Anfang April unterzeichnete Broadcom Verträge mit Google und Anthropic. Chips, Gigawatt, Rechenzentren. Doch hinter diesem technischen Jargon verbirgt sich die Geschichte darüber, wie eines der am schnellsten wachsenden Technologieunternehmen der Welt versucht, sich seine Zukunft buchstäblich zu erkaufen.
Broadcom gab die Ausweitung seiner Zusammenarbeit mit gleich zwei Partnern bekannt. Mit Google unterzeichnete das Unternehmen einen langfristigen Vertrag über die Entwicklung und Lieferung eigener KI-Chips bis 2031. Konkret geht es um TPU-Chips (Tensor Processing Units), Netzwerkkomponenten und weitere Hardware für Rechenzentren der nächsten Generation.
Gleichzeitig schloss Broadcom eine Vereinbarung mit Anthropic, dem Entwickler des KI-Assistenten Claude. Über Broadcom und Google sicherte sich Anthropic damit Zugang zu rund 3,5 Gigawatt Rechenleistung, die auf von Google entwickelten TPU-Chips basiert. Die Kapazität soll ab 2027 verfügbar sein.
Die finanziellen Bedingungen der beiden Verträge wurden nicht veröffentlicht. Analysten schätzen jedoch, dass Broadcom allein durch die Vereinbarung mit Anthropic im Jahr 2026 rund 21 Milliarden Dollar und 2027 sogar bis zu 42 Milliarden Dollar verdienen könnte.
Warum ausgerechnet Google-Chips?
Anthropic ist in den vergangenen Monaten unter enormen Druck geraten. Unter Nachfragedruck. Die Run-Rate-Einnahmen des Unternehmens, also der auf Grundlage des aktuellen Monatstempos hochgerechnete Jahresumsatz, überschritten die Marke von 30 Milliarden Dollar. Ende 2025 waren es noch rund 9 Milliarden. Ein solcher Sprung innerhalb eines Vierteljahres? Das gelingt wahrlich nicht jedem.
Und neue Kunden kommen buchstäblich Tag und Nacht hinzu. Während Anthropic im Februar 2026 bei der Ankündigung einer Serie-G-Finanzierungsrunde in Höhe von 30 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 380 Milliarden Dollar mehr als 500 Unternehmenskunden meldete, die jährlich über eine Million Dollar ausgaben, liegt diese Zahl heute bei mehr als 1.000 Kunden. Eine Verdopplung in weniger als zwei Monaten.
Wie lässt sich das infrastrukturell überhaupt bewältigen? Ganz einfach: Man braucht Gigawatt.
Dabei setzt Anthropic nicht auf einen einzigen Anbieter. Claude läuft auf AWS-Trainium-Chips, Google-TPUs und auch auf Nvidia-GPUs. Diese Vielfalt ist bewusst gewählt, wie das Unternehmen selbst erklärt, denn unterschiedliche Arten von Aufgaben eignen sich für unterschiedliche Hardware. Amazon bleibt dennoch der wichtigste Cloud-Partner des Unternehmens und arbeitet mit ihm am Projekt Rainier zusammen.
Google will Nvidia Konkurrenz machen
Bei dieser ganzen Vereinbarung geht es nicht nur um Anthropic. Google entwickelt seine TPUs seit Langem als Alternative zu den teuren Grafikchips von Nvidia. Das Wall Street Journal berichtete bereits vor der Unterzeichnung der Verträge, dass Google aktiv nach Möglichkeiten sucht, den Markt für seine eigenen Chips zu erweitern. Die Vereinbarung mit Anthropic ist genau ein solcher Schritt.
Broadcom übernimmt in diesem Prozess die Rolle des Fertigungspartners. Google entwickelt die Chips, Broadcom unterstützt bei ihrer Herstellung und Lieferung. Broadcom-CEO Hock Tan verriet bei der Telefonkonferenz zu den Geschäftsergebnissen im März, dass das Unternehmen Anthropic im Jahr 2026 mit einem Gigawatt Leistung aus von Google entwickelten TPUs versorgt. Für 2027 erwartet er eine Nachfrage von mehr als 3 Gigawatt. Die neue Vereinbarung bestätigt und festigt diese Zahl.
Die Broadcom-Aktie reagierte unmittelbar nach der Ankündigung mit einem Anstieg von rund 3 % im nachbörslichen Handel.
Ein großer Teil der neuen Infrastruktur soll auf amerikanischem Boden entstehen. Anthropic selbst betont, dass dies eine Fortsetzung seiner im November 2025 angekündigten Zusage sei, 50 Milliarden Dollar in die amerikanische Recheninfrastruktur zu investieren. Die neue Vereinbarung mit Google und Broadcom ist nach Angaben des Unternehmens die größte Infrastrukturverpflichtung in seiner Geschichte. „Wir bauen die Kapazitäten auf, die notwendig sind, um das exponentielle Wachstum unseres Kundenstamms zu bewältigen, und ermöglichen Claude zugleich, die Grenzen der KI-Entwicklung neu zu definieren.“ Das sagte Krishna Rao, Finanzvorstand von Anthropic.
Eine Sache müssen wir dabei jedoch berücksichtigen: Die Verfügbarkeit der neuen Kapazität hängt vom weiteren geschäftlichen Erfolg von Anthropic ab. Broadcom erwähnte dies ausdrücklich in den bei der US-Börsenaufsicht eingereichten Unterlagen. Mit anderen Worten: Nicht alles ist bedingungslos garantiert. Bei einem solchen Wachstumstempo wäre es allerdings eher überraschend, wenn diese Dynamik zum Erliegen käme oder sich umkehrte.
Spannungen bei Anthropic und ein neues Modell
Während Anthropic milliardenschwere Vereinbarungen unterzeichnet, geht es hinter den Kulissen des Unternehmens nicht ohne Turbulenzen zu. Das Unternehmen befindet sich in einem Rechtsstreit mit der Trump-Regierung, nachdem das Pentagon es als Sicherheitsrisiko in der Lieferkette eingestuft hatte. Darüber hinaus veröffentlichte Anthropic im März versehentlich Tausende Quellcodedateien.
Und dann ist da noch Mythos. TechCrunch berichtete, dass Anthropic gerade eine begrenzte Vorschau auf sein neues Modell Mythos gestartet hat, das deutlich leistungsfähiger sein soll als die bisherigen Opus-Modelle. Vorerst konzentriert es sich ausschließlich auf Cybersicherheit im Rahmen der Initiative Project Glasswing, an der zwölf Partnerunternehmen beteiligt sind, darunter Amazon, Apple, Microsoft und Broadcom.
Die Zusage von 3,5 Gigawatt Leistung ist daher nicht nur als Antwort auf die heutige Nachfrage sinnvoll. Sie dient auch der Vorbereitung der Infrastruktur für Modelle, die erst noch kommen werden.
Weitere Quellen: cnbc.com und reuters.com



