Vor ein paar Jahren beschäftigte uns die Frage, ob künstliche Intelligenz eine E-Mail schreiben oder ein Bild von einem Kätzchen erzeugen kann. Vor Kurzem kamen Agenten, autonome Werkzeuge und die automatische Ausführung von Code hinzu. Und jetzt? Jetzt erleben wir Situationen, in denen die beiden größten KI-Unternehmen der Welt öffentlich einräumen, dass ihre eigenen Modelle so leistungsfähig sind, dass sie sich davor fürchten, sie freizugeben.
Zuerst Anthropic
Beginnen wir mit Anthropic. Ihr Modell Claude Mythos Preview tauchte erstmals nicht dank einer Pressemitteilung „öffentlich“ auf, sondern weil jemand interne Daten in einer offenen Datenbank zugänglich gelassen hatte. Wie peinlich. Doch sobald die Menschen sahen, was das Modell kann, geriet die peinliche Datenpanne schlagartig in den Hintergrund.
Mythos konnte in Tests Tausende kritische Sicherheitslücken finden – in großen Betriebssystemen, Browsern und kritischer Infrastruktur. Ein konkretes Beispiel: Im quelloffenen Betriebssystem OpenBSD entdeckte es einen Fehler, der dort bereits seit 27 Jahren existierte. Niemand hatte ihn bemerkt. Das Modell fand ihn über Nacht.
Und das ist noch nicht einmal das Erschreckendste. Das Forschungsteam von Anthropic berichtet, dass selbst interne Ingenieure ohne formale Ausbildung im Bereich Cybersicherheit dem Modell abends eine Aufgabe stellen und morgens funktionsfähige Möglichkeiten zur Ausnutzung von Systemen vorfinden konnten. Also ausführbaren Code für einen Angriff auf ein System. Die Grenze zwischen dem Auffinden eines Fehlers und seiner Nutzung als Waffe verschwimmt damit praktisch vollständig.
Anthropic reagierte darauf mit dem Programm Project Glasswing, einem kontrollierten Zugang ausschließlich für überprüfte Organisationen. Dazu gehören Amazon Web Services, Apple, Google, Microsoft, Nvidia und rund 40 weitere Unternehmen.
OpenAI: Moment mal, wir auch
Kurz nach der Ankündigung von Project Glasswing meldete sich OpenAI zu Wort. Das Portal Axios berichtete, dass auch OpenAI derzeit ein Cybersicherheitsprodukt mit fortschrittlichen Fähigkeiten fertigstellt, das nur ausgewählten Partnern zugänglich gemacht werden soll. Versucht OpenAI lediglich, im Gespräch zu bleiben, oder hat das Unternehmen tatsächlich ein solches Programm in der Hinterhand? Wahrscheinlich beides.
OpenAI hat dabei nicht bei null angefangen. Bereits im Februar 2026, bei der Veröffentlichung des Modells GPT-5.3-Codex (bislang ihr leistungsfähigstes Werkzeug im Bereich Cybersicherheit), startete das Unternehmen das Programm Trusted Access for Cyber. Es basiert auf dem Prinzip des verifizierten Zugangs: Unternehmen und Sicherheitsexperten müssen nachweisen, wer sie sind, was sie tun und warum sie Zugang zu Werkzeugen benötigen, die in den falschen Händen erheblichen Schaden anrichten könnten.
Eine wichtige Klarstellung: Das neue Cybersicherheitsprodukt, von dem die Rede ist, ist nicht das geplante Flaggschiffmodell mit dem Codenamen Spud. Es handelt sich um ein eigenständiges Sicherheitswerkzeug. OpenAI schränkt also nicht die Veröffentlichung seines nächsten großen Modells ein, sondern bündelt die sensibelsten Fähigkeiten in einem separaten Produkt mit kontrolliertem Zugang.
Niemand will derjenige sein, der Hackern Waffen gegeben hat
Warum treten beide Unternehmen nun plötzlich auf die Bremse? „Man kann Modelle nicht davon abhalten, in altem Code nach Fehlern zu suchen. Diese Fähigkeit existiert.“ Das sagte der Experte Rob T. Lee vom SANS Institute gegenüber Axios. Eine weitere Expertin fügt hinzu, es sei nur eine Frage von Wochen oder Monaten, bis auch andere frei verfügbare Modelle über ähnliche Fähigkeiten verfügen werden. Anders gesagt: Niemand kann den genialen Flaschengeist zurück in die Flasche stecken. Also versucht man zumindest, ihn in die Hände der richtigen Menschen zu geben, bevor die falschen ihn finden.
Der Sicherheitsexperte Adam Meyers von CrowdStrike bezeichnete die Fähigkeiten von Mythos als „Weckruf für die gesamte Branche“. Und er hat recht. Wasserwerke, Kraftwerke, Krankenhäuser, Banken, Cloud-Plattformen. All das basiert auf Software voller Code, der vor Jahrzehnten geschrieben wurde. Und nun gibt es ein Modell, das in diesem Code schneller nach Schwachstellen sucht als ganze Teams menschlicher Spezialisten zusammen.
In der Welt der Cybersicherheit gibt es eine jahrzehntealte Debatte über die verantwortungsvolle Offenlegung von Sicherheitslücken: Wenn man eine Sicherheitslücke findet, gibt man dem Hersteller Zeit, sie zu beheben, und informiert erst danach die Öffentlichkeit. Oder veröffentlicht man sie sofort? Nun wird dieselbe Logik auf die Veröffentlichung von KI-Modellen übertragen. Wer erhält zuerst Zugang? Unter welchen Bedingungen? Wie schnell? Wie lässt sich Missbrauch verhindern?
Weitere Quelle: gizmodo.com



