London hat gerade einen großen Sieg im globalen Wettlauf um künstliche Intelligenz errungen. OpenAI, der Entwickler von ChatGPT, hat angekündigt, seine Londoner Niederlassung zum größten Forschungszentrum außerhalb der Vereinigten Staaten auszubauen.
Großbritannien soll zur KI-Supermacht werden
Im Januar 2025 trat der britische Premierminister Keir Starmer am University College London mit einer ehrgeizigen Erklärung auf. Großbritannien werde zu einer der größten KI-Supermächte der Welt. Starmer stellte einen konkreten Plan vor: öffentliche Daten über die sogenannte National Data Library für Forscher zugänglich zu machen, die Genehmigung für den Bau von Rechenzentren zu beschleunigen und alle 50 Empfehlungen aus dem Aktionsplan AI Opportunities Action Plan umzusetzen.
Die britische Regierung schätzt, dass KI die Produktivität jährlich um 1,5 % steigern könnte, was etwa 47 Milliarden Pfund zusätzlich pro Jahr über ein Jahrzehnt hinweg entspricht. Großbritannien lag damals bei KI-Investitionen und -Patenten weltweit an dritter Stelle, direkt hinter den USA und China. Starmer wollte die Messlatte noch höher legen. Und nun scheint seine Wette aufzugehen.
Warum gerade London?
Mark Chen, Forschungschef von OpenAI, erklärte es ganz einfach: Großbritannien vereint Talente von Weltrang, führende wissenschaftliche Einrichtungen und Universitäten. Darüber hinaus verfügt London über eine starke Kultur der interdisziplinären Zusammenarbeit, die in der KI-Forschung eine enorme Rolle spielt.
London ist die Heimat von Google DeepMind, einem der renommiertesten KI-Labore der Welt, das vom britischen Wissenschaftler Demis Hassabis geleitet wird. DeepMind unterhält langjährige Partnerschaften mit Oxford und Cambridge. OpenAI betritt nun dasselbe Spielfeld und konkurriert direkt um dieselben Talente in der Branche.
Auf der jüngsten Karrieremesse in Oxford war der Saal voller Studierender, die nach technischen Stellen suchten. Jonathan Black, Leiter des Karrieredienstes der Universität Oxford, sagte dazu: "Nachfrage und Angebot wachsen auf beiden Seiten, und das sogar innerhalb eines einzigen Jahres. Etwas Derartiges hier zu haben, ist ein sehr positives Signal."
OpenAI ist seit 2023 in London tätig, als das Unternehmen dort sein erstes internationales Büro eröffnete. Damals arbeiteten dort mehr als 30 Menschen. Nun plant das Unternehmen eine deutliche Expansion, und das Londoner Team wird künftig zentrale Teile der Modellentwicklung "verantworten", die sich auf Sicherheit, Zuverlässigkeit und Leistungsbewertung konzentrieren. Es wird auch an Produkten wie Codex oder GPT-5.2 arbeiten.
Astronomische Gehälter
Sie möchten wissen, was die besten Forscher anzieht? Geld. Sehr viel Geld. Ein durchschnittlicher OpenAI-Mitarbeiter erhält jährlich aktienbasierte Vergütungen im Wert von etwa 1,5 Millionen Dollar. Mark Chen räumte offen ein, dass das Unternehmen im Vergleich zu Konkurrenten wie Google und DeepMind "sehr wettbewerbsfähige" Gehälter anbieten werde. "KI-Talente sind sehr wertvoll, und wir müssen überall wettbewerbsfähig sein", sagte er.
Zum Vergleich: Ein KI-Forscher auf mittlerer Karrierestufe bei Google DeepMind kann in London ein Grundgehalt von bis zu 115.000 Pfund verdienen, bei einem Gesamtvergütungspaket von mehr als 330.000 Pfund einschließlich Aktien und Boni. OpenAI will in derselben Liga oder sogar noch höher spielen. Und das Unternehmen ist nicht allein. Hinter den Kulissen tobt ein globaler Krieg um kluge Köpfe. Mark Zuckerberg soll ausgewählten Forschern bis zu eine Milliarde Dollar geboten haben, damit sie zu Meta AI wechseln. Google plante, 2025 mehr als 85 Milliarden Dollar für KI-Infrastruktur auszugeben. Amazon stellte mehr als 100 Milliarden bereit.
Schneeballeffekt: Was London mehr als nur Arbeitsplätze bringen wird
Tom Wilson, Partner beim Risikokapitalfonds Seedcamp, sieht in der Entscheidung von OpenAI mehr als nur Personalgewinnung. "Wir haben viele Beispiele dafür gesehen, dass Forscher, die ein großes Unternehmen zu Beginn ihrer Karriere einstellt, später ihre eigenen Labore gründen", sagt er. "Die Sekundäreffekte können enorm sein." Mit anderen Worten: Jeder Forscher, den OpenAI nach London holt, könnte eines Tages sein eigenes Start-up gründen, weitere Investitionen anziehen und die gesamte britische KI-Szene stärken. London könnte so zu einem Ort werden, an dem die nächste Generation von KI-Unternehmen entsteht.
Die britische Ministerin für Wissenschaft und Technologie, Liz Kendall, bezeichnete den gesamten Schritt als "enormen Vertrauensbeweis für Großbritanniens weltweit führende Stellung an der Spitze der KI-Forschung." Londons Bürgermeister Sadiq Khan fügte hinzu, dass London als globales Zentrum für KI-Forschung und -Investitionen fungiere.
Die Frage ist, ob die anderen europäischen Städte dies mit Bewunderung oder mit ein wenig Neid beobachten. Denn genau um diese Art von Investition kämpft jede Metropole, die in der KI-Zukunft ein Wörtchen mitreden will.



