Im vergangenen September startete OpenAI Sora 2. Die App, die aus einer einfachen Textbeschreibung ein realistisches Video generieren konnte, schoss sofort auf Platz eins im Apple Store. Die Menschen erstellten absurde Clips, etwa Prinzessin Diana beim Parkour oder Hunde am Steuer eines Autos. Der Hype war riesig. Und nun, ein halbes Jahr später, wurde die Einstellung des Betriebs von Sora angekündigt.
OpenAI verabschiedete sich von seiner Video-App mit den Worten: „An alle, die mit Sora kreativ waren: Danke." Schöne Worte, doch dahinter steckt knallhartes Geschäft.
Zahlen, die für sich sprechen
Ein Blick auf die Daten genügt. Im November 2025 erreichte Sora mit 3,3 Millionen Downloads weltweit seinen Höhepunkt. Bis Februar dieses Jahres waren es nur noch 1,1 Millionen, also ein Rückgang um zwei Drittel in nur drei Monaten. Und die Einnahmen? Während ihrer gesamten Existenz erwirtschaftete Sora in der App rund 1,4 Millionen Dollar. Im selben Zeitraum nahm ChatGPT mehr als 1,9 Milliarden ein. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der sich nur als schwarzes Loch für Ressourcen mit minimalen Gewinnaussichten bezeichnen lässt.
Dabei waren die Betriebskosten von Sora enorm. Die Videogenerierung verschlingt Rechenleistung auf einem völlig anderen Niveau als Textantworten. OpenAI zahlte schlichtweg für jeden generierten Clip, ohne dass die Nutzer diese Beträge beispielsweise durch Abonnements wieder einbrachten.
Rechtliche Probleme mit den Inhalten
Sora war jedoch nicht nur ein finanzielles Desaster. Die App wurde auch zu einem Albtraum für die Moderation. Kurz nach dem Start häuften sich auf der Plattform gewalttätige Videos, rassistische Inhalte, Deepfakes von Prominenten und Urheberrechtsverletzungen.
OpenAI wehrte sich. Das Unternehmen verschärfte die Nutzungsbedingungen, schränkte die Generierung von Inhalten mit bekannten Gesichtern ein und bearbeitete Beschwerden von Rechteinhabern. Einen Tag vor der Ankündigung der Schließung veröffentlichte es sogar den Blogbeitrag „Sicheres kreatives Arbeiten mit Sora" darüber, wie die App sicher verbessert wird. Einen Tag später wurde sie geschlossen. Für diejenigen, die den Blogbeitrag geschrieben hatten, muss das eine unangenehme Lektüre gewesen sein.
Einer der aufsehenerregendsten Momente der Sora-Ära war der Dezember 2025. OpenAI und Disney unterzeichneten einen Dreijahresvertrag über eine Milliarde Dollar, der es Sora-Nutzern ermöglichte, Videos mit mehr als 200 lizenzierten Disney-Figuren zu erstellen, darunter Figuren von Marvel, Pixar und Star Wars. Hollywood und das Silicon Valley reichten sich die Hand. Die Medien schrieben von einem Durchbruch.
Das hielt drei Monate. Die Medien berichteten anschließend, dass zwischen Disney und OpenAI tatsächlich noch kein Geld geflossen war, als das Geschäft abgesagt wurde. Ein Disney-Sprecher reagierte diplomatisch: „Wir respektieren die Entscheidung von OpenAI, sich aus dem Bereich der Videogenerierung zurückzuziehen." Man sei jedoch überrascht gewesen. Kaum verwunderlich.
OpenAI schlägt eine neue Richtung ein
Wie geht es also weiter? Seit seiner Gründung arbeitete OpenAI nach einem Modell, das an einen Startup-Inkubator erinnerte. CEO Sam Altman setzte gleichzeitig auf zahlreiche verschiedene Projekte: den Webbrowser Atlas, Hardwaregeräte, Roboter, Sora und Codex. Nun ist die Zeit gekommen, den Fokus zu schärfen. Das Unternehmen bereitet sich auf den Börsengang vor. Finanzchefin Sarah Friar sagte ausdrücklich, OpenAI müsse „darauf vorbereitet sein, ein börsennotiertes Unternehmen zu werden." Und das bedeutet, Investoren eine klare Geschichte zu präsentieren, kein fragmentiertes Produktportfolio.
Das Ergebnis ist der Plan für eine sogenannte Super-App. ChatGPT, der Programmieragent Codex und der Browser Atlas sollen in einer einzigen Benutzeroberfläche zusammengeführt werden. Codex erlebt zudem ein hervorragendes Jahr, mit mehr als einer Milliarde Dollar an annualisierten Einnahmen seit Januar 2026, und wird zum natürlichen Mittelpunkt der auf Unternehmenskunden ausgerichteten Strategie.
Die Rechenressourcen, die Sora verschlungen hat, sollen nun in die Robotikforschung fließen. OpenAI will die Technologie, mit der die KI lernte, realistische Videos zu erstellen, für das Training physischer Roboter einsetzen. Das klingt nach einem großen Kurswechsel. Doch bei diesem Unternehmen haben wir uns daran gewöhnt, dass Überraschungen schnell kommen.
Denn wer hätte im September 2025 gedacht, dass die Nummer-eins-App im App Store ein halbes Jahr später Geschichte sein würde?
Quellen: theguardian.com und wired.com



