Was passiert, wenn teure Computertechnik im Wert von Millionen Dollar Hunderte Kilometer über der Erde kosmischer Strahlung und starken Temperaturschwankungen ausgesetzt wird? Und wer bezahlt das alles, wenn etwas schiefgeht? Genau mit diesen Fragen beschäftigen sich Raumfahrtunternehmen derzeit gemeinsam mit Versicherern. Unternehmen, die von Rechenzentren im Orbit träumen, haben begonnen, mit Versicherern über eine entsprechende Deckung zu sprechen. Dies ist das erste greifbare Zeichen dafür, dass aus einer kühnen Idee langsam Realität wird. Hinter dem Vorhaben stehen Schwergewichte wie Elon Musks SpaceX und Jeff Bezos' Blue Origin.
Warum sollte man Computer überhaupt in den Orbit bringen? Satellitengestützte Rechenzentren sollen das umgehen, was die Computertechnik auf der Erde am stärksten ausbremst: den Energiemangel. Das Thema erregte Aufmerksamkeit, nachdem Musk solche Anlagen als Zukunft der Entwicklung künstlicher Intelligenz bezeichnet hatte. Er sprach darüber kurz vor dem rekordverdächtigen Börsengang von SpaceX. Und gerade Versicherungen spielen im gesamten Plan eine weitaus wichtigere Rolle, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Ohne eine Absicherung der teuren Ausrüstung und der damit verbundenen Risiken dürften die Unternehmen nämlich kaum die Fremdfinanzierung erhalten, die sie benötigen, um ihre Vorhaben vom Reißbrett in die Praxis umzusetzen.
Blue Origin ist bei Weitem nicht allein. Auch eine Reihe von Start-ups hat ihr Interesse an Rechenzentren im Weltraum bekundet, darunter Orbital, Starcloud, Lonestar Data Holdings und Cowboy Space.
Reuters sprach mit vier Maklern und Underwritern sowie mit drei Raumfahrtunternehmen. Sie alle bestätigten, dass bereits Gespräche über die Versicherung orbitaler Rechenzentren geführt werden, wenn auch bislang nur in einem sehr frühen Stadium. Das Maklerunternehmen Marsh erklärte, dass sich gleich mehrere Firmen an das Unternehmen gewandt hätten, um herauszufinden, was eine solche künftige Deckung überhaupt umfassen würde. Namen nannte es jedoch nicht. "Schon jetzt sehen wir, dass sich sowohl auf Rechenzentren als auch auf digitale Infrastruktur spezialisierte Unternehmen an uns wenden und Unterstützung von Versicherern suchen", sagte Patton Kline, der bei Marsh das US-Geschäft für Luft- und Raumfahrt leitet. Lonestar wiederum veranstaltete kürzlich in den Büros von Marsh ein Briefing für den Londoner Versicherungsmarkt Lloyd's of London. Rund fünfundzwanzig Versicherer nahmen daran teil.
Völliges Neuland für Versicherer
Weltraumrisiken zu versichern, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Versicherer decken heute routinemäßig fehlgeschlagene Starts, Satellitenausfälle, Kollisionen mit Weltraumschrott und das sogenannte Weltraumwetter ab. Der gesamte Markt für Weltraumversicherungen nimmt Branchenvertretern zufolge jährlich rund eine halbe Milliarde Dollar an Prämien ein. Doch Satelliten sind eine Sache, künstliche Intelligenz im Orbit eine völlig andere. Während Versicherer über jahrzehntelange umfangreiche Erfahrungen mit Satelliten verfügen, wissen sie über Rechenzentren im Weltraum praktisch nichts.
"Der Markt beschäftigt sich derzeit nicht mit der Frage, welcher Preis festgelegt werden soll, sondern damit, ob sich dieses Risiko überhaupt modellieren lässt", erklärte Kasey Roh, die beim Unternehmen Upstage AI das US-Geschäft leitet. Das Unternehmen entwickelt KI-gestützte Werkzeuge speziell für Versicherer. Ein Teil des Problems besteht darin, wie Chips für künstliche Intelligenz überhaupt bewertet werden sollen. Sie entwickeln sich nämlich in atemberaubendem Tempo weiter und könnten zudem mit den rauen Bedingungen im Weltraum nicht gut zurechtkommen, warnte Orbital-Chef Euwyn Poon.
David Wade, Weltraum-Underwriter beim Unternehmen Atrium, geht davon aus, dass ein echter Versicherungsmarkt noch auf sich warten lassen wird. Risikokapitalfinanzierte Start-ups müssten seiner Ansicht nach zunächst deutlich wachsen. "Solange wir nicht über diese frühe Finanzierungsrunde hinaus sind und sehen, dass einige dieser Unternehmen wachsen und beginnen, Kredite aufzunehmen, wird ihr Versicherungsbedarf sehr begrenzt bleiben", fügte Wade hinzu.
Quellen: reuters.com, aol.com und insurancejournal.com



