Europäisches Projekt für sprachliche und technologische Souveränität
Europa begibt sich auf einen ambitionierten Weg hin zu technologischer Unabhängigkeit im Bereich der künstlichen Intelligenz. An der Spitze dieser Bemühungen steht die Karls-Universität, die die Rolle der Hauptkoordinatorin des prestigeträchtigen Projekts OpenEuroLLM übernommen hat. Dieses umfangreiche, von der Europäischen Union im Rahmen des Programms Horizon Europe finanzierte Projekt zielt darauf ab, offene, mehrsprachige und qualitativ hochwertige Sprachmodelle der nächsten Generation für europäische kommerzielle und öffentliche Dienste zu entwickeln. Das Projekt wurde offiziell am 1. Mai 2023 gestartet und wird 36 Monate dauern. Es verfügt über ein Budget von fast 46 Millionen Euro, womit es zu den bedeutendsten europäischen Projekten im Bereich der künstlichen Intelligenz zählt.
Professor Jan Hajič von der Mathematisch-Physikalischen Fakultät der Karls-Universität, der als Hauptkoordinator des Projekts tätig ist, erklärt in einem Interview für Seznam Zprávy das Wesen großer Sprachmodelle (LLM): "Es handelt sich um Programme, die auf Grundlage eines Eingabetextes weitere Wörter generieren und so nach und nach ganze Sätze oder sogar Bücher erstellen können. Sie berücksichtigen sprachliches und inhaltliches Wissen, speichern spezifische Daten in ihren internen Tabellen und trainieren anschließend weiter mit diesen Daten. Das Ergebnis ist meist überzeugend, aber nicht immer sachlich richtig." Diese Technologie, die in den vergangenen Jahren dank Modellen wie ChatGPT, Claude oder Gemini enorme Fortschritte gemacht hat, wird zu einer strategischen Technologie der Zukunft.
Drei Hauptpfeiler des OpenEuroLLM-Projekts
Das OpenEuroLLM-Projekt unterscheidet sich von kommerziellen amerikanischen oder chinesischen Modellen in drei wesentlichen Aspekten. Der erste ist die Betonung der Mehrsprachigkeit, wobei eine hochwertige Unterstützung aller europäischen Sprachen höchste Priorität hat. Das Projekt verpflichtet sich, alle 24 Amtssprachen der Europäischen Union sowie weitere europäische Sprachen abzudecken. Während globale kommerzielle Modelle wie ChatGPT ebenfalls mehrsprachig sind, stellt das europäische Projekt diese Eigenschaft an die erste Stelle, um sicherzustellen, dass auch kleinere Sprachgemeinschaften Zugang zu den neuesten Technologien erhalten. Der zweite Schlüsselaspekt ist die Offenheit – die Modelle werden als Open Source und mit vollständiger Transparenz entwickelt. Dies ermöglicht ihre breite Nutzung in ganz Europa sowie eine einfachere Kontrolle ihrer Übereinstimmung mit der europäischen Gesetzgebung, insbesondere mit dem kürzlich verabschiedeten AI Act. Wie die offiziellen Projektseiten angeben, werden alle erstellten Sprachmodelle unter einer offenen Lizenz verfügbar sein, wodurch ihre kostenlose Nutzung sowohl für Forschungs- als auch für kommerzielle Zwecke ermöglicht wird. Dadurch unterscheidet sich OpenEuroLLM grundlegend von geschlossenen kommerziellen Modellen, bei denen die Nutzer häufig keine genauen Einzelheiten über ihre Funktionsweise und ihr Training kennen. Der dritte Pfeiler ist die Demokratisierung des Zugangs zu fortschrittlichen KI-Technologien. "Wir wollen die digitale Ungleichheit zwischen den Sprachen minimieren", betont Professor Hajič und ergänzt, dass es Ziel sei, Spitzentechnologien nicht nur großen Konzernen, sondern auch kleineren Akteuren und dem öffentlichen Sektor zugänglich zu machen. Dies steht im Einklang mit den europäischen Werten der Inklusion und des gleichberechtigten Zugangs zu Technologien.
Technische Aspekte des Projekts und das Konsortium der Institutionen
Das OpenEuroLLM-Projekt wird von einem Konsortium aus 25 Partnern aus 15 europäischen Ländern umgesetzt. Neben der Karls-Universität sind bedeutende wissenschaftliche und Forschungseinrichtungen wie CNRS (Frankreich), Aalto University (Finnland), DFKI (Deutschland), KU Leuven (Belgien), University of Amsterdam (Niederlande) und das Barcelona Supercomputing Center (Spanien) an dem Projekt beteiligt. Diese Kombination aus akademischen Einrichtungen, Forschungszentren und Industriepartnern stellt sicher, dass das Projekt Zugang zu erstklassigem Know-how und entsprechender Infrastruktur hat. Aus technischer Sicht konzentriert sich OpenEuroLLM auf die Entwicklung mehrerer Arten von Sprachmodellen. Nach Informationen der offiziellen Projektseiten werden sowohl Basismodelle (Foundation Models) als auch spezialisierte Modelle für konkrete Anwendungen entwickelt. Die Modelle werden schrittweise in mehreren Versionen veröffentlicht, wobei jede neue Version Verbesserungen bei der Leistung und eine Erweiterung der Funktionalitäten bringen soll. Professor Hajič erklärt im Interview: "Unsere Daten sind weniger umfangreich als die der globalen Akteure wie OpenAI oder Google – dafür aber von sehr hoher Qualität." Dieser Ansatz spiegelt die europäische Philosophie wider, die Qualität vor Quantität und ethische Aspekte vor einer rücksichtslosen Maximierung der Leistung stellt. Für das Training der Modelle werden die Rechenkapazitäten europäischer Supercomputer genutzt. Der Zugang zu Supercomputern wie LUMI in Finnland und MareNostrum in Spanien ist bereits gesichert, wie die Website der Mathematisch-Physikalischen Fakultät der Karls-Universität angibt. Diese Recheninfrastruktur stellt die notwendigen Kapazitäten für das Training großer Sprachmodelle bereit, die eine enorme Rechenleistung erfordern.
Konkrete Auswirkungen und praktische Anwendungen
Die resultierenden Sprachmodelle sollen einer breiten Palette von Nutzern dienen – von kommerziellen Unternehmen über Industriebetriebe bis hin zu öffentlichen Diensten in ganz Europa. Die Projektwebsite betont, dass OpenEuroLLM nicht nur ein Forschungsprojekt ist, sondern sich auf die Entwicklung praktisch nutzbarer Werkzeuge konzentriert, die in realen Anwendungen eingesetzt werden können. Zu den möglichen Einsatzbereichen gehören die Automatisierung des Kundensupports, die Erstellung von Inhalten, die Übersetzung von Dokumenten, die Textanalyse und die Unterstützung von Entscheidungsprozessen. Aus den Informationen auf der Projektwebsite geht hervor, dass OpenEuroLLM mit weiteren europäischen Initiativen im Bereich der KI zusammenarbeitet, etwa mit European Language Grid und AI4EU. Dies soll die Kompatibilität und Synergie zwischen verschiedenen europäischen Projekten gewährleisten. Diese Zusammenarbeit ist wichtig für die Schaffung eines ganzheitlichen europäischen Ökosystems für künstliche Intelligenz, das auf globaler Ebene wettbewerbsfähig sein wird.
Zeitplan und erwartete Ergebnisse
Nach Informationen aus den offiziellen Projektquellen werden die ersten Versionen der Modelle bereits im Laufe des Jahres 2025 erwartet, während die endgültigen Modelle bis zum Ende des Projekts im April 2026 fertiggestellt sein sollen. Professor Hajič betont im Interview, dass das Ziel darin besteht, Modelle zu entwickeln, die nicht nur heute, sondern auch über einen Zeitraum von mehreren Jahren wettbewerbsfähig sein werden, was eine kontinuierliche Entwicklung und Verbesserung erfordert. Die Website der Mathematisch-Physikalischen Fakultät der Karls-Universität gibt an, dass das Projekt auch den Aufbau einer robusten technischen Infrastruktur für das Training, Testen und den Einsatz von Sprachmodellen umfasst. Diese Infrastruktur wird europäischen Forschern auch nach dem Ende des eigentlichen Projekts zur Verfügung stehen und dadurch die langfristige Nachhaltigkeit und Weiterentwicklung europäischer Sprachmodelle sicherstellen.
Europäische digitale Souveränität
Das OpenEuroLLM-Projekt stellt einen bedeutenden Schritt zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit im Bereich der künstlichen Intelligenz dar, die zunehmend zu einem wichtigeren Faktor für Wirtschaftswachstum und gesellschaftliche Entwicklung wird. Wie Professor Hajič in einem Interview für Seznam Zprávy zusammenfasst: "Transparente Open-Source-Modelle werden die Fähigkeit europäischer Unternehmen stärken, global zu konkurrieren, und effizientere öffentliche Dienste ermöglichen." Aus den Informationen auf der Projektwebsite geht hervor, dass OpenEuroLLM nicht nur ein technisches Projekt ist, sondern auch eine bedeutende politische und strategische Dimension besitzt. Europa ist sich bewusst, dass es ohne eigene technologische Kapazitäten im Bereich der künstlichen Intelligenz zunehmend von in den USA oder China entwickelten Technologien abhängig sein wird. Dies kann sich nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf die Sicherheit, die kulturelle Identität und die Fähigkeit auswirken, europäische Werte im digitalen Raum durchzusetzen. Die Karls-Universität und der tschechische Wissenschaftler Jan Hajič befinden sich somit im Zentrum der Bemühungen um die technologische Unabhängigkeit Europas im Zeitalter der digitalen Transformation. Wie die Website der Mathematisch-Physikalischen Fakultät der Karls-Universität angibt, ist die Teilnahme am OpenEuroLLM-Projekt eine Anerkennung der langjährigen Exzellenz der tschechischen Forschung im Bereich der Computerlinguistik und künstlichen Intelligenz. Zugleich bietet sie tschechischen Forschern die Möglichkeit, an der Gestaltung von Technologien mitzuwirken, die das Leben von Millionen Europäern in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen werden.



