Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 beginnt am 11. Juni, und von Anfang an ist eines klar: Dies wird das größte Fußballturnier der Geschichte. Achtundvierzig Mannschaften, einhundertvier Spiele, sechzehn Austragungsorte in den USA, Kanada und Mexiko. Schätzungsweise sechseinhalb Millionen Fans werden die Spiele persönlich in den Stadien verfolgen. Und noch bevor der Ball überhaupt den Rasen berührt, hat sich die künstliche Intelligenz mit gewagten Prognosen ins Spiel gebracht. Menschen und Algorithmen sind sich uneinig.
Bank of America befragte die KI
Die Bank of America stellte 65 Analysten ihrer Abteilung Global Research die Frage: Wer wird gewinnen? Rund 40 % von ihnen tippten auf Frankreich. Mbappé als bester Torschütze des Turniers, der Spanier Lamine Yamal als Spieler des Turniers, im Finale Frankreich gegen Spanien. So lauten die menschlichen Prognosen. Anschließend stellte die Bank dem Microsoft-Tool Copilot dieselbe Frage.
Die Antwort fiel anders aus. Die künstliche Intelligenz räumte Spanien dieselben Chancen auf den Triumph ein wie Frankreich. Die KI wählte zwei Mannschaften mit praktisch identischer Wahrscheinlichkeit aus. Copilot war damit nicht allein. ChatGPT, Google Gemini und die meisten anderen Sprachmodelle entscheiden sich in ihren Antworten für Frankreich. Sieben von acht getesteten Tools kürten in einem umfangreichen Experiment Les Bleus zum Weltmeister. Doch mathematische Modelle, die nicht mit Texten, sondern mit Statistiken aus Tausenden von Spielen arbeiten, kommen zu einem anderen Ergebnis.
Was die rechnenden Modelle sagen
Frank Andrade entwickelte für das Magazin Artificial Corner mithilfe von Claude ein eigenes Modell, ohne eine einzige Zeile Code zu schreiben. Er gab Anweisungen in natürlicher Sprache ein, Claude lud die Daten herunter und erstellte Diagramme.
Die Grundlage bilden rund 49 000 Länderspiele von 1872 bis heute. Je neuer ein Spiel, desto höher wurde es gewichtet. Ein Ergebnis vom vergangenen November ist schlicht aussagekräftiger als ein Unentschieden aus dem Jahr 2008. Anschließend erhält jede Mannschaft eine Punktzahl auf Grundlage des Elo-Systems, das Schachspieler kennen: Gewinnt man, steigt die Zahl; verliert man gegen einen schwächeren Gegner, fällt man zurück. Aus rund 50 000 Simulationen ging Spanien mit einer Titelchance von 28 % hervor, knapp dahinter folgte Argentinien mit 21 %. Frankreich landete mit 11 % auf dem dritten Platz. Das wahrscheinlichste Finale lautete Spanien gegen Argentinien.
Ein anderes Bild zeichnete der Opta-Supercomputer, der mehr als zehntausend eigene Simulationen durchführte. Spanien blieb zwar auf dem ersten Platz, allerdings mit einer deutlich geringeren Wahrscheinlichkeit von rund 16 %. Frankreich wurde mit etwa 13 % Zweiter. Die Wettquoten bestätigen dies weitgehend, auch wenn die Buchmacher die Chancen Frankreichs und Englands etwas höher einschätzen als die nüchternen Zahlen von Andrades Modell.
Sportradar führte sogar einhunderttausend Simulationen jedes der 104 Spiele durch. Und das Ergebnis? Frankreich und Spanien liegen bei ihren Titelchancen so dicht beieinander, dass sich kein eindeutiger Favorit bestimmen lässt. Beide Mannschaften gewannen jeweils rund sechzehntausend Finalsimulationen. Drei verschiedene Modelle, drei verschiedene Methoden, und dennoch stimmen sie beim Namen des Favoriten überein.
Warum Spanien, warum jetzt?
Noch Ende April setzten die Modelle England auf den ersten Platz. Was steckt hinter diesem Umschwung? Spanien reist als amtierender Europameister an, mit dem achtzehnjährigen Lamine Yamal im Angriff und einem Mittelfeld mit Rodri und Pedri, das weltweit seinesgleichen sucht. Andrades Modell ergänzt einen einfachen Fakt: Betrachtet man die Zahlen der vergangenen Jahre, sticht La Roja schlicht hervor.
Alle sind sich jedoch einig, dass die Modelle nicht unfehlbar sind. Die Trefferquote bei Ergebnisprognosen anhand historischer Daten liegt bei rund 52 %. Im Fußball, wo der Favorit regelmäßig gegen den Außenseiter verliert, ist das ein respektabler Wert. Eine Garantie ist es aber nicht.
Während die Modelle um den Titel wetteifern, herrscht bei den individuellen Auszeichnungen bemerkenswerte Einigkeit. Kylian Mbappé, mit siebenundzwanzig Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere und Frankreichs wichtigster Torschütze sowie Elfmeterschütze, gilt praktisch überall als Favorit auf den Goldenen Schuh. Die Simulation von Sportradar kürte ihn in mehr als 13 000 von 100 000 Durchläufen zum besten Torschützen, knapp vor Harry Kane. Und Yamal übernimmt die Rolle des besten Nachwuchsspielers, wobei die Einigkeit hier noch größer ist.
Das größte Turnier, die größte Wette
Die Chance, in diesem Jahr persönlich dabei zu sein, ist außerordentlich gering. Die FIFA erhielt mehr als 508 Millionen Ticketanfragen für das Turnier, obwohl nur sieben Millionen Eintrittskarten verfügbar waren. Das neue System dynamischer Ticketpreise sorgte für heftige Reaktionen. Ein Gruppenspiel kostet ab 380 Dollar, ein Premiumplatz bei einem Spiel der USA mehr als viertausend. Auf der offiziellen Wiederverkaufsplattform wurde sogar ein Ticket für 11,5 Millionen Dollar angeboten.
Laut einer Studie der FIFA und der Welthandelsorganisation könnte das Turnier fast 41 Milliarden Dollar zum weltweiten BIP beitragen und mehr als 800 000 Arbeitsplätze fördern. Das Finale im MetLife Stadium findet am 19. Juli statt.
Quellen: cnbc.com und seekingalpha.com



