Sam Altmans ursprünglicher Plan war vollkommen klar: noch in diesem Jahr an die Börse zu gehen, und zwar trotz der Bedenken von Finanzchefin Sarah Friar. Nun sieht es jedoch so aus, als würde der Börsengang auf das Jahr 2027 verschoben. Was hat sich geändert?
Die Finanzchefin drosselt das Tempo
Die Schlüsselfigur der gesamten Geschichte ist Finanzchefin Sarah Friar. Laut einer Reportage des Wall Street Journal schlug sie ihren Kollegen vor, den Börsengang zu verschieben (IPO), und zwar bis 2027. Als Grund führte sie an, dass das Unternehmen bislang die strengen Finanzstandards nicht erfüllt, die von börsennotierten Unternehmen verlangt werden. Zugleich äußerte sie Bedenken, dass die Einnahmen möglicherweise nicht schnell genug steigen, um die umfangreichen Verpflichtungen im Bereich der Recheninfrastruktur zu decken.
Friar relativierte zudem Altmans öffentliche Aussage, wonach sich die Gesamtverpflichtungen von OpenAI im Bereich der Rechenkapazitäten auf bis zu 1,4 Billionen US-Dollar belaufen sollten. Den Investoren teilte sie mit, dass der tatsächlich geplante Betrag bis 2030 bei 600 Milliarden US-Dollar liege. Auch diese geplante Investition ist Friar zufolge ein Grund dafür, warum das Unternehmen noch nicht für einen Börsengang bereit ist.
Zahlen, die nicht aufgingen
Das Problem liegt jedoch nicht nur in der organisatorischen Vorbereitung. Laut einer Marktforschungsagentur verfehlte OpenAI auch das Ziel, eine Milliarde wöchentlich aktive Nutzer von ChatGPT zu erreichen, und blieb hinter einigen monatlichen Umsatzzielen zurück. Obwohl sich der Jahresumsatz des Unternehmens auf rund 25 Milliarden US-Dollar beläuft, betrug der Gesamtverlust für das Jahr 2025 44 Milliarden US-Dollar.
Analysten des Unternehmens PitchBook stellen in ihrem Bericht vom Mai 2026 mit dem Titel „OpenAI: Der Börsengang, der nicht länger warten kann“ fest, dass das Ziel, im vierten Quartal 2026 an die Börse zu gehen, von Anfang an zu ehrgeizig war. Ihrer nüchterneren Einschätzung zufolge ist eher von Mitte oder Ende 2027 auszugehen, sofern das Unternehmen stabile Ergebnisse vorweisen kann.
Altman gibt nicht auf
CEO Sam Altman hält dennoch an seinem Vorhaben fest, so bald wie möglich an die Börse zu gehen. Einer der Beweggründe ist zweifellos auch der Wettbewerb.
Es ist kein Geheimnis, dass der KI-Sektor stark im Fokus steht und dass derjenige, der als Erster an die Börse geht, zum Gewinner wird. Er erhält dadurch Zugang zu den größten Investoren und prägt nach und nach die gesamte Branche.
Im Fall von OpenAI ist das Unternehmen Anthropic, das von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründet wurde, der größte Konkurrent. Die Popularität dieses Unternehmens wächst kontinuierlich, und es könnte sogar schon im Oktober dieses Jahres an die Börse gehen. Dadurch könnte es eine Bewertung von über 900 Milliarden US-Dollar erreichen und OpenAI mit seiner derzeitigen Bewertung von 852 Milliarden US-Dollar übertreffen.
Darüber hinaus kommen auch äußere Einflüsse ins Spiel. Einer davon ist die Tatsache, dass Altmans persönliche Investitionen wegen eines möglichen Interessenkonflikts Gegenstand einer Untersuchung des Kongresses geworden sind. Ein weiterer beunruhigender Faktor ist der Verkauf von Aktien durch mehr als 600 Mitarbeiter von OpenAI im Oktober vergangenen Jahres für insgesamt 6,6 Milliarden US-Dollar. Für Insider könnte dies nämlich ein Signal dafür sein, dass gerade die Mitarbeiter, die das Unternehmen am besten kennen, mit dem Verkauf nicht warten wollen.
Wie geht es weiter?
Unabhängig davon, ob OpenAI 2026 oder 2027 an die Börse geht, wird dies die Spielregeln grundlegend verändern. OpenAI ist zweifellos einer der stärksten Akteure auf dem KI-Markt, wird jedoch erstmals regelmäßig Finanzergebnisse veröffentlichen und sich direkten Vergleichen mit der Konkurrenz stellen müssen.
Das Missverhältnis zwischen den milliardenschweren Ausgaben für Infrastruktur und den tatsächlichen Einnahmen wird für jeden Investor sichtbar sein. Genau deshalb ist das Timing so wichtig und deshalb ist CFO Sarah Friar der Ansicht, dass das Unternehmen für ein solches Maß an Transparenz noch nicht bereit ist.
Quelle: Trading Key, International Business Times, BigGo Finance, Gizmodo



