Europa hat höchstens ein bis zwei Jahre, um bei KI aufzuholen, warnen Experten

Europa hat höchstens ein bis zwei Jahre, um bei KI aufzuholen, warnen Experten

Ondřej Barták
Ondřej Barták
Unternehmer und Programmierer
17. 7. 2026
4 Minuten Lesezeit
Europa hat höchstens ein bis zwei Jahre, um bei KI aufzuholen, warnen Experten

Europa ist in der Lage, Spitzenforscher auszubilden, und betreibt leistungsstarke Supercomputer. Dennoch entstehen die leistungsfähigsten Modelle der künstlichen Intelligenz anderswo. Genau darauf weist ein Bericht hin, den das Amt für künstliche Intelligenz der Europäischen Kommission veröffentlicht hat. Er fasst die Schlussfolgerungen von mehr als hundert Fachleuten zusammen und sendet eine Botschaft an Europas politische Führung. Europa hat für wichtige Entscheidungen noch etwa ein bis zwei Jahre Zeit. Trifft es sie nicht, wird es aus einer schwächeren Position über den Zugang zur fortschrittlichsten KI verhandeln.

Die Kommission berief ein Expertenforum ein, um Europas Position bei hochmoderner künstlicher Intelligenz, der sogenannten Frontier-KI, zu bewerten. Damit sind die leistungsfähigsten Modelle an der Grenze dessen gemeint, was die Technologie zu einem bestimmten Zeitpunkt leisten kann. Sie schreiben Code, beschleunigen die Forschung und können sowohl offensive als auch defensive Cyberfähigkeiten entwickeln.

Das Forum trat erstmals im April zusammen. Daran beteiligten sich europäische Entwickler, Forscher, Vertreter der Industrie, Investoren und Mitarbeiter von Fachinstituten sowie Beamte der Mitgliedstaaten und der Kommission. Das daraus hervorgegangene Dokument spricht offen von einem sich schließenden Zeitfenster. So etwas findet man in Brüsseler Dokumenten normalerweise nicht.

Die Fachleute erinnern daran, dass die Modelle in nur drei Jahren enorme Fortschritte gemacht haben. Noch vor Kurzem scheiterten sie an einfachen Aufgaben. Heute nähern sie sich der Obergrenze dessen, was sich mit den derzeitigen Tests überhaupt messen lässt. Der Markt entwickelt sich im gleichen Tempo. Europa steht dabei jedoch abseits. Es bildet einen großen Teil der weltweit erfolgreichen Fachkräfte der Branche aus und bringt erstklassige Forschung hervor. Doch die Entwicklung eigener besonders leistungsfähiger Modelle findet hauptsächlich außerhalb der Union statt.

Was Europa fehlt und was es ausbremst

Die eindringlichste Warnung betrifft die Rechenleistung. Laut dem Bericht verfügt die Europäische Union nur über etwa 5 % der weltweiten Kapazitäten für das Training und den Betrieb von Modellen. Die Experten fordern deshalb, dass die Union ihren Anteil verdreifacht.

Rechenleistung ist ein Rohstoff, ohne den hochmoderne KI nicht auskommt. Ohne genügend Chips, Rechenzentren und Energie bleibt selbst starke Forschung auf kleine Experimente beschränkt. Wer nicht über die nötigen Kapazitäten verfügt, verliert den Kampf um das Wertvollste: um die besten Chips, um die Möglichkeit, brillante Köpfe zu bezahlen, und um die Geschwindigkeit, mit der sich Modelle verbessern.

Zu den fehlenden Kapazitäten kommen die Energiekosten hinzu. Laut dem Bericht sind die industriellen Strompreise in Europa mehr als doppelt so hoch wie in den Vereinigten Staaten. Das Training großer Modelle verbraucht dabei enorme Mengen an Strom. Der Wettbewerb um KI verlagert sich somit von der Softwareebene auf Grundstücke, Genehmigungen, Chiplieferungen und Stromlieferverträge. Rechenleistung und die Energie, die sie antreibt, bezeichneten die Fachleute als dringlichste Priorität der kommenden zwei Jahre.

Amerika vs. Europa

Der Unterschied zwischen den Kontinenten zeigt sich auch bei den Umsätzen. Die beiden größten amerikanischen Labore erzielten zusammen einen Jahresumsatz von rund 60 Milliarden Dollar. Europas Spitzenunternehmen liegen bei etwa einem Prozent dieses Betrags. Gerade der Umsatz entscheidet darüber, wer die besten Chips kaufen, Spitzenentwickler bezahlen und seine Modelle schneller als die Konkurrenz verbessern kann.

Die Lage ist nicht hoffnungslos. Der Bericht zählt auf, wo die Union weiterhin starke Karten in der Hand hält. Dazu gehören die Größe des Binnenmarkts, die Stärke der europäischen Vorschriften, die industrielle Basis und die führende Stellung in einigen Bereichen der Lieferkette rund um KI. Die Fachleute raten, diese Stärken zunächst sorgfältig zu erfassen und sie anschließend zu schützen und klug zu nutzen. Sie erwähnten auch die Zusammenarbeit mit befreundeten Ländern, die mit ähnlichen Einschränkungen konfrontiert sind. Gemeinsam können sie ihren Einfluss vervielfachen.

Empfohlene Änderungen und Ziele

Das Rezept der Fachleute lautet, dass die Genehmigungsverfahren für Rechenzentren und deren Netzanschluss beschleunigt werden müssen. Der teurere und langsamere Zugang zu Strom muss angegangen werden. Vor allem aber braucht es Rechtssicherheit bei Trainingsdaten, denn derzeit werden Entwickler durch Unklarheiten beim Urheberrecht und Datenschutz ausgebremst. Gerade das Urheberrecht bleibt ein offener Punkt. Zu wenig Spielraum erdrückt europäische Unternehmen. Zu wenig Schutz wiederum bringt Autoren und Verlage gegen Brüssel auf. Ein Gleichgewicht dazwischen zu finden, wird heikel sein.

Daneben schlagen die Experten vor, auch auf einige mutige Vorhaben mit hohem Risiko und hoher Rendite zu setzen, bei denen Europa eine Führungsrolle übernehmen könnte. Sei es in der derzeitigen Entwicklungsrichtung oder bei alternativen Ansätzen. Am häufigsten ist von industrieller KI die Rede, bei der Europa dank seiner Automatisierungskompetenz einen Vorsprung hat.

Die Fachleute waren sich einig, dass das Tempo der Union der Geschwindigkeit der Technologie selbst entsprechen muss. Sie empfehlen daher, sich ehrgeizige Ziele für das Jahr 2030 zu setzen und Frontier-KI zu einer echten politischen Priorität in allen europäischen Institutionen zu machen.

Und wieder geht es um Geld. Die europäische KI-Branche stößt auf einen wenig entwickelten Kapitalmarkt für Unternehmen in der Wachstumsphase. Geld für erste Ideen lässt sich beschaffen, für eine umfassende Skalierung dagegen deutlich schwerer. Dieses Kapital leichter zugänglich zu machen, gehört zu den wichtigsten Aufgaben, die der Bericht aufführt.

Quellen: digital-strategy.ec.europa.eu und euractiv.com

Kategorie:KI
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