Ein Arzt steht vor einem Bildschirm. Vor ihm sitzt ein Patient mit Lungenkrebs, dazu kommen eine Fülle von Untersuchungsdaten und Dutzende mögliche Behandlungsverfahren. Wie wählt man das richtige aus? Genau diese Frage versucht das europäische Projekt OPTIMA zu beantworten, das seit Oktober 2021 36 Partner aus 13 Ländern mit einem gemeinsamen Ziel vereint: künstliche Intelligenz so einzusetzen, dass jeder Krebspatient eine individuell auf ihn zugeschnittene Behandlung erhält.
Ziel des Projekts OPTIMA
Die Fortschritte in der Onkologie haben mehr Behandlungsmöglichkeiten hervorgebracht als je zuvor. Das bedeutet jedoch zugleich, dass Ärzte immer mehr Diagnosemethoden, Empfehlungen und Verfahren verarbeiten müssen. Und genau hier entsteht ein Problem. Nicht jeder Patient erhält die Behandlung, die für ihn am besten wäre – nicht etwa, weil der Arzt dazu nicht in der Lage wäre, sondern weil selbst der erfahrenste Facharzt in der Informationsflut nur schwer den Überblick behält.
OPTIMA, eine Abkürzung für „Optimale Behandlung von Patienten mit Krebserkrankungen in Europa mithilfe künstlicher Intelligenz“, will dieses Problem lösen. Das im Rahmen der Initiative Innovative Arzneimittel (IMI) und des daran anknüpfenden Programms Horizont 2020 finanzierte Projekt basiert auf der Idee, dass richtig konfigurierte künstliche Intelligenz dem Arzt im entscheidenden Moment unterstützend zur Seite stehen kann, anstatt ihn zu ersetzen.
Die Grundlage des gesamten Projekts bildet die Entwicklung der ersten europäischen interoperablen Plattform für onkologische Daten. Die Plattform wird reale Gesundheitsdaten von mehr als 200 Millionen Menschen erfassen, wobei das gesamte System so konzipiert ist, dass es die strengen Datenschutzbestimmungen der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) erfüllt.
In der Praxis bedeutet dies, dass an einem zentralen Ort Datensätze, Analysewerkzeuge, Algorithmen der künstlichen Intelligenz sowie Werkzeuge für das sogenannte föderierte Lernen verfügbar sein werden. Dabei handelt es sich um eine Methode, bei der Modelle anhand von Daten trainiert werden, ohne dass diese das Krankenhaus oder ihr Ursprungsland verlassen. Auf Grundlage der so verarbeiteten Daten werden anschließend Empfehlungen für klinische Verfahren erstellt, die direkt in die elektronischen Patientenakten integriert werden. Einfach ausgedrückt: Der Arzt öffnet die Patientenakte und das System bietet ihm eine Empfehlung an, die auf Daten aus ganz Europa basiert.
Drei Krebsarten
OPTIMA konzentriert sich auf die Diagnose von Prostata-, Brust- und Lungenkrebs. Diese zählen zu den am weitesten verbreiteten Krebserkrankungen in Europa, bei denen jede Verbesserung der Behandlungsverfahren einer enormen Zahl von Patienten zugutekommt.
Gemeinsam verantwortlich für das Projekt sind Professor James N'Dow von der Europäischen Gesellschaft für Urologie und der Universität Aberdeen sowie Dr. Hagen Krüger, medizinischer Direktor für Onkologie bei Pfizer Deutschland. Dem Konsortium gehören Krankenhäuser, Universitäten, Pharmaunternehmen und Patientenorganisationen an, darunter die Europäische Gesellschaft für Atemwegserkrankungen und die Europäische Lungenstiftung.
Auf der Jahrestagung des Konsortiums im Mai 2026 in Brüssel widmete das Projekt einen ganzen Themenblock der Frage, wie Patienten künstliche Intelligenz in der onkologischen Versorgung wahrnehmen. Eine Umfrage der Europäischen Lungenstiftung zeigte, dass Patienten KI grundsätzlich begrüßen, sich jedoch sicher sein wollen, dass bei Entscheidungen über ihre Behandlung stets auch ein echter Arzt beteiligt ist. „Patienten wünschen sich den Einsatz künstlicher Intelligenz, allerdings in Verbindung mit medizinischen Fachkräften. Entscheidungen über die Behandlung sollten in Zusammenarbeit zwischen einem Facharzt, beispielsweise einem Onkologen, und künstlicher Intelligenz getroffen werden“, sagte Ximena Montano, Mitglied des PPAB und Vertreterin der Organisation Europa Donna.
Vertrauen ist eine Voraussetzung
Die Diskussionen in Brüssel drehten sich um Themen, die nicht nur technischer Natur sind. Wer entscheidet: der Arzt oder der Algorithmus? Wie werden die Patientendaten geschützt? Verstehen die Patienten, was ihnen das System empfiehlt? Gerade Transparenz und Verständlichkeit erwiesen sich als Voraussetzungen, ohne die selbst das beste Werkzeug nicht das Vertrauen derjenigen gewinnen kann, für die es entwickelt wurde. Und ohne das Vertrauen von Patienten und Ärzten bleibt selbst die ausgefeilteste Plattform lediglich eine interessante technologische Übung.
OPTIMA läuft bis September 2026. An dem Projekt sind sechs große Pharmaunternehmen, mehr als zwanzig Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie mehrere Patientengruppen beteiligt. Das Gesamtbudget beläuft sich auf mehr als 22 Millionen Euro, wovon über 10 Millionen durch einen Beitrag der Europäischen Union gedeckt werden.
Quellen: europeanlung.org und ersnet.org



