KI versteht menschliche Emotionen überraschend gut, zeigt eine neue Studie
Eine im renommierten Fachjournal Nature Human Behaviour veröffentlichte neue Studie hat eine bemerkenswerte Erkenntnis zutage gefördert: Große Sprachmodelle (LLMs) wie ChatGPT-4 und andere künstliche Intelligenzen können Tests zur emotionalen Intelligenz besser lösen als der Durchschnittsmensch.
Ergebnisse übertrafen die Erwartungen
Das Forschungsteam testete sechs verschiedene KI-Modelle: ChatGPT-4, ChatGPT-o1, Gemini 1.5 Flash, Copilot 365, Claude 3.5 Haiku und DeepSeek V3. Diese Systeme erzielten bei fünf standardisierten Tests zur emotionalen Intelligenz eine durchschnittliche Erfolgsquote von 81 %, während Menschen in den ursprünglichen Validierungsstudien lediglich 56 % erreichten. Am erfolgreichsten waren die Modelle ChatGPT-o1 und DeepSeek V3, die den menschlichen Durchschnitt um mehr als zwei Standardabweichungen übertrafen. Alle getesteten KI-Systeme schnitten in sämtlichen fünf Tests zum Verständnis und zur Regulierung von Emotionen deutlich besser ab als Menschen.
Tests mit Fokus auf praktische Situationen
Die Forschenden verwendeten fünf verschiedene Tests, die unterschiedliche Aspekte emotionaler Intelligenz messen. Beim situativen Test zum Verständnis von Emotionen (STEU) wurden beispielsweise Szenarien vorgelegt, und die Teilnehmenden sollten auswählen, welche Emotion eine Person in der jeweiligen Situation wahrscheinlich empfindet. Ein Beispiel: „Ein Vorgesetzter, mit dem die Zusammenarbeit unangenehm ist, verlässt Alfonsos Arbeitsplatz. Alfonso empfindet höchstwahrscheinlich: a) Freude, b) Hoffnung, c) Bedauern, d) Erleichterung, e) Traurigkeit.“ Die richtige Antwort lautet Erleichterung. Weitere Tests konzentrierten sich auf die Emotionsregulation – also darauf, wie man mit den eigenen Emotionen umgeht oder anderen im Arbeitsumfeld beim Umgang mit ihren emotionalen Zuständen hilft.
ChatGPT-4 konnte neue Tests erstellen
Im zweiten Teil der Untersuchung baten die Forschenden ChatGPT-4, neue Versionen aller fünf Tests zu erstellen. Die daraus entstandenen Tests wurden anschließend mit 467 Teilnehmenden aus Großbritannien und den USA durchgeführt. Die Ergebnisse zeigten, dass die von ChatGPT erstellten Tests einen ähnlichen Schwierigkeitsgrad wie die Originalversionen aufwiesen. Die Teilnehmenden bewerteten die neuen Aufgaben als klar und realistisch, auch wenn sie sich in einigen Aspekten geringfügig von den ursprünglichen Tests unterschieden. Die Korrelation zwischen den ursprünglichen und den von der KI erstellten Tests erreichte einen Wert von r = 0,46, was auf einen starken Zusammenhang hindeutet.
Bedeutung für die Zukunft der KI
Die von einem Team der Universität Genf und weiterer Institutionen geleitete Studie deutet darauf hin, dass heutige KI-Systeme über ein überraschend differenziertes Verständnis menschlicher Emotionen und ihrer Dynamik verfügen. Dies hat bedeutende Auswirkungen auf die Entwicklung von Chatbots, virtuellen Assistenten und anderen Anwendungen, bei denen emotionale Intelligenz wichtig ist. Die Forschenden betonen, dass die Fähigkeit von KI-Systemen, Antworten zu erzeugen, die mit präzisen Erkenntnissen über menschliche Emotionen übereinstimmen, eine Voraussetzung für ihren erfolgreichen Einsatz im Gesundheitswesen, im Bildungsbereich, im Kundenservice und in anderen Bereichen ist, die ein sensibles Vorgehen erfordern.
Fragen für die Zukunft
Obwohl die Ergebnisse vielversprechend sind, weisen die Forschenden auf die anhaltende Debatte darüber hin, ob KI Emotionen tatsächlich „versteht“ oder Verständnis lediglich anhand von Mustern in den Trainingsdaten simuliert. Entscheidend bleibt, ob diese Fähigkeiten in realen sozialen Interaktionen zu positiven Ergebnissen führen werden. Die Studie zeigte zudem eine hohe Übereinstimmung zwischen verschiedenen KI-Modellen – die Korrelation ihrer Antworten erreichte einen Wert von 0,88. Interessanterweise lösten KI-Systeme tendenziell dieselben Aufgaben richtig wie Menschen – Aufgaben, die für Menschen schwieriger waren, waren auch für künstliche Intelligenz schwieriger.
Diese Erkenntnisse eröffnen neue Möglichkeiten für den Einsatz von KI in der Psychologie und anderen auf menschliches Verhalten ausgerichteten Fachgebieten, werfen zugleich jedoch wichtige Fragen über das Wesen emotionaler Intelligenz und ihre Messung auf.



