Mark Zuckerberg erklärte im vergangenen Juli, dass Metas neue KI-Modelle „im nächsten Jahr oder so die Grenzen des Möglichen verschieben werden“. Doch nun folgte die kalte Dusche: Meta verschiebt die Veröffentlichung seines mit größter Spannung erwarteten KI-Modells mit dem Codenamen Avocado mindestens bis Mai. Und das ist noch nicht alles.
Wie das Projekt Avocado entstand und was schiefging
Alles begann vor einem Jahr, als Meta sein bisheriges Modell Llama 4 nicht mehr genügte. Es erfüllte die Erwartungen nicht, und Zuckerberg beschloss, entschlossen zu handeln. Im Juni 2025 investierte Meta 14,3 Milliarden Dollar in das Startup Scale AI und holte dessen damals 29-jährigen Chef Alexandr Wang als neuen KI-Direktor ins Unternehmen. Wang stellte daraufhin innerhalb von Meta ein Elite-Forschungsteam namens TBD Lab zusammen (eine Abkürzung des englischen Ausdrucks „to be determined“, also „noch nicht festgelegt“), das mit der Arbeit an zwei neuen Modellen mit fruchtigen Codenamen begann: Avocado (Textmodell) und Mango (Bild- und Videogenerator).
Das rund 100 Mitarbeiter umfassende TBD Lab schloss Ende vergangenen Jahres die erste Entwicklungsphase von Avocado, das sogenannte „Vortraining“, ab. Im Januar 2026 ging das Team zur zweiten Phase, dem „Feintuning“, über und setzte sich Mitte März als Zieldatum für die Veröffentlichung. Doch interne Tests lieferten unangenehme Ergebnisse.
Das Modell Avocado liegt in den Bereichen logisches Denken, Programmierung und Texterstellung hinter der Konkurrenz zurück. Konkret erreichte es weder die Leistung von Googles Gemini 3.0 vom November 2025 noch die der Modelle von OpenAI und Anthropic. Zwar übertraf es Metas frühere Modelle und sogar das ältere Gemini 2.5 vom März, doch das reichte nicht aus. Die Ergebnisse lagen schlicht nicht dort, wo sie sein sollten.
Zuckerberg erwägt, sich bei der Konkurrenz zu bedienen
Die Führung von Metas KI-Sparte soll darüber diskutiert haben, ob sie vorübergehend Gemini von Google lizenzieren soll, damit Meta damit seine eigenen Produkte betreiben kann. Eine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen, doch allein der Gedanke ist zumindest symbolträchtig. Ein Unternehmen, das Hunderte Milliarden für seine eigene KI-Infrastruktur ausgegeben hat, könnte Technologie von einem direkten Konkurrenten nutzen.
Meta hat über das TBD Lab bislang nur ein einziges Produkt veröffentlicht: die App Vibes, einen KI-Videogenerator ähnlich wie OpenAIs Sora. Ansonsten ist die Erfolgsbilanz des neuen Teams leer.
Milliarden fließen, Ergebnisse bleiben aus
Zuckerberg hat wirklich viel auf KI gesetzt. Meta hat 600 Milliarden Dollar für den Bau von Rechenzentren zugesagt und kündigte im Januar an, in diesem Jahr bis zu 135 Milliarden Dollar ausgeben zu wollen, also fast doppelt so viel wie die 72 Milliarden des Vorjahres. Das Unternehmen entwickelt außerdem eigene Chips, um seine Abhängigkeit von Nvidia zu verringern. Dennoch liegen Google, OpenAI und Anthropic bei grundlegenden KI-Modellen weiterhin vorn. Und das ist für Zuckerberg eine unangenehme Realität, denn leistungsfähige Basismodelle sind das Rückgrat von allem anderen: von Chatbots, Videogeneratoren und Programmierwerkzeugen bis hin zu den Werbesystemen, mit denen Meta sein Geld verdient.
Experten sagen zwar, Meta könne den Rückstand aufholen, denn die Entwicklung von KI-Modellen brauche einfach Zeit. Doch der längere Zeithorizont fordert seinen Tribut. Zuckerberg selbst begann in den vergangenen Monaten, die Erwartungen zu dämpfen. „Ich erwarte, dass unsere ersten Modelle gut sein werden, aber wichtiger ist, dass sie zeigen, wie schnell wir vorankommen“, sagte er im Januar gegenüber Investoren.
Spannungen innerhalb von Meta: Wang gegen Cox und Bosworth
Hinter verschlossenen Türen brodelte es derweil. Alexandr Wang geriet mit Produktchef Chris Cox und Technikchef Andrew Bosworth aneinander. Im Zentrum der Meinungsverschiedenheiten stand die Frage, wie die neuen KI-Modelle Metas Werbegeschäft verbessern sollten. Werbung ist nach wie vor die wichtigste Einnahmequelle des Unternehmens, und der interne Druck, die KI kommerziellen Zielen dienen zu lassen, war offenbar groß.

Vergangene Woche teilte Meta seinen Mitarbeitern mit, dass unter Bosworth ein neues KI-Ingenieurteam entstehen werde, das mit Wang und seiner Abteilung zusammenarbeiten soll. Die Nachricht löste schnell Spekulationen aus, Zuckerberg und Wang stünden miteinander auf Kriegsfuß. Meta wies dies umgehend als „völligen Unsinn“ zurück, und Zuckerberg veröffentlichte auf Threads ein Selfie mit Wang und der Bildunterschrift „Währenddessen in der Meta-Zentrale“.
Wo auch immer die Wahrheit liegt, der Weggang mehrerer Forscher aus dem TBD Lab vor der Veröffentlichung von Avocado spricht Bände.
Was kommt nach Avocado? Watermelon
Meta denkt derweil bereits voraus. Das nächste Modell nach Avocado wird Watermelon heißen, also Wassermelone. Die Obstserie geht weiter. Ob es größer und saftiger als sein Vorgänger sein wird, bleibt abzuwarten. Metas Sprecher Dave Arnold kommentierte diplomatisch: „Unser nächstes Modell wird gut sein, aber wichtiger ist, dass es zeigt, wie schnell wir vorankommen. Danach werden wir im Laufe des Jahres mit der Veröffentlichung neuer Modelle die Grenzen schrittweise verschieben. Wir freuen uns darauf, dass die Menschen sehen, was wir gekocht haben.“
Gekocht. Avocado. Wassermelone. Mango. Bei Meta scheint man Sinn für Humor zu haben. Die Frage ist, ob es dem Unternehmen auch gelingt, Ergebnisse zu liefern, die den Ambitionen und den investierten Milliarden entsprechen.
Quellen: aol.com und businesstimes.com.sg



