Menschen mit neurodivergenten Merkmalen wie ADHS, Autismus oder Legasthenie finden in Werkzeugen der künstlichen Intelligenz (KI) eine echte Unterstützung, die ihnen im Arbeitsumfeld hilft. Laut einer aktuellen Studie des britischen Ministeriums für Handel und Wirtschaft sind neurodivergente Beschäftigte mit KI-Assistenten um 25 % zufriedener als Menschen ohne diese Merkmale. Diese Personen empfehlen solche Werkzeuge auch häufiger ihren Kollegen. KI schafft so ausgewogenere Bedingungen, wo sie sich früher an eine für andere konzipierte Welt anpassen mussten.
Tara DeZao, Senior Director für Produktmarketing beim Low-Code-Plattformanbieter Pega, erhielt ihre ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter. Sie hat den kombinierten ADHS-Typ, der sowohl Aufmerksamkeitsprobleme wie Schwierigkeiten mit dem Zeitmanagement und den exekutiven Funktionen als auch hyperaktive Symptome wie Bewegungsdrang umfasst. Sie sagt, sie habe sich im Geschäftsleben „mit purer Willenskraft“ durchgeschlagen, doch KI-Werkzeuge würden ihr nun erheblich helfen. Während Besprechungen, in denen sie aufsteht und umhergeht, kann sie sich beispielsweise keine Notizen machen. KI kann jedoch ein Transkript der gesamten Besprechung erstellen und die wichtigsten Themen herausarbeiten.
Vorteile von KI für die tägliche Arbeit
KI-Werkzeuge decken bei der Arbeit ein breites Spektrum an Aufgaben ab, von der Erstellung von Notizen über die Planung von Besprechungen bis hin zur Unterstützung der internen Kommunikation. Generative KI zeichnet sich gerade in Bereichen wie Kommunikation, Zeitmanagement und exekutiven Funktionen aus. Das ist ideal für neurodivergente Menschen, die sich früher an eine Arbeitskultur anpassen mussten, die ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigte. Neurodivergente Personen bringen Stärken wie Hyperfokus, Kreativität, Empathie oder Fachwissen in die Arbeit ein. Einigen Studien zufolge erzielen Unternehmen, die Inklusion in diesem Bereich fördern, fast ein Fünftel höhere Einnahmen.
Tara DeZao beschreibt ihre ADHS-Diagnose als einen Moment, in dem „jemand in einem dunklen Raum das Licht eingeschaltet hat“. In der heutigen hypervernetzten Welt ist Multitasking eine große Herausforderung, doch für sie ist es mit ihrem ADHS-Typ nahezu unmöglich. KI ermöglicht es ihr, Anweisungen einzugeben und das Werkzeug selbstständig arbeiten zu lassen, während sie sich auf ihre Aufgabe konzentriert. Wenn eine neue Anfrage über Slack oder Teams eingeht, unterbricht das ihren Gedankenfluss. Jetzt kann sie eine solche Anfrage schnell an die KI weitergeben, die sie bearbeitet, während sie mit ihrer Arbeit fortfährt. Das bedeutet für sie eine enorme Erleichterung.
Risiken bei der Einführung von KI
Kristi Boyd, KI-Spezialistin aus dem Bereich Datenethik bei SAS, erklärt, dass Investitionen in ethische Schutzmechanismen für neurodivergente Beschäftigte nicht nur richtig, sondern auch klug seien. Laut einer SAS-Studie erzielen Unternehmen, die am meisten in die Steuerung von KI und in Schutzmaßnahmen investieren, eine 1,6-mal höhere Rendite ihrer KI-Investitionen. Boyd weist auf drei Hauptrisiken hin: widersprüchliche Bedürfnisse, unbewusste Vorurteile und unangemessene Offenlegung.
Verschiedene neurodivergente Merkmale können widersprüchliche Anforderungen mit sich bringen. Menschen mit Legasthenie können beispielsweise Dokumentenlesegeräte nutzen, während Personen mit bipolarer Störung oder anderen psychischen Erkrankungen eine KI-Unterstützung bei der Planung schätzen, um produktive Phasen optimal zu nutzen. Organisationen sollten diese Konflikte anerkennen und abgestufte Anpassungsmöglichkeiten oder Wahlmöglichkeiten anbieten, die Gleichberechtigung und Inklusion gewährleisten.
Was unbewusste Vorurteile in der KI betrifft, können Algorithmen unbeabsichtigt darauf trainiert werden, Neurodivergenz mit Gefahr, Krankheit oder Negativität in Verbindung zu bringen, wie eine Studie der Duke University gezeigt hat. Noch heute sind neurodivergente Menschen am Arbeitsplatz Diskriminierung ausgesetzt. Daher ist es wichtig, dass Unternehmen sichere Möglichkeiten zur Nutzung von KI bieten, ohne dass Beschäftigte ihre Diagnose öffentlich machen müssen.
Die Zukunft der KI für Inklusion
Unternehmen sollten unterschiedliche Stimmen in alle Phasen der KI-Einführung einbeziehen, regelmäßige Audits durchführen und die anonyme Meldung von Problemen ermöglichen, sagt Kristi Boyd. Die Arbeit an einem gerechteren Einsatz von KI, einschließlich der Unterstützung neurodivergenter Menschen, steht erst am Anfang. Die gemeinnützige Organisation Humane Intelligence, die sich auf KI zum gesellschaftlichen Nutzen konzentriert, startete im Oktober die Bias Bounty Challenge. Dabei identifizieren die Teilnehmenden Vorurteile mit dem Ziel, inklusivere Kommunikationsplattformen zu schaffen, insbesondere für Nutzer mit kognitiven Unterschieden, sensorischer Empfindlichkeit oder alternativen Kommunikationsstilen.
Emotionale KI, die menschliche Emotionen erkennt, hilft Menschen mit Schwierigkeiten bei der Emotionserkennung, ihre Gesprächspartner in Videokonferenzen wie Zoom besser zu verstehen. Diese Technologie erfordert jedoch besondere Aufmerksamkeit im Hinblick auf Vorurteile, damit die KI unterschiedliche Kommunikationsmuster korrekt und fair erkennt, anstatt schädliche Annahmen zu verfestigen.
Quelle: cnbc.com



