Tyler Cadwell fährt in seinem Ford Bronco durch die Canyons von Arizona. Auf dem Beifahrersitz steht ein Mac Mini. Angeschlossen an eine tragbare Batterie, verbunden mit einer Starlink-Antenne und einem am Armaturenbrett befestigten Touchscreen. Cadwell spricht während der Fahrt mit ihm. Die Maschine schreibt Code, erstellt Marketingtexte, beantwortet Kunden-E-Mails und verwaltet den Bestand auf Etsy. Sie heißt Etchie.
Cadwell betreibt das kleine Unternehmen Everything Etched, das gravierte Gläser auf Etsy und Shopify verkauft. Und Etchie ist, wie er selbst sagt, sein „erster KI-Mitarbeiter“. Bloomberg brachte seine Geschichte auf die Titelseite der Businessweek-Beilage. Er landete dort, weil Cadwell nicht allein ist. Es gibt Tausende wie ihn.
Etchie basiert auf einem Framework namens OpenClaw. Dabei handelt es sich um ein kostenloses Open-Source-Tool, mit dem sich KI-Agenten direkt auf dem eigenen Computer betreiben lassen, ohne für Cloud-Dienste bezahlen zu müssen. Seit seiner Veröffentlichung hat es über 247.000 Sterne auf GitHub gesammelt, und das Interesse daran wächst weiter. OpenClaw funktioniert sowohl mit Modellen von Anthropic als auch mit denen von OpenAI. Nutzer können im Hintergrund zwischen den Anbietern wechseln, ohne den gesamten Agenten neu aufsetzen zu müssen. Das ist einer der Gründe, warum dieses Tool zu einer Art Standard für persönliche KI-Agenten geworden ist.
Und warum ausgerechnet der Mac Mini? Apple hat seine sogenannte Unified-Memory-Architektur so aufgebaut, dass RAM und GPU einen Chip gemeinsam nutzen. Dadurch lassen sich große Sprachmodelle lokal deutlich günstiger ausführen als auf einem vergleichbaren Windows- oder Linux-Rechner. Der Mac Mini mit 64 GB ist die günstigste Möglichkeit, OpenClaw flüssig zu betreiben. Ein Mac Studio mit 128 oder 256 GB ist teurer, für den intensiven Einsatz aber weiterhin eine vernünftige Wahl. Beide Varianten sind derzeit ausverkauft.
Apple hat Modelle aus dem Shop genommen, und die Lieferzeiten betragen bis zu vier Monate
Apple hat Anfang April aufgehört, Bestellungen für den Mac Mini mit 32 GB und 64 GB anzunehmen. Das gleiche Schicksal ereilte den Mac Studio mit 128 GB und 256 GB. Für die noch vorrätigen Geräte beträgt die Lieferzeit in den USA 16 bis 18 Wochen. Noch vor wenigen Monaten hatte Apple damit zu kämpfen, Besitzer von iMacs überhaupt zum Kauf des Basismodells für 599 Dollar zu bewegen. Jetzt wartet man monatelang darauf.
Der Mac-Umsatz erreichte im Quartal 8,4 Milliarden Dollar, 6 % mehr als vor einem Jahr. Doch diese Zahl wird durch das Angebot begrenzt, nicht durch die Nachfrage. Tim Cook räumte bei der Telefonkonferenz zu den Quartalsergebnissen ein, dass das Unternehmen „weniger Flexibilität in der Lieferkette als üblich“ habe und dass die Speicherpreise „deutlich steigen“.
Hinter den Lieferengpässen steckt nicht nur das Interesse an KI-Agenten. Die Chiphersteller kommen mit der Lieferung von DRAM-Speicher schlicht nicht hinterher, weil Betreiber von Rechenzentren ihn in riesigen Mengen aufkaufen. Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur entzieht dem gesamten Markt Kapazitäten. Die Folgen spüren auch andere. Sony hat die PlayStation 5 verteuert. Nintendo hat den Preis der Switch 2 um 50 Dollar erhöht. Derselbe Druck auf die Speicherpreise schlägt sich sowohl in Apples Preisen als auch in steigenden Cloud-Rechnungen nieder. Apple nahm deshalb im Vormonat die Mac-Studio-Variante mit 512 GB aus dem Angebot und verteuerte das Upgrade auf 256 GB um 25 %.
Auch die Preise auf den Gebrauchtmärkten steigen rasch. Auf eBay liegen sie für den Mac Studio mit 96 GB und 192 GB 15 bis 20 % höher als im Februar.
Kleinunternehmen vs. Unternehmenssoftware für Millionen
Cadwell zahlt für Etchies API-Zugänge monatlich Beträge in der Größenordnung von einigen Hundert Dollar. Kein Enterprise-Vertrag mit Anthropic und auch kein OpenAI-Pro-Abo. Ein gewöhnlicher API-Zugang zu Endkundentarifen, der über OpenClaw geleitet wird. Was Etchie leistet, wäre 2023 als CRM-Modul von Salesforce oder HubSpot verkauft worden. Unternehmen, mit denen Cadwell konkurriert, zahlen über SaaS-Verträge ein Vielfaches für vergleichbare Funktionen. Die Arbitragemöglichkeit ist real. Bloomberg erwähnt mehrere Tausend Kleinunternehmer, die auf dieselbe Weise arbeiten.
Für Apple ist die Situation paradoxerweise vorteilhaft. Das Unternehmen stand zwei Jahre lang in der Kritik, weil es die generative KI verschlafen hatte. Apple Intelligence kam spät, der Umbau von Siri zog sich hin, und die eigenen Sprachmodelle lagen gegenüber Anthropic, OpenAI und Google ein Jahr oder noch länger zurück. Und dennoch verfügt Apple nun zufällig über die Hardware, nach der die größte Nachfrage besteht.
Mark Gurman berichtet, dass Apple M5-Chips für neue Mac-Mini- und Mac-Studio-Modelle vorbereitet, deren Veröffentlichung etwa im Juni geplant ist. Die Spitzenkonfigurationen werden wahrscheinlich wieder in den Verkauf kommen, allerdings zu höheren Preisen.
Quelle: thenextweb.com



