Noch vor einem Jahr lag Anthropic bei der Nutzung durch Unternehmen unter 8 %. OpenAI war der klare Marktführer und ChatGPT ein Synonym für KI-Assistenten. Dann kam Claude Code auf den Markt und stellte innerhalb von zwölf Monaten die gesamte Rangfolge auf den Kopf. Im April 2026 zahlten erstmals mehr US-Unternehmen für Anthropic als für OpenAI. Wie kam es dazu und warum könnte dieser Erfolg nicht von Dauer sein?
Die Analyseplattform Ramp verfolgt anhand von Kreditkartenabrechnungen und Rechnungen die Unternehmensausgaben von mehr als 50.000 US-amerikanischen Unternehmen. Die im Mai veröffentlichten Daten überraschten selbst die Analysten. Anthropic erreichte im April bei Unternehmen einen Nutzungsanteil von 34,4 % und überholte damit OpenAI, dessen Anteil auf 32,3 % sank. Die Gesamtnutzung von KI-Tools überschritt dabei erstmals 50,6 %, d. h., die Hälfte der US-Unternehmen bezahlt für irgendein KI-Produkt.
Anthropic vervierfachte seinen Anteil innerhalb nur eines Jahres. OpenAI wuchs im selben Zeitraum lediglich um 0,3 % und verzeichnet seit seinem Höchststand von rund 36,5 % Mitte 2025 nun einen langsamen Rückgang. Ara Kharazian, Chefökonom bei Ramp, blieb dennoch vorsichtig: „Noch nie haben wir im Softwarebereich ein derart dynamisches Umfeld erlebt, in dem Neueinsteiger die Marktführer innerhalb weniger Monate verdrängen können."
Dahinter steckt ein einziges Tool
Die Antwort auf die Frage, wie Anthropic aus dem Nichts an die Spitze gelangte, ist überraschend einfach: Claude Code. Dieses Tool zum automatisierten Schreiben von Code wurde zum am schnellsten wachsenden Produkt in der Geschichte von Anthropic. Verfügbaren Schätzungen zufolge stammten 4 % aller öffentlichen Commits im April auf GitHub aus Claude Code, doppelt so viele wie im Vormonat.
Daten von Ramp vom März 2026 zeigten, dass Anthropic rund 70 % der direkten Duelle mit OpenAI gewann, wenn Unternehmen erstmals KI-Dienste einkauften.
Jeder Erfolg hat jedoch auch seine Schattenseite. Der Technikchef von Uber räumte ein, dass das Unternehmen sein gesamtes KI-Budget für 2026 innerhalb von nur vier Monaten ausgegeben hatte, vor allem wegen Claude Code, wobei einzelne Ingenieure monatliche API-Kosten zwischen 500 und 2.000 Dollar pro Person meldeten. Anthropic verdient mehr, wenn Unternehmen mehr Token verbrauchen. Das Unternehmen hat daher einen direkten Anreiz, Kunden zu teureren Modellen zu drängen, selbst wenn günstigere Varianten ihre Anforderungen ebenso gut erfüllen würden.
Probleme und überlastete Kapazitäten
Neben den Kosten traten weitere Komplikationen auf. Nutzer meldeten zunehmend häufige Ausfälle, Beschränkungen der Zugriffsgeschwindigkeit und eine Verschlechterung der Ergebnisqualität. Anthropic reagierte darauf im April mit einer erneuten Begrenzung für alle Nutzer und schloss mit SpaceX eine Vereinbarung über den Zugang zu mehr als 300 Megawatt neuer Rechenkapazität in Memphis.
CEO Dario Amodei räumte auf einer Entwicklerkonferenz ein, dass das Unternehmen im ersten Quartal 2026 ein achtzigfaches Umsatzwachstum verzeichnet hatte, obwohl es lediglich mit einer Verzehnfachung gerechnet hatte. Mit anderen Worten: Anthropic wurde zum Opfer seines eigenen Erfolgs. Und dann folgte ein weiterer Schlag. Der Analyst Rafael Hajjar stellte fest, dass das jüngste Modell-Update die Token-Kosten für alle Anfragen mit Bildern verdreifacht hat, was die Kostenprobleme eher verschärft als löst.
Während Anthropic mit Ausfällen kämpft, hat OpenAI noch ein starkes Ass im Ärmel. Codex macht praktisch dasselbe wie Claude Code und ist günstiger. Die Kosten für einen Wechsel zwischen beiden Tools sind dabei minimal. Uber testet Codex bereits als Alternative. OpenAI erreichte zudem im März 2026 900 Millionen wöchentlich aktive Nutzer von ChatGPT. Und die Finanzierungsrunde im März mit einem Volumen von 122 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von mehr als 850 Milliarden verschafft OpenAI enormen Spielraum für Preiskämpfe und Entwicklung.
Auch das Angebot günstiger Alternativen wächst schnell. Zu den im April am schnellsten wachsenden Anbietern auf der Ramp-Plattform gehörten KI-Inferenzplattformen, die den Zugang zu günstigen Open-Source-Modellen vermitteln. Für viele Routineaufgaben ist ein leistungsstarkes und teures Modell schlicht nicht erforderlich.
Warum zahlen Unternehmen mehr für Anthropic, obwohl ihnen günstigere Möglichkeiten zur Verfügung stehen?
Kharazian stellte in der Märzausgabe des Index eine direkte Frage: Warum zahlen Unternehmen einen Premiumpreis für Anthropic, wenn es auch günstigere Alternativen gibt?
Ein Teil der Antwort ist technischer Natur. Claude Code funktioniert schlicht am besten. Der Ökonom deutete jedoch an, dass noch etwas anderes dahinterstecken könnte. Anfang 2026 lehnte Anthropic die Bedingungen des Pentagon für die Nutzung von Claude ab, woraufhin OpenAI seine Dienste umgehend als Ersatz anbot. Nach diesem Vorfall unterstützte ein Teil der Nutzer Anthropic aktiv, und Claude überholte ChatGPT vorübergehend in der Rangliste des Apple Store.
Kharazian verglich dies mit einer Situation, in der die Wahl eines KI-Tools nicht mehr nur eine geschäftliche Entscheidung ist und ein wenig zum Kult wird, ähnlich wie die grüne gegenüber der blauen Sprechblase in iMessage. In einem Umfeld, in dem sich die Produkte hinsichtlich ihrer Leistung kaum Konkurrenz machen und ein Wechsel wenig kostet, entscheiden auch andere Dinge als Preistabellen. Dieselben Kräfte, die Anthropic innerhalb von zwölf Monaten von 8 % auf 34 % gebracht haben, können ebenso leicht auch in die entgegengesetzte Richtung wirken.
Quellen: venturebeat.com und businessinsider.com



