In der indischen Hauptstadt kamen die größten Akteure der globalen Technologiebranche zusammen. Sam Altman von OpenAI, Sundar Pichai von Alphabet, Dario Amodei von Anthropic, Demis Hassabis von Google DeepMind und der Industriemagnat Mukesh Ambani. Und das alles unter einem Dach beim viertägigen India AI Impact Summit, der mehr als 250.000 Besucher anzog. Damit sendete Indien ein klares Signal an die Welt: Wir wollen mehr sein als nur billige Arbeitskräfte für Technologieunternehmen.
Milliardeninvestitionen
Die auf dem Gipfel genannten Zahlen sind atemberaubend. Der indische Mischkonzern Adani kündigte bis 2035 Investitionen von 100 Milliarden US-Dollar in den Bau von mit erneuerbarer Energie betriebenen Rechenzentren an. Diese Investition soll weitere 150 Milliarden US-Dollar für nachgelagerte Branchen anziehen, etwa für die Herstellung von Servern oder souveräne Cloud-Plattformen.
Indien stellte zugleich 1,1 Milliarden US-Dollar für einen staatlichen Venture-Capital-Fonds bereit, der Start-ups in den Bereichen künstliche Intelligenz und fortschrittliche Fertigung unterstützen soll. Technologieminister Ashwini Vaishnaw fügte ein ehrgeiziges Ziel hinzu: bis 2028 mehr als 200 Milliarden US-Dollar für die KI-Infrastruktur zu mobilisieren.
Blackstone erwarb unterdessen im Rahmen einer Finanzierungsrunde über 600 Millionen US-Dollar eine Mehrheitsbeteiligung am indischen KI-Start-up Neysa, wobei das Unternehmen den Einsatz von mehr als 20.000 GPUs plant. OpenAI wiederum schloss eine Partnerschaft mit der Tata Group über 100 Megawatt Rechenleistung in Indien mit der Aussicht auf eine Steigerung auf 1 Gigawatt.
Indien als weltweit zweitgrößter Markt für ChatGPT
Sam Altman nannte auf dem Gipfel eine Zahl, die viele überraschte. Indien hat mehr als 100 Millionen wöchentlich aktive ChatGPT-Nutzer und liegt damit direkt hinter den Vereinigten Staaten. Junge Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren machen fast 50 % der gesamten ChatGPT-Nutzung im Land aus. Indien ist außerdem das Land mit den meisten Studierenden, die ChatGPT aktiv nutzen.
Anthropic reagierte darauf auf seine Weise: Das Unternehmen eröffnet seine erste Niederlassung in Indien, und zwar in Bengaluru, und schloss eine Partnerschaft mit dem IT-Riesen Infosys, um Claude-Modelle in indischen Unternehmen einzusetzen. Indien ist für Anthropic nach den USA der zweitgrößte Markt. OpenAI verfolgt denselben Weg und eröffnet zwei neue Niederlassungen in Bengaluru und Mumbai.
Indiens eigene KI-Infrastruktur wächst lawinenartig
Indien will jedoch nicht nur Konsument ausländischer Technologien sein. Das heimische KI-Start-up Sarvam veröffentlichte zwei neue Open-Source-Modelle: Sarvam 30B und Sarvam 105B und schloss Partnerschaften mit Qualcomm, HMD und Bosch, um seine Modelle auf Smartphones, in Autos und in intelligenten Brillen einzusetzen. Außerdem brachte es seinen eigenen Chatbot Indus auf den Markt, der mehrere indische Sprachen unterstützt und direkt auf den Thron von ChatGPT zielt.
Das staatlich unterstützte Konsortium BharatGen veröffentlichte das Modell Param 2 mit 17 Milliarden Parametern, das in 22 Sprachen funktioniert. Tech Mahindra steuerte ein auf Hindi ausgerichtetes Bildungsmodell bei. Cohere Labs brachte eine Familie mehrsprachiger Modelle auf den Markt, die mehr als 70 Sprachen unterstützen. Indien baut schlicht seinen eigenen KI-Technologie-Stack von Grund auf auf.
Schatten über dem IT-Sektor: Droht das Ende der Arbeitsplätze?
Hier trübte sich die Stimmung auf dem Gipfel allerdings etwas ein. Vinod Khosla, Gründer von Khosla Ventures, sagte unverblümt, dass die Branchen für IT-Dienstleistungen und BPO aufgrund von KI „innerhalb von fünf Jahren fast vollständig verschwinden könnten“. HCL-Chef Vineet Nayyar fügte hinzu, dass sich indische IT-Unternehmen auf Gewinne und nicht auf die Schaffung von Arbeitsplätzen konzentrieren würden. Diese Aussagen fielen zu einem Zeitpunkt, an dem indische IT-Aktien von Ausverkäufen betroffen sind.
The Hindu wies in seinem Kommentar zum Gipfel auf ein tiefer liegendes Problem hin: Indien nimmt KI zwar begeistert an, doch Infrastruktur, Kapital und Modelle befinden sich weiterhin überwiegend im Ausland. Eine Strategie, die hauptsächlich auf den Einsatz fremder Modelle und nicht auf deren Training ausgerichtet ist, könnte langfristig riskant sein. Der Vorteil niedriger Arbeitskosten, der Indien im Zeitalter der IT-Dienstleistungen an die Spitze brachte, wird in der KI-Welt deutlich geringer sein.
Mehr als 88 Länder unterzeichneten die Neu-Delhi-Erklärung zur KI, darunter die USA, China und Russland. Indien trat zudem der US-amerikanischen Gruppe Pax Silica bei, die die Lieferketten für KI-Infrastruktur absichern soll. Der Gipfel zeigte, dass Indien über Ambitionen, Kapazitäten und Begeisterung verfügt. Die Frage lautet: Kann das Land diese in echte technologische Souveränität umwandeln, oder wird es lediglich der größte Kunde der globalen KI-Giganten bleiben?



