Entwickler bekamen KI als Erste. Tools wie GitHub Copilot wurden zum Standard, und Start-ups in diesem Bereich erreichten Milliardenbewertungen. Jetzt zeigt sich, dass die Finanzabteilungen an der Reihe sind. Und zwar früher, als die meisten Menschen denken.
Die amerikanische Investmentgesellschaft Battery Ventures beschloss, diese Annahme zu überprüfen. Dabei verließ sie sich nicht auf Eindrücke und Schätzungen, sondern erhob Daten von 129 Finanzvorständen und hochrangigen Finanzmanagern aus Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 50 Millionen bis über 5 Milliarden US-Dollar. Die Umfrage fand von Dezember 2025 bis Februar 2026 statt. Und was kam dabei heraus? Ein widersprüchliches Bild.
Das Interesse ist da, doch die Ergebnisse fehlen bislang
Auf dem Papier sehen die Zahlen optimistisch aus. 17 % der befragten CFOs setzen KI bereits produktiv ein, weitere 34 % testen sie aktiv und 28 % planen dies. Nur ein Fünftel befindet sich bislang in der Phase „Wir denken darüber nach“.
Doch unter der Oberfläche verbirgt sich eine unangenehme Realität. Von allen, die KI ausprobiert haben, melden nur 4 % eine Erfolgsquote ihrer Pilotprojekte von über 50 %. Die übrigen 96 % sind also schlicht gescheitert. Das ist nach wie vor eine viel zu hohe Zahl. Wie ist das überhaupt möglich? Interesse ist schließlich vorhanden, Budgets werden freigegeben und die Technologie verbessert sich. Das Problem liegt woanders.
Zwei Hindernisse, die den gesamten Markt ausbremsen
Battery Ventures identifizierte zwei konkrete Barrieren, die einer breiten Einführung im Wege stehen.
Die erste ist die Ungenauigkeit der Modelle und die unklare Kapitalrendite. Ganze 71 % der Befragten bezeichnen die Ungenauigkeit von KI-Modellen als ihr größtes Problem. Ein Drittel kann die Investition nicht mit Zahlen rechtfertigen. Paradoxerweise sind zugleich 95 % der Befragten bereit, für KI einen überdurchschnittlichen Preis zu zahlen, doch 44 % sorgen sich um die Gesamtkosten. Finanzvorstände verstehen das Potenzial, benötigen aber Belege statt Versprechungen.
Das zweite Hindernis sind die Integration und die Datenqualität. Hier brachte die Umfrage eine ihrer interessantesten Erkenntnisse. Die Frage lautete: Wollen Sie KI von den Anbietern Ihrer bestehenden Systeme oder ein neues System von Unternehmen, die sich ausschließlich auf KI konzentrieren? Die Antwort war eindeutig. 77 % der CFOs wollen neue KI-Tools, die an ihre bestehenden Systeme angebunden werden, ohne in diese einzugreifen. Nur 15 % wären bereit, das gesamte System durch ein neues zu ersetzen, das von Grund auf auf KI basiert.
Das bringt jedoch ein eigenes Problem mit sich. Die Finanzdaten in Unternehmen sind über alte ERP-Systeme, Bankintegrationen, Excel-Tabellen und verschiedene Zahlungstools verstreut. Und die Hälfte der Befragten bewertet die Qualität ihrer Daten als durchschnittlich oder unterdurchschnittlich. Bevor KI funktionieren kann, muss jemand diese Daten ordnen und aufbereiten.
Wann und wie KI im Finanzwesen punkten wird
Es gibt jedoch einen konkreten Grund für Optimismus. Das Forschungsinstitut METR beobachtet seit Langem, wie sich KI bei der selbstständigen Erledigung von Aufgaben verbessert. Seine Erkenntnis: Die Dauer der Aufgaben, die KI autonom bewältigen kann, verdoppelt sich ungefähr alle sieben Monate. Die besten Modelle können heute Aufgaben erledigen, für die ein menschlicher Experte mehrere Stunden benötigt. In ein oder zwei Jahren könnten sie auch einen ganzen Arbeitstag bewältigen.
Für Finanzabteilungen hat das direkte Auswirkungen. Die Aufgaben, die CFOs am stärksten automatisieren möchten, wie Kontenabstimmungen, Rechnungsverarbeitung, Abweichungsanalysen oder Buchungssätze, sind genau jene Arten strukturierter, aber komplexer Prozesse, die von dieser Verbesserung am meisten profitieren. Zudem geben 57 % der Finanzvorstände an, einen mäßigen bis starken Druck seitens des Verwaltungsrats und der Investoren zu verspüren, etwas mit KI zu unternehmen. Und 72 % erwarten, dass ihr Technologiebudget in den nächsten zwei bis drei Jahren steigen wird. Der Druck ist also real, und das Geld wird kommen.
Wo werden Finanzabteilungen KI tatsächlich einsetzen, sobald Unternehmen diese beiden Hindernisse überwunden haben? Die Umfrage zeigt klare Prioritäten:
- Verbindlichkeiten und Einkauf (52 % der Befragten) - Rechnungsverarbeitung und Lieferantenmanagement
- Finanzplanung und Prognosen (40 %) - Automatisierung von FP&A-Prozessen
- Forderungen (35 %) - Zahlungsverfolgung und Cashflow-Management
- Abschluss und Konsolidierung (27 %) - Monats- und Jahresabschlüsse
Was die Beschaffung betrifft, planen 95 % der CFOs, eine fertige Lösung zu kaufen, statt eine eigene zu entwickeln. Und 67 % glauben, dass sie für den Produktivbetrieb spezialisierte KI-Tools für das Finanzwesen benötigen und keinen direkten Zugang zu allgemeinen Sprachmodellen.
65 % der CFOs erwarten, dass sie KI in den nächsten ein bis zwei Jahren erstmals einsetzen oder ihre Nutzung ausweiten werden. Und 92 % sind bereit, einen Teil der Personalkosten in KI-Tools umzuleiten.



