Sam Altman ist wahrscheinlich der einflussreichste Mensch in der Technologiebranche. Er steht an der Spitze des Unternehmens OpenAI, das de facto den aktuellen KI-Boom ausgelöst hat. Öffentlich spricht er überzeugend über Verantwortung, KI-Sicherheit und die Zukunft der Menschheit. Aus den Aussagen von Menschen, die ihn persönlich kennen, geht jedoch hervor, dass er zwei Gesichter hat.
Mit diesem Thema befasste sich vor Kurzem die US-amerikanische Zeitung The New Yorker und veröffentlichte eine umfangreiche Recherche. Die Journalisten Ronan Farrow und Andrew Marantz ließen darin Dutzende Menschen aus Sam Altmans engem Umfeld zu Wort kommen und untersuchten, wer er wirklich ist. Das Ergebnis ist das Porträt eines Menschen, dessen öffentliches Image und privates Handeln sich diametral unterscheiden.
Die Wahrheit ist keine Verpflichtung
Sam Altman hat mehrere Kritiker, die sich in einem Punkt einig sind: Der Chef von OpenAI verfügt über unglaubliche Überzeugungskraft. Ein Mitglied des Verwaltungsrats erklärte, dass bei ihm zwei Eigenschaften zusammentreffen, die nicht miteinander vereinbar sind. Seiner Ansicht nach sehnt er sich stark nach Akzeptanz und Beliebtheit, ist andererseits aber gleichgültig gegenüber dem, was geschieht, wenn er jemanden bewusst täuscht.
Das ist zudem keine Einzelmeinung. Ähnlich äußerte sich auch Aaron Swartz, der berühmte Hacker und Internetaktivist. Er warnte sein Umfeld bereits vor seinem Tod im Jahr 2013 vor Altman. Ihm zufolge könne man Altman nicht vertrauen, weil er ein Soziopath sei und für seinen eigenen Vorteil alles tun würde.
Sicherheit als leere Floskel
Besonders alarmierend ist dies im Kontext der KI-Sicherheit. Der Chef von OpenAI widmet sich diesem Thema häufig und greift es regelmäßig in seinen Reden und Interviews auf. Quellen aus Altmans Umfeld zufolge handelt es sich dabei jedoch eher um durchdachtes Marketing als um eine echte Überzeugung. Mit seinen Aussagen zur Sicherheit versuche er angeblich, skeptische Wissenschaftler und Ingenieure für sich zu gewinnen, die andernfalls nicht mit OpenAI zusammenarbeiten würden.
An einem konkreten Beispiel veranschaulicht dies Dario Amodei, ein ehemaliger Mitarbeiter von OpenAI und heutiger Chef des Konkurrenten Anthropic. Er schilderte eine Situation aus dem Jahr 2019, als OpenAI über eine Milliardeninvestition von Microsoft verhandelte. Amodei befürchtete, Microsoft könne die festgelegten Sicherheitsverpflichtungen umgehen, und setzte deshalb eine Liste von Sicherheitsbedingungen durch, denen Altman zustimmte. Bei der abschließenden Prüfung des Vertrags bemerkte er jedoch einen Zusatz, der den Sicherheitspunkt stillschweigend in den Hintergrund rückte. Als Altman damit konfrontiert wurde, bestritt er diesen Zusatz vehement. Und das sogar in dem Moment, als Amodei ihm die gesamte Passage laut vorlas.
Verrat am Partner
Ein ähnliches Szenario erlebte auch Microsoft. Obwohl das Unternehmen ein langjähriger und wichtiger Investor von OpenAI ist, steht die Beziehung zwischen beiden Seiten inzwischen keineswegs mehr auf einem soliden Fundament. Microsoft unterstützte OpenAI bereits in der Anfangsphase und wollte im Gegenzug für enorme Investitionen die Zusage, exklusiver Cloud-Anbieter für dessen KI-Modelle zu sein. Anfangs erschien Altman dies sehr vorteilhaft. Doch mit der Zeit begann er, die Bedingungen zu seinen Gunsten auszulegen, bis er sein Wort schließlich überhaupt nicht mehr hielt.
Der Höhepunkt war eine Situation, in der OpenAI am selben Tag, an dem das Unternehmen Microsoft dessen Exklusivstellung bestätigte, eine 50-Milliarden-Dollar-Vereinbarung mit Amazon als exklusivem Partner für ein anderes Produkt unterzeichnete. Microsoft reagierte umgehend und erklärte, die gesamte Angelegenheit vor Gericht klären zu wollen.
Der Mann, der die Zukunft in seinen Händen hält
Auch wenn manche Aussagen den Eindruck erwecken könnten, Altman sei die Verkörperung des Bösen, kam das ehemalige Mitglied des OpenAI-Verwaltungsrats Sue Yoon zu einem einfacheren Schluss. Ihrer Ansicht nach ist Altman kein kaltblütiger Manipulator mit einem ausgeklügelten Plan. Sie sieht in ihm lediglich einen Menschen, der so sehr in seine eigene Realität versunken ist, dass er die Welt um sich herum überhaupt nicht wahrnimmt.
Wie dem auch sei, Altmans gegenwärtige und ehemalige Kollegen sind sich einig, dass man ihm nicht blind vertrauen sollte. Schließlich ist er kein gewöhnlicher Manager eines kleinen Unternehmens. Er ist ein Mensch, dessen Entscheidungen eine Technologie prägen, die die kommenden Jahrzehnte maßgeblich beeinflussen wird.



