine begrenzte Menge an H200-Chips erhalten zu haben, die Einnahmen aus China lägen jedoch weiterhin bei null. „Wir wissen nicht, ob die Einfuhr nach China überhaupt genehmigt wird“, sagte Finanzchefin Colette Kress den Investoren unverblümt. Und das ist ein Satz, der jedem Aktionär einen Schauer über den Rücken gejagt haben muss. China machte früher nämlich mindestens ein Fünftel der Einnahmen von Nvidia aus Rechenzentren aus. Das sind enorme Summen, die dem Unternehmen mit jedem Monat entgehen, in dem die Lieferungen nicht vom Fleck kommen.
Die Bedingungen, unter denen Trump den Verkauf genehmigte, sind zudem ungewöhnlich. Die Chips müssen auf US-amerikanischem Boden inspiziert werden, und die USA beanspruchen einen Anteil von 25 % an jedem Verkauf. Peking ignoriert solche Bedingungen bislang stillschweigend.
Chinesische Rivalen und Chip-Schmuggel
Während der legale Handel stillsteht, floriert der illegale. Peters räumte bei der Anhörung ein, dass Chips nach China geschmuggelt werden und die Bekämpfung dieses Schmuggels zu den höchsten Prioritäten bei der Durchsetzung der Exportkontrollen gehört. Noch brisanter: Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am selben Tag, dass das chinesische Start-up DeepSeek sein neuestes KI-Modell auf Nvidias H100 trainiert habe, also auf Chips, deren Export nach China verboten ist. Wie sind sie dorthin gelangt? Auf diese Frage hat Washington bislang keine zufriedenstellende Antwort.
Und hier kommt der für Nvidia wirklich unangenehme Teil. Während das Unternehmen auf eine diplomatische Lockerung wartet, arbeiten chinesische Technologieunternehmen auf Hochtouren. Huawei, Cambricon, MetaX und Moore Threads stärken ihre Positionen, gehen in Hongkong und auf dem chinesischen Festland an die Börse und ziehen Investitionen in Milliardenhöhe an.
Kress äußerte sich dazu wie folgt: „Unsere Wettbewerber in China, gestärkt durch die jüngsten Börsengänge, schreiten voran und haben das Potenzial, die Struktur der globalen KI-Industrie langfristig zu verändern.“ Auch Sam Altman von OpenAI sieht es nicht anders. Er bezeichnete chinesische Technologieunternehmen als „bemerkenswert“ und räumte ein, dass sie in einigen Bereichen nahe an der Weltspitze liegen.
Der Analyst Rory Green von TS Lombard fasste es noch schärfer zusammen: „Man kann sich leicht eine Welt vorstellen, in der der Großteil der Weltbevölkerung in fünf bis zehn Jahren auf einem chinesischen Technologie-Stack läuft.“ Starke Worte. Und Nvidia hört sie, während seine Chips im Lager liegen.
Folgen für Nvidia
Jensen Huang schätzt, dass der chinesische Markt für KI-Chips in den kommenden Jahren einen Wert von rund 50 Milliarden US-Dollar erreichen könnte. Das ist ein Markt, um den Nvidia kämpft, aus dem das Unternehmen bislang jedoch keinen einzigen Cent einnimmt. Für das erste Quartal 2026 hat das Unternehmen keinerlei Einnahmen aus China eingeplant, weil es schlicht nicht weiß, was passieren wird.
Nvidia ist in eine diplomatische Falle geraten. Das Unternehmen hat eine Lizenz, es hat Kunden, es hat ein Produkt. Ihm fehlt nur eines: die Gewissheit, dass die Lieferung überhaupt ihr Ziel erreicht. Und jede Woche, die ohne eine Einigung verstreicht, ist eine Woche, in der chinesische Unternehmen stärker werden und Nvidia auf einem Markt an Boden verliert, den es selbst mit aufgebaut hat.
Quellen: cnbc.com und bloomberg.com



