In den letzten Wochen wird das Silicon Valley von einer Entlassungswelle erschüttert. Amazon kündigte den Abbau von rund 14.000 Stellen in der Verwaltung an, was nach Angaben des Unternehmens mit der Notwendigkeit einer schlankeren Struktur zusammenhängt, um die Chancen der künstlichen Intelligenz zu nutzen. Chegg reduzierte seine Belegschaft um 45 % und verwies dabei auf die durch KI verursachten „neuen Realitäten“. Salesforce entließ rund 4.000 Mitarbeiter im Kundenservice, wobei CEO Marc Benioff behauptet, dass KI-Agenten deren Arbeit übernommen hätten.
Experten sehen das jedoch nicht so schwarz-weiß. Martha Gimbel vom Budget Lab der Yale University warnt vor übertriebenen Reaktionen auf die Ankündigungen einzelner Unternehmen, da alle von KI verunsichert seien. Der Technologieinvestor Chamath Palihapitiya weist darauf hin, dass die jüngsten Entlassungen eher die spezifischen Einstellungspraktiken der Unternehmen und wirtschaftliche Zyklen widerspiegeln. Unterstützt wird seine Einschätzung auch vom Oxford-Forscher Fabian Stephany.
Pandemie und Zinssätze spielen eine Rolle
Das Budget Lab der Yale University verfolgt seit 2022 Marktdaten und stellte fest, dass viele Unternehmen, die jetzt Personal abbauen, während der Pandemie massiv eingestellt hatten, als die Zinssätze nahe null lagen. Jetzt, da die Kreditkosten gestiegen sind, kürzen die Unternehmen – und KI dient als willkommener Vorwand für ein besseres Image.
Amazon meldete beispielsweise im Juli Quartalsergebnisse, die die Erwartungen der Wall Street übertrafen, darunter einen Umsatzanstieg von 13 % auf 167,7 Milliarden Dollar (rund 3,9 Billionen CZK). Dennoch plant das Unternehmen Einsparungen, um „schlanker organisiert“ zu sein. Enrico Moretti von der University of California, Berkeley, sagt, dass große Technologieunternehmen wie Amazon bei KI-bedingten Kürzungen an vorderster Front stehen, da sie sowohl Produzenten als auch Nutzer von KI sind.
KI ersetzt nur einen minimalen Anteil der Fähigkeiten
Dem Indeed’s AI at Work Report 2025 zufolge kann KI nur rund 0,7 % von fast 3.000 beruflichen Fähigkeiten ersetzen. Was wir beobachten, ist eine Mischung aus tatsächlicher Ersetzung von Arbeit durch KI und bequemer Unternehmensrhetorik. Es wird Jahre dauern, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Im Fall von Chegg, einem Online-Bildungsunternehmen, hängt der Abbau von 388 Stellen (45 % der Belegschaft) mit einem Rückgang der Besucherzahlen aufgrund von KI-Tools wie ChatGPT zusammen. Das Unternehmen verklagte Google im Februar wegen der Beeinträchtigung seines Geschäfts durch dessen KI-Übersichten, bislang jedoch ohne Erfolg. Der neue CEO Dan Rosensweig, der aus einer erfolgreicheren Ära des Unternehmens zurückkehrt, hat die Aufgabe, die Struktur neu aufzubauen.
Bislang keine massive Veränderung auf dem Arbeitsmarkt
Eine Studie der Federal Reserve Bank of St. Louis stellte einen Zusammenhang zwischen Berufen mit stärkerer KI-Präsenz und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit seit 2022 fest, allerdings nur in bestimmten Bereichen wie der administrativen Unterstützung. Morgan Frank von der University of Pittsburgh stellte fest, dass nach der Einführung von ChatGPT im November 2022 die Wahrscheinlichkeit von Arbeitslosigkeit Anfang 2023 nur bei Büro- und Verwaltungsberufen stieg.
Lawrence Schmidt von der MIT Sloan School of Management sagt, dass Amazon aufgrund seiner Größe schneller automatisieren könne, erwartet jedoch eher eine Umverteilung von Aufgaben als massive Arbeitsplatzverluste. Der Arbeitsmarkt verändert sich schneller als früher, aber nicht dramatisch – und das vor allem aufgrund wirtschaftlicher Zyklen, nicht allein wegen KI.



