Google-KI-Modus: Revolution bei der Suche droht Verlagen einen Einbruch des Traffics zu bescheren
Der Google-KI-Modus stellt eine grundlegende Veränderung der Art und Weise dar, wie Nutzer nach Informationen suchen. Diese experimentelle Funktion, die nur in den Vereinigten Staaten aktiv ist, ermöglicht es Nutzern, direkt in den Suchergebnissen eine KI-generierte Antwort zu erhalten. Barry Adams vom Search Engine Journal warnt vor dramatischen Auswirkungen für Verlage weltweit.
Der KI-Modus basiert auf der Technik der „Abfrageerweiterung“ (Query Fan-out), bei der im Hintergrund zahlreiche zusammenhängende Suchanfragen ausgeführt werden. Die Ergebnisse werden anschließend gesammelt, zusammengefasst und in eine KI-generierte Antwort integriert. Google stellte den KI-Modus offiziell auf der Konferenz Google I/O 2025 vor und betonte dabei, die Funktion solle „noch mehr von dem entdecken, was das Web zu bieten hat“, und „unglaubliche, hochrelevante Inhalte“ finden.
Nach dem Test des KI-Modus räumt Adams ein, dass die Funktion nützliche Antworten mit detaillierten Erklärungen liefert. Zugleich weist er jedoch darauf hin, dass die Notwendigkeit, auf die Quellwebsites zu klicken, geringer wird. Nutzer stellen der KI häufig lieber eine weitere Frage, als auf eine Webseite voller Cookie-Einwilligungen, E-Mail-Pop-ups und störender Werbung zu klicken.
Dramatische Auswirkungen auf Nachrichtenwebsites
Besonders problematisch sind die Auswirkungen des KI-Modus auf Nachrichtenwebsites. Im Gegensatz zu KI-Übersichten (AI Overviews) liefert der KI-Modus für nahezu jede Suchanfrage eine Zusammenfassung, einschließlich Suchanfragen zu aktuellen Nachrichten. Adams nennt konkrete Beispiele, bei denen der KI-Modus Nachrichtenanfragen ausschließlich mit Links zu Wikipedia beantwortete, während die reguläre Suchergebnisseite (SERP) eine Box mit den wichtigsten Meldungen (Top Stories Box) und sieben Nachrichtenbeiträgen enthielt.
Diese Situation verkürzt die Lebensdauer von Nachrichten erheblich. Während eine Nachrichtenbox in der herkömmlichen Suche nach einem bedeutenden Ereignis mehrere Tage lang bestehen bleibt, können Nachrichtenquellen im KI-Modus schnell durch Links zu Wikipedia ersetzt werden. Adams nennt als Beispiel die Suchanfrage „Wer hat Roland Garros 2025 gewonnen?“, bei der die reguläre Google-Suche eine umfangreiche Nachrichtenbox anzeigte, während der KI-Modus lediglich auf Wikipedia verwies.
Alarmierender Rückgang der Klickrate
Eines der schwerwiegendsten Probleme ist die erwartete niedrige Zahl an Klicks (CTR – Click-through Rate) von KI-Antworten auf die zitierten Quellen. Adams schätzt, dass die Klickrate aus dem KI-Modus wahrscheinlich noch niedriger sein wird als bei KI-Übersichten. Das bedeutet, dass Verlage einen Rückgang des Traffics aus der Google-Suche um 50 % oder mehr verzeichnen könnten.
Google behauptet in seinen offiziellen Stellungnahmen, dass der KI-Modus die Entdeckung von Inhalten fördern und „nützliche Links im Web sichtbar machen“ soll. Das Unternehmen gibt an, dass KI-Übersichten zu einem Anstieg der Suchanfragen um mehr als 10 % und zu einer höheren Nutzeraktivität führen. Dennoch deutet Google in seiner neuesten Dokumentation stark auf einen Rückgang des Traffics hin und ermutigt Verlage, „verschiedene Conversion-Kennzahlen auf ihren Websites zu berücksichtigen“.
Geringe Nutzerakzeptanz als vorübergehende Entlastung
Die gute Nachricht ist die geringe Akzeptanz des KI-Modus unter den Nutzern. Daten von Similarweb zeigen, dass die Nutzung des Tabs „KI-Modus“ auf Google.com in den Vereinigten Staaten bei etwas mehr als 1 % liegt. Das entspricht etwa der Hälfte der Beliebtheit des Nachrichten-Tabs, der selbst nicht besonders populär ist. Adams glaubt, dass Google versuchen könnte, den KI-Modus stärker hervorzuheben, möglicherweise indem es ermöglicht, von einer KI-Übersicht in den KI-Modus zu wechseln.
Drei Überlebensstrategien für Verlage
Adams schlägt drei wesentliche Überlebensstrategien vor. Die erste besteht in der Nutzung des Google-Discover-Feeds, der die Auswirkungen durch seine Ausweitung auf Chrome-Desktopbrowser abmildern könnte. Die erweiterte Präsenz von Discover bietet mehr Möglichkeiten für Sichtbarkeit. Die Abhängigkeit von Discover kann jedoch schlechte Gewohnheiten fördern, da reißerische Überschriften (Clickbait) und oberflächlicher Journalismus in diesem Feed gut funktionieren.
Die zweite Strategie ist die Diversifizierung von Traffic und Einnahmen (Revenue). Verlage müssen über mehr Kanäle wachsen als nur über die Suche. Bezahlschranken (Paywalls) scheinen für viele Verlage unvermeidlich zu sein. Podcasts sind zu einem Grundpfeiler der Strategien vieler Verlage geworden – sie lassen sich einfach produzieren und benötigen nicht viele Abonnenten, um wirtschaftlich tragfähig zu sein. Ein weiteres Format sind Videos, insbesondere Kurzvideos mit plattformübergreifendem Potenzial (YouTube, TikTok, Instagram). E-Mail-Newsletter bleiben ein beliebter Kanal mit wachsendem Potenzial.
Die dritte und wichtigste Strategie ist der Aufbau einer starken Verlagsmarke, nach der das Publikum aktiv sucht. Markenbezogene Besuche (Brand Visits) bleiben auch vom KI-Modus unberührt. Wenn jemand eine bestimmte Website besuchen möchte, ruft er sie direkt auf. Die Stärke einer Marke führt zu Publikumsloyalität und erleichtert es, Leser zur Installation von Apps, zum Abonnieren von Newslettern oder zum Anhören von Podcasts zu bewegen.
Zukunft und Optimierung für KI
Eine starke Markenpräsenz im Web bildet ironischerweise die Grundlage für die Optimierung der KI-Sichtbarkeit. Große Sprachmodelle (LLM) sind „Wiederkäuer“ von Webinhalten. Wenn eine Marke also häufig im Web erwähnt wird, ist es wahrscheinlicher, dass sie in von LLM generierten Antworten als Quelle zitiert wird.
Google begann im Juni 2025 damit, Traffic-Daten aus dem KI-Modus in die Search-Console-Berichte aufzunehmen. Ein Klick wird gezählt, wenn im KI-Modus ein Link zu einer externen Seite ausgewählt wird, eine Impression, wenn ein Link in den Antworten des KI-Modus sichtbar ist.
Der KI-Modus von Google stellt eine grundlegende Veränderung der digitalen Landschaft dar, die potenziell dramatische Auswirkungen auf Verlage hat. Während die derzeit geringe Akzeptanz vorübergehend für Entlastung sorgt, müssen Verlage auf eine breitere Einführung dieser Technologie vorbereitet sein und aktiv an Strategien zur Diversifizierung und zum Aufbau einer starken Marke arbeiten. Das Schlimmste, was man als Verlag sein kann, ist, in Vergessenheit zu geraten.



