Anthropic, das Unternehmen hinter dem Chatbot Claude, hat eine richtungsweisende Entscheidung bekannt gegeben: Sein KI-Assistent wird vollständig werbefrei bleiben. Während Werbung die Konkurrenz finanziert und es ermöglicht, Dienste wie E-Mail oder soziale Netzwerke kostenlos anzubieten, wäre laut Anthropic die Einbindung von Werbung in Unterhaltungen mit Claude unvereinbar mit dem, was Claude sein soll – ein wirklich hilfreicher Assistent für die Arbeit und tiefgehendes Denken.
Claude-Nutzer werden keine "gesponserten" Links neben ihren Unterhaltungen sehen, und Claudes Antworten werden weder von Werbetreibenden beeinflusst noch ungefragte Produktplatzierungen Dritter enthalten. Diese Entscheidung fällt in eine Zeit, in der KI-Chatbots immer beliebter werden und einige Unternehmen eine Monetarisierung durch Werbung in Betracht ziehen.
Risiken des Werbemodells
Wenn Menschen Suchmaschinen oder soziale Medien nutzen, erwarten sie eine Mischung aus organischen und gesponserten Inhalten. Unterhaltungen mit KI-Assistenten unterscheiden sich jedoch grundlegend davon. Das Format ist offen, und Nutzer teilen häufig Kontext und geben mehr preis, als sie es bei einer gewöhnlichen Suchanfrage tun würden.
Eine Analyse der Unterhaltungen mit Claude zeigte, dass ein erheblicher Anteil sensible oder zutiefst persönliche Themen umfasst – also jene Art von Gesprächen, die man möglicherweise mit einem vertrauenswürdigen Berater führen würde. Viele andere Anwendungsfälle betreffen komplexe Softwareentwicklung, konzentrierte Arbeit oder das Durchdenken schwieriger Probleme. Werbung würde in diesen Kontexten deplatziert wirken und wäre in vielen Fällen schlicht unangemessen.
Wirklich hilfreich zu sein, ist eines der Grundprinzipien von Claudes Verfassung – einem Dokument, das die Vision von Claudes Charakter beschreibt und bestimmt, wie das Modell trainiert wird. Ein werbefinanziertes Geschäftsmodell würde Anreize schaffen, die diesem Prinzip entgegenwirken könnten.
Anthropic nennt ein konkretes Beispiel: Ein Nutzer erwähnt, dass er Schlafprobleme hat. Ein Assistent ohne Werbeanreize würde verschiedene mögliche Ursachen untersuchen – Stress, Umgebung, Gewohnheiten und Ähnliches – und sich dabei daran orientieren, was für den Nutzer am hilfreichsten sein könnte. Ein werbefinanzierter Assistent müsste zusätzlich abwägen, ob die Unterhaltung eine Gelegenheit für eine Transaktion bietet.
Selbst Werbung, die die Antworten des KI-Modells nicht direkt beeinflusst und stattdessen separat im Chatfenster erscheint, würde das beeinträchtigen, was Claude sein soll: ein ungestörter Raum zum Denken und Arbeiten. Eine solche Werbung würde zudem einen Anreiz schaffen, das Engagement zu optimieren – also die Zeit, die Menschen mit Claude verbringen, und die Häufigkeit, mit der sie zurückkehren. Diese Kennzahlen stehen nicht zwangsläufig damit im Einklang, wirklich hilfreich zu sein.
Geschäftsmodell ohne Werbung
Anthropic konzentriert sich auf Unternehmen und Entwickler sowie darauf, seinen Nutzern zum Erfolg zu verhelfen. Das Geschäftsmodell des Unternehmens ist unkompliziert: Es erzielt Einnahmen durch Unternehmensverträge und kostenpflichtige Abonnements und investiert diese Einnahmen wieder in die Verbesserung von Claude für seine Nutzer.
Die Erweiterung des Zugangs zu Claude ist ein zentraler Bestandteil der gemeinnützigen Mission von Anthropic, und das Unternehmen möchte dies erreichen, ohne die Aufmerksamkeit oder Daten seiner Nutzer an Werbetreibende zu verkaufen. Zu diesem Zweck hat es Lehrkräften in mehr als 60 Ländern KI-Tools und Schulungen zur Verfügung gestellt, mit mehreren Regierungen nationale Pilotprojekte zur KI-Bildung gestartet und Claude gemeinnützigen Organisationen mit einem erheblichen Preisnachlass zugänglich gemacht.
Das Unternehmen investiert weiterhin in seine kleineren Modelle, damit sein kostenloses Angebot bei der Intelligenz führend bleibt, und könnte günstigere Abonnementstufen und regionale Preise in Betracht ziehen, wo eine eindeutige Nachfrage danach besteht.
Wie Menschen Claude nutzen
Eine Untersuchung von Anthropic lieferte interessante Erkenntnisse darüber, wie Menschen Claude zur emotionalen Unterstützung nutzen. Nur 2,9 % der Interaktionen mit Claude sind affektive Unterhaltungen – also Gespräche, die durch Emotionen oder psychologische Bedürfnisse motiviert sind, etwa die Suche nach zwischenmenschlichem Rat, Coaching, Psychotherapie, Gesellschaft oder romantischen Rollenspielen. Menschen wenden sich mit einem überraschend breiten Spektrum an Anliegen an Claude – von der Bewältigung beruflicher Veränderungen und Beziehungsfragen bis hin zum Umgang mit Einsamkeit und existenziellen Fragen. Die mit Claude besprochenen Themen reichen von Karriereentwicklung und Beziehungsfragen bis hin zur Bewältigung anhaltender Einsamkeit und der Auseinandersetzung mit Existenz, Bewusstsein und Sinn.
Die Untersuchung zeigte außerdem, dass Claude Anfragen von Nutzern in unterstützenden Kontexten nur selten ablehnt – in weniger als 10 % der Fälle. Wenn eine Ablehnung erfolgt, geschieht dies typischerweise aus Sicherheitsgründen, etwa wenn Claude sich weigert, gefährliche Ratschläge zum Abnehmen zu geben oder Selbstverletzung zu unterstützen. Eine zentrale Erkenntnis ist, dass Menschen im Verlauf eines Gesprächs mit der KI tendenziell zu etwas positiveren emotionalen Äußerungen übergehen. Beim Coaching, in der Beratung, bei Gesellschaft und zwischenmenschlichen Ratschlägen wird die menschliche Stimmung im Verlauf der Unterhaltungen üblicherweise positiver – was darauf hindeutet, dass Claude negative Muster weder verstärkt noch intensiviert.
Anthropic kann nicht behaupten, dass diese Veränderungen dauerhafte emotionale Vorteile darstellen – die Analyse erfasst lediglich die verwendete Sprache in einzelnen Unterhaltungen, nicht aber emotionale Zustände. Doch das Fehlen klarer negativer Abwärtsspiralen ist beruhigend.



