Elon Musk behauptete lange, SpaceX sei nicht nur ein Raketenunternehmen. Das Unternehmen verdient nämlich immer mehr damit, freie Rechenkapazitäten aus seinen Colossus-Rechenzentren an andere Firmen zu vermieten. Und dabei geht es keineswegs um kleine Summen. Die Verträge mit Google und Anthropic könnten zusammen jährlich rund 26 Milliarden Dollar einbringen, also mehr, als SpaceX im gesamten vergangenen Jahr umgesetzt hat. x
Vermietung von Rechenkapazität für Milliarden Dollar
SpaceX vereinbarte im Mai dieses Jahres, Anthropic für 1,25 Milliarden Dollar monatlich Zugang zu rund 325.000 Nvidia-Grafikchips in den Colossus-Rechenzentren zu gewähren. xAI selbst beschrieb die Vereinbarung so, dass Anthropic Zugang zu Colossus 1 erhält, einem der größten und am schnellsten errichteten KI-Rechenzentren der Welt. Es umfasst Hunderttausende Nvidia-Chips, darunter dicht verbaute H100-, H200- und GB200-Beschleuniger der neuen Generation. Anthropic wird diese Leistung nach eigenen Angaben direkt nutzen, um die Kapazität für Abonnenten von Claude Pro und Claude Max zu erhöhen.
Einige Wochen später folgte der zweite Vertrag. SpaceX schloss eine ähnliche Vereinbarung mit Google, dem es rund 110.000 Chips für 920 Millionen Dollar monatlich anbot. Der Vertrag mit Google läuft von Oktober 2026 bis Juni 2029 und könnte bei vollständiger Erfüllung einen Wert von bis zu 30,4 Milliarden Dollar erreichen. Zudem wächst die Kundenliste weiter. SpaceX unterzeichnete auch mit Reflection AI Vereinbarungen über die Vermietung von Rechenleistung.
Vertrag mit dem Pentagon
Am vergangenen Freitag erschien eine Meldung, die zeigt, wie weit dieses Geschäft reichen könnte. Elon Musk verhandelt laut dem Wall Street Journal mit dem US-Verteidigungsministerium darüber, ihm für den Betrieb von KI-Modellen Zugang zu Rechenkapazitäten im Wert von mehreren Milliarden Dollar zu gewähren. SpaceX würde dem Militär die Rechenzentren dabei nicht verkaufen, sondern ihm die Rechenleistung für einen begrenzten Zeitraum überlassen, ähnlich wie bei einer Vermietung.
Die Gespräche laufen noch und könnten scheitern, wobei weder SpaceX noch das Pentagon bislang auf Anfragen reagiert haben. Sollte die Vereinbarung zustande kommen, würde SpaceX direkt gegen etablierte Anbieter antreten. Bereits heute liefern Amazon, Microsoft, Google und Oracle Kapazitäten an das Pentagon. Amazon kündigte zudem Ende vergangenen Jahres an, über seine Cloud-Sparte AWS bis zu 50 Milliarden Dollar in den Ausbau der KI- und Supercomputing-Kapazitäten für US-Regierungskunden zu investieren.
Mitarbeiter von SpaceX sprachen laut WSJ davon, direkt mit spezialisierten Cloud-Unternehmen wie CoreWeave konkurrieren und Rechenleistung zu niedrigeren Preisen anbieten zu wollen.
Rekordverdächtiger Bau von Colossus
Dass SpaceX überhaupt etwas zu vermieten hat, ist Musks Entscheidung aus dem Jahr 2024 zu verdanken. Damals nahm xAI den ersten großen Colossus-Cluster in nur 122 Tagen in Betrieb, indem eine bestehende Fabrik umgebaut wurde. Seitdem ist das Gelände bei Memphis erheblich gewachsen. Colossus und Colossus II erstrecken sich heute über rund 2 Millionen Quadratfuß und liefern zusammen etwa 1 Gigawatt Rechenleistung, wobei ein Ausbau auf bis zu eine Million Grafikchips geplant ist.
Dieses System funktioniert aus einem einfachen Grund. Die Nachfrage nach Rechenleistung für künstliche Intelligenz wächst schneller als das Angebot. Der Bau eines großen Rechenzentrums dauert üblicherweise Jahre und erfordert enorme Investitionen, weshalb die freien Kapazitäten von SpaceX derzeit sehr gefragt sind. Dadurch kann das Unternehmen von Kunden, die die Leistung sofort benötigen, einen Aufpreis verlangen.
SpaceX ist dank seiner eigenen Rechenzentren flexibel geworden. Das Unternehmen kann die Kapazität an andere Firmen vermieten, darauf neuere Versionen von Grok trainieren oder sie für den eigenen Bedarf von Starlink umleiten.
Grok hinkt hinterher
Das Paradoxe ist, dass die eigene künstliche Intelligenz von SpaceX bislang eher Verluste verursacht. Das Unternehmen erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 18,7 Milliarden Dollar, davon entfielen 11,4 Milliarden auf die Starlink-Konnektivität und etwa 4,1 Milliarden auf Raketenstarts und weitere Raumfahrtaktivitäten. Die KI-Sparte steuerte weitere 3,2 Milliarden Dollar bei, wies zugleich jedoch einen Betriebsverlust von rund 6,4 Milliarden Dollar aus.
Für diesen Verlust ist vor allem Grok verantwortlich. Das große Sprachmodell von SpaceX erfordert enorme Investitionen in Grafikchips, Strom und weitere Infrastruktur, damit das Unternehmen es überhaupt trainieren und betreiben kann. Zudem hinkt Grok den Modellen von Anthropic und OpenAI bislang sowohl beim Umsatz als auch bei den Fähigkeiten hinterher.
Und genau hier erweist sich die Vermietung von Rechenleistung als kluger Schachzug. Selbst wenn Grok die Konkurrenz nicht sofort einholt, zeigt das Geschäft mit der Vermietung von Rechenkapazitäten den Investoren, dass das Unternehmen auch in seiner KI-Sparte einen nachweisbaren Weg zur Profitabilität hat.
Schwindelerregender Unternehmenswert
Bleibt die Frage, warum gerade jetzt so viel darüber gesprochen wird. SpaceX wird nach der rekordverdächtigen Aktienplatzierung im vergangenen Monat mit 1,8 Billionen Dollar bewertet, und Analysten drängen Musk dazu, eine solche Bewertung zu rechtfertigen. Der Börsengang machte Musk dabei kurzfristig zum ersten Dollar-Billionär der Welt.
Kritiker wenden ein, dass der Marktwert des Unternehmens zu einem großen Teil auf äußerst unsicheren Vorhaben beruht, die enorme Investitionen erfordern werden, bevor sie überhaupt Gewinne abwerfen, sofern sie gelingen. Orbitale Rechenzentren und Kolonien auf dem Mars sind noch immer Jahre entfernt. Die Vereinbarungen mit Anthropic und Google zeigen dagegen, dass SpaceX Milliarden aus einer Infrastruktur herausholen kann, die das Unternehmen bereits besitzt.
Auch weitere Kunden werden Interesse an den freien Kapazitäten von SpaceX zeigen, da sich heute praktisch alle darum überbieten, sich Rechenleistung möglichst frühzeitig zu sichern.
Quellen: reuters.com und fortune.com



