Als die USA und Israel Anfang März eine massive Militäroperation gegen den Iran einleiteten, blickte die Welt ungläubig auf die daraus hervorgegangenen Zahlen. Fast 900 Angriffe in den ersten 12 Stunden. Mehr als 1.000 getroffene Ziele an nur einem Tag. Eine solche Geschwindigkeit und ein solches Ausmaß wären noch vor wenigen Jahren schlicht undenkbar gewesen. Was hat sich verändert? Die Antwort ist einfach: künstliche Intelligenz.
Claude zieht in den Krieg
Den Namen Claude kennen die meisten Menschen als Bezeichnung eines Chatbots des US-Unternehmens Anthropic. Doch dies ist nicht nur ein Werkzeug zum Verfassen von E-Mails oder zum Zusammenfassen von Dokumenten. Claude wurde im gesamten US-Verteidigungsministerium und in weiteren Sicherheitsbehörden eingesetzt, um die Planung militärischer Operationen zu beschleunigen.
Anthropic schloss bereits 2024 einen Vertrag mit dem Pentagon. Ziel war es, wie das Unternehmen damals mitteilte, „die nachrichtendienstliche Analyse drastisch zu verbessern und Entscheidungsprozesse zu unterstützen“. Claude wurde Teil eines Systems, das in Zusammenarbeit mit dem umstrittenen Technologieunternehmen Palantir entwickelt wurde, das die US-Armee seit Langem mit Analysewerkzeugen beliefert.
Das System verarbeitet gleichzeitig riesige Datenmengen. Drohnenaufnahmen, abgehörte Telekommunikation, nachrichtendienstliche Informationen aus menschlichen Quellen. Alles fließt zusammen, und die KI erstellt daraus eine Liste empfohlener Ziele, schlägt geeignete Waffen vor und berücksichtigt sowohl die Munitionsbestände als auch die Leistung bestimmter Waffensysteme bei ähnlichen Angriffen in der Vergangenheit. Und das vielleicht brisanteste Detail: Das System bewertet zudem automatisch die rechtliche Rechtfertigung jedes Angriffs.
Schneller als menschliches Denken
Craig Jones, Experte für sogenannte „Kill Chains“ an der Universität Newcastle, beschrieb es sehr treffend: „Die Maschine gibt Empfehlungen dazu ab, was getroffen werden soll, und das ist in mancher Hinsicht schneller als menschliches Denken. Man hat Geschwindigkeit und Umfang zugleich. Die Angriffe erfolgen parallel zur Zerstörung der Reaktionsfähigkeit des Regimes. In früheren Kriegen hätte dies Tage oder Wochen gedauert. Jetzt macht man alles gleichzeitig.“
Fachleute bezeichnen dieses Phänomen als „Decision Compression“, also als Komprimierung des Entscheidungsprozesses. Eine Planung, die früher Tage dauerte, schrumpft auf Minuten oder Sekunden zusammen. Das klingt nach einem Vorteil. Und aus rein militärischer Sicht ist es das vielleicht auch. Doch hier stellt sich die unangenehme Frage: Was geschieht mit der menschlichen Kontrolle über den Krieg, wenn die Maschine schneller denkt als der Mensch?
David Leslie, Professor für Ethik und Technologie an der Queen Mary University of London, warnt vor einem Phänomen, das er als „kognitive Verantwortungsübertragung“ bezeichnet. Menschen, die einen Angriff formal genehmigen sollen, könnten sich von dessen Folgen losgelöst fühlen, weil die gesamte intellektuelle Arbeit von der Maschine für sie erledigt wurde. Sie klicken einfach auf „Genehmigen“ und machen weiter. Doch am anderen Ende dieses Klicks stehen Menschenleben.
Die Frage der Schule im Süden des Iran
Am Samstag traf eine Rakete eine Schule im Süden des Iran. Dabei kamen 165 Menschen ums Leben, darunter viele Kinder. Das Gebäude befand sich in der Nähe einer Militärkaserne. Die UN bezeichneten den Angriff als „schwerwiegenden Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht“. Das US-Militär teilte mit, den Fall zu untersuchen.
Bislang hat niemand öffentlich erklärt, ob dieses Ziel von künstlicher Intelligenz empfohlen wurde. Doch genau hier liegt der Kern des gesamten Problems. Wenn KI Ziele vorschlägt und Menschen sie unter Zeitdruck genehmigen, wer trägt dann die Verantwortung für einen Fehler? Der Soldat, der geklickt hat? Der Programmierer, der den Algorithmus geschrieben hat? Das Unternehmen, das ihn an das Militär verkauft hat?
Anthropic raus, OpenAI rein
Die Geschichte hat noch eine weitere brisante Dimension. Nur wenige Tage vor Beginn der Iran-Operation verbreiteten sich Berichte, wonach die Trump-Regierung Anthropic aus den Regierungssystemen entfernen wolle. Der Grund? Das Unternehmen weigerte sich, die Nutzung von Claude für vollständig autonome Waffen oder zur Überwachung amerikanischer Bürger zu gestatten. Doch eine solche Entfernung braucht Zeit. Claude war noch aktiv, als die Raketen zu fallen begannen. Und in der Zwischenzeit? OpenAI unterzeichnete rasch einen eigenen Vertrag mit dem Pentagon über die militärische Nutzung seiner Modelle. Der Markt für militärische KI bleibt schlicht keine Minute lang leer.
Prerana Joshi vom britischen Verteidigungsinstitut RUSI fasste es so zusammen: „Der Einsatz von KI nimmt zu. Er erfolgt in den Verteidigungsbereichen der Länder, in der Logistik, der Ausbildung, dem Entscheidungsmanagement und der Wartung. KI ermöglicht es, Daten wesentlich schneller zusammenzuführen, und das ist für Entscheidungsprozesse nützlich.“
Nützlich. Ein Wort, das harmlos klingt. Doch dahinter verbirgt sich eine Welt, in der Maschinen vorschlagen, wer stirbt, und Menschen immer weniger Zeit haben, darüber nachzudenken.
Der Iran und seine KI
Der Iran rühmte sich 2025 damit, ebenfalls künstliche Intelligenz in seinen Raketensystemen einzusetzen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Internationale Sanktionen bremsen die technologische Entwicklung des Iran erheblich. Das iranische KI-Programm ist im Vergleich zu den amerikanischen oder chinesischen Kapazitäten unbedeutend. In diesem Konflikt prallten zwei Welten aufeinander: eine, die mit modernsten Algorithmen bewaffnet ist, und eine andere, die versucht, einen jahrzehntelangen Rückstand aufzuholen.
Was kommt als Nächstes?
Der Iran-Konflikt hat gezeigt, dass sich die Kriegsführung auf eine Weise verändert, die noch vor einem Jahrzehnt in Filmen zu Hause war. KI verkürzt die Zeit zwischen der Identifizierung eines Ziels und dem Handeln. Entscheidungen, die früher mehrere Ebenen der Befehlskette, Analysen und juristischen Gutachten durchliefen, werden heute in einem Tempo getroffen, mit dem das menschliche Gehirn nicht Schritt halten kann. Und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus der gesamten Situation. Es geht nicht nur darum, ob KI Fehler macht. Es geht darum, ob wir überhaupt noch Zeit haben, zu bemerken, dass sie einen Fehler gemacht hat, bevor es zu spät ist, ihn zu korrigieren.
Kriege haben schon immer neue Technologien hervorgebracht. Schießpulver, Flugzeuge, die Atombombe. Jedes Mal sagten wir uns, dass dies anders sei. Doch dieses Mal ist es wirklich anders. Denn zum ersten Mal in der Geschichte denkt eine Maschine schneller als der Befehlshaber, der sie eingesetzt hat.
Quellen: responsiblestatecraft.org und bloomberg.com



